Frankenthal
DSDS-Sänger Aaron Seider: So hat er die Casting-Show als Teilnehmer erlebt
Zum DSDS-Superstar haben Sie es nicht geschafft. Bereuen Sie Ihren Auftritt bei RTL?
Nein, es war eine Erfahrung, die ich gern mitgenommen hab’. Ziel war, einfach reingehen und schauen, wie weit ich komme. Für den Recall hat es gereicht. Alles mehr wäre ein schönes Plus gewesen. Unterm Strich bin ich zufrieden.
Es ging ja einiges schief für Sie.
Die Songauswahl in den Top 30 war nicht die beste, da hätte ich mir was anderes gewünscht. Ich sollte „Tau mich auf“ von Zartmann singen. Den Song mag ich nicht so. Er war vor einem Jahr voll der Renner, mittlerweile ist er nicht mehr so angesagt. Beim Casting davor durfte ich mir die Lieder aussuchen, da hab’ ich „Wer wenn nicht wir“ von Wincent Weiss genommen und „Ich lass für Dich das Licht an“ von Revolverheld.
Und Sie waren nicht in Topform.
Stimmt. Im Casting war ich erkältet. Und im Recall hatte ich eine frische Mandelentzündung. Das war echt nicht geil. Da kann man nicht alles zeigen, was man kann. Am Tag davor hatte ich gar keine Stimme. Ich hab das Beste daraus gemacht.
Erzählen Sie doch mal, wie die 22. Staffel entstand. Das Prozedere ist ja ziemlich aufwendig.
Ich hatte mich schon für die vorherige Staffel beworben. Da hatte es nicht funktioniert. Ich stand musikalisch noch am Anfang. Beim zweiten Versuch war ich im Juli vorigen Jahres in Mannheim bei einem offenen Casting. Da saß noch nicht die echte DSDS-Jury, ich habe vor Talentscouts von der Produktion gespielt. Dann kam ich eine Runde weiter: Ich habe Videos geschickt. Und irgendwann kam dann der Anruf: Du bist dabei. Ich war überrascht und happy, hatte nicht mit einer Zusage gerechnet. Das offizielle Casting fand dann im September in den MMC-Studios in Köln statt. Im November im Europapark Rust war der Recall. Beides wurde gefilmt und im April ausgestrahlt.
Monatelang durften Sie nicht verraten, wie weit Sie bei DSDS gekommen sind. Wie war das für Sie?
Das war eine sehr schwierige Zeit (lacht). Ich musste ständig aufpassen, was ich ausplaudere und was nicht. Dabei hatte ich das Bedürfnis, alles zu erzählen. Es war eine gute Übung, so etwas musste ich vorher noch nie hinkriegen.
Wie kamen Sie mit den Kommentaren der Jury klar, in der Pop-Titan Dieter Bohlen, Rapper Bushido und Partyschlager-Sängerin Isi Glück saßen? Bohlen könnte vom Alter her Ihr Großvater sein. Bushido und Glück sind im Alter Ihrer Eltern.
Das Alter ist nicht der Punkt. Sondern die Erfahrung der Jury in der Musikszene. Die Kommentare waren okay, das war ehrliches Feedback. Das einzig negative Feedback kam von Bohlen. Der Dieter sagte, ich würde nicht jeden Ton treffen, aber man könne mit mir arbeiten. Und das ist ja wieder positiv.
Insgesamt hatten die beiden Sendungen dreieinhalb Millionen Zuschauer. Das ist fast die Einwohnerzahl von Berlin. Sind das nicht Zahlen, bei dem einem im Nachhinein schwindelig wird?
Das ist unfassbar viel, hat mir aber nichts ausgemacht. Als ich mit meiner Familie und Freunden die Sendungen angeschaut habe, ging bei mir die Pumpe. Die Einschaltquoten sind anonyme Zahlen. Aber im engeren Kreis mit Leuten zu sitzen, die für mich am wichtigsten sind, das ist schon was ganz anderes.
Laufen Ihnen nach Ihren prominenten Auftritten die Frauen hinterher?
Tatsächlich haben sich bei mir nach der Ausstrahlung nicht nur Frauen gemeldet, sondern auch einige Typen – eine bunte Mischung. Es gab offene Avancen, Komplimente und negative Kommentare. Kritik nehme ich immer an. Doch wenn es nur unkonstruktive Beleidigungen sind, beschäftigen die mich nicht sonderlich. So was gibt es immer.
Könnten Sie die Zeit zurückdrehen: Würden Sie den ganzen Rummel noch einmal mitmachen mit dem Wissen, wie es ausging?
Puh, das ist eine sehr schwierige Frage. Ich denke, ich würde es trotzdem probieren. Aber ein zweites Mal möchte ich nicht teilnehmen. Die Erfahrung hat mir gereicht. Ich hatte den Eindruck, dass von Anfang an feststand, wer diese Staffel gewinnen wird. Jetzt geh’ ich meinen eigenen Weg und schau, was auf mich zukommt.
Ist das Format Fernsehen für Leute Ihrer Generation überhaupt noch angesagt?
Ich schaue kein TV. Und hab den Fernseher nur eingeschaltet, weil ich selber zu sehen war. Aber DSDS postet ja sehr viel im Netz. Und da erreicht man junge Menschen.
Auf Instagram haben Sie einen Kurzfilm gepostet. Darin spekulieren Sie mit Freunden, die auch in der Staffel gesungen haben – Oli Gengenbach und Sebastian Jaeger – über Popmusik in 40 Jahren. Zu welchem Fazit sind Sie gekommen?
Wir hatten überlegt, ob in den 2060er-Jahren nur noch Künstliche Intelligenz diese Musik produzieren wird. Meine Meinung: Das einzig Wichtige sind Live-Auftritte. Und was KI niemals schaffen wird ist, dabei echte Gefühle rüberzubringen. Die Interaktion auf der Bühne mit dem Publikum kann keine Maschine hinbekommen.
Ist der Traum vom Popstar für Sie nun ausgeträumt?
Nein, der Traum ist auf jeden Fall nicht vorbei. Es gibt ja einige Leute, die bei Castingshows mitgemacht und nicht gewonnen haben. Und die es trotzdem geschafft haben, sich einen Namen zu machen. Etwa Wincent Weiss, der einer meiner Vorbilder ist, bei der zehnten Staffel von DSDS dabei war und schon mit drei goldenen Schallplatten ausgezeichnet wurde. Der Key ist einfach: dranbleiben und weitermachen.
Hat die Show Sie verändert?
Ich konnte neue Erfahrungen sammeln. Hab’ Leute kennengelernt und hab’ während der Aufnahmen ein paar Freunde gefunden. Durch die Show bin ich an einige Auftritte gekommen. Zum Beispiel werde ich am 18. Juli bei einem Festival in Bochum singen. Vielleicht vor ein paar Tausend Leuten. DSDS ist für mich ein kleiner Reichweiten-Booster. Kein krasser Booster, aber mein Bekanntheitsgrad ist schon ein wenig gestiegen. Damit kann ich auf alle Fälle was anfangen.
Setzen Sie nur auf ein Pferd – die Musik? Oder gibt es noch einen Plan B?
Gerade habe ich die Ergebnisse von meiner Ausbildung zum Fachinformatiker erfahren. Ich habe nicht bestanden. Die letzten Jahre war es etwas holprig. Ich war durch die Musik abgelenkt. Ich will noch einen Beruf erlernen – dieses Mal mit Abschluss. Da bin ich noch auf der Suche. Ich will auf jeden Fall einen festen Job haben, um Kapital für meine Kunst aufzubauen. Ein Plan B ist im Musikgeschäft auf jeden Fall hilfreich, es ist kein sicheres Geschäft und es ist unheimlich schwer, da reinzukommen. Umso mehr muss man in Sozialen Medien aktiv sein, damit die Leute auf einen aufmerksam werden. Ich mache das schon – auf TikTok und Instagram. Vielleicht wird’s eine technische Ausbildung. Oder eine im Bereich Social Media.
Sie tragen keinen Künstlernamen. Warum?
Ich will authentisch sein. In der Pop-Szene ist es mittlerweile üblich, seinen eigenen Namen zu benutzen.
Sie singen Popsongs. Und liegen damit im Trend: Das Institut für Demoskopie Allensbach hat ermittelt, dass Pop und Rock bei Teenagern und jungen Erwachsenen am angesagtesten sind. Was berührt Sie an diesem Genre?
Es ist echt krass: Popmusik ist in Deutschland auch bei meinen Altersgenossen ein großer Markt. Ich persönlich mag die Musik, weil sie in schwierigen Zeiten hilft. Sie ist eine gute Therapie. Im deutschsprachigen Pop kann ich meine Gefühle gut ausdrücken.
Bislang haben Sie Songs anderer Künstler gecovert. Wollen Sie auch eigene Lieder komponieren und texten?
Das ist der nächste Step. Bisher hab ich einige Songs nur für mich selbst geschrieben. Öffentlich aufgeführt hab’ ich sie noch nicht. Mir fehlen die Leute, die mich beraten und mit denen ich gemeinsam Sessions mache. Um künstlerisch weiterzukommen, nehme ich jetzt außerdem Gesangsunterricht. Stimmlich bin ich ein tiefer Bariton. Die meisten Popsong sind für Tenöre geschrieben, also relativ hoch. Daher muss ich jeden Song ein paar Töne tiefer transponieren, damit es gut klingt. Auch das ist ein Grund, eigene Lieder zu schreiben. Vielleicht werde ich damit beim Strohhutfest auftreten. Und nicht nur im Publikum stehen, sondern auf der Bühne.
Zur Person
Aaron Seider ist gebürtiger Frankenthaler, lebt in Mörsch und hat zwei ältere Geschwister. Musikalisch ist der 21-Jährige seit drei Jahren mit Deutsch-Pop unterwegs. Gesang und das Gitarrenspiel hat er sich selbst beigebracht. Inspirieren ließ er sich von Anleitungen aus dem Internet und von seinen beiden Onkeln, die Hobbymusiker sind. Nach seinem Sekundarabschluss I an der Frankenthaler Robert-Schuman-IGS hat Seider in Darmstadt eine Ausbildung zum Fachinformatiker für Systemintegration absolviert, die er nicht abgeschlossen hat.