Kleinniedesheim
Die Magie einer Metropole: Paris-Ausstellung im Schloss
Der Speyerer Kunsthistoriker, Autor und vor allem auch Sammler Oliver Bentz hat diese Präsentation initiiert und zusammengestellt. Es sind, erklärt er im Gespräch vorab, Arbeiten aus drei Sammlungen. Schon über Jahre habe man eine solche Ausstellung im Blick gehabt, aber immer wieder den Plan verschoben. Der Zeitpunkt knüpft nicht an geschichtliche Ereignisse an. „Wir dachten, jetzt müssen wir das machen, fangen wir jetzt mit dieser tollen Sache an“, sagt Bentz.
Allerdings, eine Verkaufsausstellung ist es ausdrücklich nicht. Man kann die Bilder nur anschauen, sich faszinieren lassen von der konzentrierten Schau verschiedener Kunstrichtungen von etwa 1880 bis zu den beiden Weltkriegen – zusammengefasst oft als die Kunstepoche der Moderne. Und sie gibt Zeugnis darüber, dass jenseits aller Globalisierung allein bereits dem Namen einer echten Kunstmetropole ein Zauber innewohnte, wie Berlin in den 1930er- oder New York in den 1960er-Jahren.
Oliver Bentz selbst sammelt Kunst aus der Zeit um die Jahrhundertwende. Und erfährt immer wieder, wie anziehend die damalige Kunstmetropole Paris war. „Betrachtet man Werke aus jener Zeit in Ausstellungen, egal ob in Belgrad, Berlin, München oder Wien, anhand der Lebensläufe sieht man, dass es die Kunstschaffenden nach Paris zog“, erläutert er.
Freiheit und Lebenslust
Dort habe sich ab etwa 1860 an der ländlichen Peripherie um den Hügel Montmartre das künstlerische Leben konzentriert. Dichter, Musiker, Maler, Tänzer, Schauspieler und natürlich Bildhauer und Maler ließen sich nieder, Kunstschulen schossen aus dem Boden, um „Neuankömmlinge mit den neuesten Trends in der Kunst bekannt zu machen“, sagt Bentz. Es entstand eine Atmosphäre, die Freiheit und Lebenslust verbreitete und in der Kunst sich immer wieder neu definieren und entfalten konnte. Es war, wie Bentz es nennt, der Nährboden oder Humus, aus dem sich „die prächtigsten und schrillsten Blüten der damaligen Kunst erst entwickeln konnten“.
Bentz betont, die ausgestellten Arbeiten sind von Kunstschaffenden „aus der zweiten Reihe, die nicht im Rampenlicht standen, deren Arbeit aber dennoch Beachtung verdient“. Wie der Rheinland-Pfälzer Paul Strecker, der ab 1924 in Paris lebte und sich, statt im familieneigenen Mainzer Musikverlag Schott zu arbeiten, der Kunst widmete – bis der Zweite Weltkrieg kam. Im September 1939 saß er als feindlicher Ausländer bis zur Besetzung der Stadt Paris durch deutsche Truppen in Internierungshaft – ähnliches widerfuhr auch anderen Künstlern an der Schwelle zu den beiden Weltkriegen, weiß Bentz, der sogar in Besitz eines Briefes ist, erzählt er, den Strecker aus der Haft schrieb. Von Strecker ist in der Schau die Arbeit „Jardin du Luxembourg“ zu sehen, die impressionistische Darstellung blühender Kastanienbäume und dem Lebensgefühl im Frühling. Strecker arbeitete auch realistisch und schuf später Bühnenbilder.
Viele verschiedene Positionen
Während Strecker Kunst studierte, war Marguerite Ghy-Lemm Autodidaktin, die, so heißt es, sich von keiner Schule und Kunstrichtung beeinflussen und in ihren Arbeiten vor allem vom gesellschaftlichen Leben inspirieren ließ. Ganz gewiss waren das Leben in der Seinemetropole, der Alltag, die Menschen Motiv für viele Künstler. Zu nennen wären aus der Ausstellung Namen wie Jules Pascin, Lucien Adrion, Marcel Vertes oder Wilhelm Wagner. Von Louis Legrand ist etwa eine Radierung zu sehen. Von ihm wird berichtet, dass er sozialkritisch war und viel als Illustrator arbeitete. Beachtenswert sind auch die detailgenauen und dennoch feinfühlig und eigenwillig interpretierten Porträts und Szenen aus dem Leben der Menschen des Russen Ivan Thiele. Und auch der Münchner Grafiker und Illustrator für die satirische Wochenzeitschrift „Simplicissimus“, Rudolf Großmann, verbrachte fünf Jahre in Paris, widmete sich dort unter dem Einfluss von Paul Cézanne zunächst der Landschaftsmalerei. In Deutschland beeinflusste er später als Hochschullehrer nachfolgende Generationen von Künstlern.
Der Einblick in die Kunst um 1900, den die Schau bietet, dürfte nicht nur sehenswert sein, sondern auch spannend. Unabhängig von Stil und Richtung sind es Arbeiten, die ein Stück Leben ihrer Zeit wiedergeben, vielleicht auch die Faszination von Paris selbst und ihren Menschen.
Die Ausstellung
„Sehnsucht nach Paris – Café, Boulevard, Cabaret. Künstler des frühen 20. Jahrhunderts in der Seinemetropole“, bis Sonntag, 25. Februar, im Kleinniedesheimer Schloss, Großniedesheimer Straße 1. Die Vernissage ist am Sonntag, 28. Januar, 11 Uhr. Öffnungszeiten: sonntags, 13-17 Uhr.