Frankenthal Geisterstadt mit großer Zukunft

Häuser verlassen, Bäume herbstlich kahl, Menschen eine Seltenheit: So zeigte sich das Kasernengelände nach dem Abzug der US Army
Häuser verlassen, Bäume herbstlich kahl, Menschen eine Seltenheit: So zeigte sich das Kasernengelände nach dem Abzug der US Army.

Die Soldaten sind abgezogen, die US Army hat Mannheim verlassen. Zurückgeblieben sind leere Kasernen und Wohnsiedlungen, zum Teil riesige Areale, die künftig nicht mehr militärisch, sondern zivil genutzt werden. Mit ihrem Film „Niemandsland“ dokumentieren Philipp Kohl und Donni Schoenemond die Konversion des Benjamin Franklin Village im Stadtteil Käfertal.

Mehr als 60 Jahre lang war das Benjamin Franklin Village so etwas wie eine Stadt neben der Stadt. Zeitweise lebten und arbeiteten bis zu 8000 Amerikaner hier. Vor fünf Jahren zog die Army ab. Die Folge: Leerstand auf einer Fläche von über 144 Hektar, größer als die Mannheimer Quadrate. „Niemandsland“ beginnt im Regen und Nebel. Das Village als Geisterstadt und unwirtliche Kulisse vergangenen Lebens: Bäume ohne Laub, Straßen ohne Fahrzeuge, Gebäude ohne Menschen, eine Disco ohne Besucher, ein Kindergarten ohne Kinder und ein Spielplatz, den die Natur zurückerobert, leere Wohnungen, Räume und Spinde, verschlossene Praxen, verwaiste Geschäfte, verlassene Clubräume. Später sind auch Aufnahmen zu sehen, die sichtlich in der Sommerhitze entstanden sind oder in winterlichem Schnee, doch die herbstlichen Bilder, die einem Endzeitfilm entstammen könnten, illustrieren am besten die Ausgangslage. Philipp Kohl aus Mannheim-Neckarau und Donni Schoenemond, der ursprünglich aus der Eifel stammt, haben das Village nämlich genau so kennengelernt: als ausgestorbene Stadt oder „lost place“. „Es war dieser Moment, nachdem alle weg waren und bevor alle wieder kamen“, meint Schoenemond, der vor Jahren nach Mannheim zog, um an der Popakademie zu studieren. Beide kamen erst an ihren Drehort, als das Gelände schon über Jahre brach gelegen hatte. Ins Village führte die Filmemacher der ausdrückliche Auftrag der städtischen Geschäftsstelle Konversion, den Prozess der Umwandlung des Areals über eineinhalb Jahre zu dokumentieren. „Wir hatten dabei die Idee, dass wir die Fläche als Protagonisten in den Mittelpunkt stellen, als eine Art Manege, in die dann die verschiedenen Charaktere treten“, rekapituliert Schoenemond. „Wir haben versucht, Menschen aus verschiedenen Professionen zu finden und zu begleiten, um das Thema nicht nur aus einer Perspektive, sondern aus unterschiedlichen Blickwinkeln beleuchten zu können.“ So folgt ihr Film einer Tierschützerin, die sich der streunenden Katzen annimmt, die die Amerikaner zurückgelassen haben; einem Mann, den sie „Mister Franklin“ nennen, da er selbst über das weitläufige Terrain zu streunen scheint, dabei als eine Art Geländewart fungiert, es überwacht und sichert; und dem Künstler Philipp Morlock, der sicherstellt, dass nichts Wiederverwertbares weggeworfen wird, und selbst beim Rückbau Kreativität beweist. Architekt Winy Maas spricht allgemein von der Erwartung, der Hoffnung und den Möglichkeiten, die sich bieten, Konrad Hummel, der ehemalige Geschäftsführer der Mannheimer Wohn- und Stadtentwicklungsgesellschaft MWSP, äußert sich konkreter über den Umbauprozess, „die komplexeste Aufgabe, die ich je hatte“. Ihm ist die Zukunft so wichtig wie die Vergangenheit. „Wir sind nicht auf dem Reißbrett, wir sind mitten in der Geschichte und müssen sie umwandeln“, sagt er. Nach ehemaligen Bewohnern des Village, die mit dem Viertel oder einzelnen Gebäuden individuelle Erinnerungen verbinden, kommt der Polier, für den die Bauten, die er abreißt, nur noch Nummern sind. Zwischendurch platzt unerwartete Dynamik hinein, wenn die verwaiste Siedlung plötzlich zur Erstaufnahmestelle für Flüchtlinge wird. Die musikalisch etwas überladene Doku mit dem Untertitel „Über die Zukunft einer verlassenen Stadt“ stellt neben dem Ort die Menschen vor, die ihn verändern, die planen, investieren oder seine Zwischennutzung inszenieren. Kohl, der in Mannheim bereits die Fußball-Doku „Transnationalmannschaft“ drehte, und Schoenemond fangen die Freiheit und Weite des Ortes ein und erzählen in Episoden gleichsam von Pionieren, die ihn zurückerobern und neu beleben.

Haben das Benjamin Franklin Village erst nach dem Abzug der Amerikaner kennengelernt: Philipp Kohl (links) und Donnie Schoenemon
Haben das Benjamin Franklin Village erst nach dem Abzug der Amerikaner kennengelernt: Philipp Kohl (links) und Donnie Schoenemond.
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