Goldener Boden (6)
Bitte lächeln
Dem Klischee des Arbeiters mit Blaumann und Werkzeugkoffer entspricht nicht jeder Handwerksberuf. Auch die Fotografie zählt zum Handwerk. Im Zeitalter der Digitalisierung hat sich dieser Beruf stark gewandelt. Wir stellen die zwei Fotostudios vor, die in Frankenthal ihre Marktnischen gefunden haben.
Mancher Kunde, der Ringfoto Filling in der Mühlstraße betritt, spricht die Inhaber mit dem Namen des Geschäfts an. Dabei gibt es die Gründer des ältesten Fotostudios der Stadt längst nicht mehr. „Die Familie hat vor knapp 90 Jahren Foto-Filling gegründet. In den 1960er-Jahren ist mein Vater Peter Geldhäuser ins Geschäft eingestiegen, zunächst als Labor- und Studioleiter“, berichtet Frank Geldhäuser. In den 1950ern beschäftigte Filling 28 Laboranten, die für Hobby- und Profifotografen Filme entwickelten. „Ringfoto“ steht für die Zugehörigkeit zur gleichnamigen Gemeinschaft unabhängiger Fachhändler – nach eigenen Angaben Europas größter Fotoverbund.
„Der größte Schnitt in der 150-jährigen Geschichte der Fotografie war die Digitalisierung“, weiß der 53 Jahre alte Handwerksmeister und Juniorchef und zeigt die Spanne zwischen damals und heute anhand von Fotoapparaten – von hochkomplexen, modernen Systemkameras bis zu fotografischen Dinosauriern wie der mit Holz ummantelten Studiokamera, die als Ausstellungsstück im Laden steht. Damit das Bild nicht verwackelte, durften sich die Personen fürs Familienfoto einige Sekunden lang nicht bewegen. Der Fotograf fixierte daher Köpfe und Arme mit Halterungen, die hinter den Kunden in Möbeln integriert waren, erzählt Geldhäuser.
Im Labor landen täglich noch zwei Analogfilme
Die Geldhäusers betreiben ihr Fotostudio mit zwei Lehrlingen und zwei Angestellten. Im Labor mit Printer, Plotter und Rechner werden Farbbilder von digitalen Datenträgern erzeugt. Wer noch analog fotografiert, kann hier seine Filme ebenfalls entwickeln lassen. „Früher waren es etwa 200 Analogfilme täglich, heute höchstens zwei am Tag“, berichtet der 75-jährige Peter Geldhäuser. Trotz allen Fortschritts werde in der Fotografie das Rad nicht neu erfunden, daran habe sich trotz Digitalisierung nichts geändert: „Ob analog oder digital – Fotografieren ist Zeichnen mit Licht. Ein Objekt ins rechte Licht zu rücken, mit der Wahl des passenden Objektivs und Ausschnitts, das muss man beherrschen“, weiß Frank Geldhäuser. Neben den Studioaufnahmen – auch Schauspieler Heiner Lauterbach saß hier schon vor der Linse – ist er oft für Firmen und Familienfeste auf Außentermin. Die Pfalz biete eine Fülle schöner Kulissen, sagt er und zeigt das Bild eines Brautpaars, das nur scheinbar in einem romantischen italienischen Gässchen posiert. „In Wahrheit ist das eine Gasse an der Stadtmauer von Freinsheim.“
Über die Kunst, die Person vor der Kamera authentisch und zugleich vorteilhaft abzubilden, können Marco Schnorr und Sofia Gudi vom Studio Schnorr & Gudi im City-Center viel erzählen. „Jeder Kunde verlangt ein ungestelltes Bild“, sagt Marco Schnorr. „Aber das funktioniert nicht, beim Fotografen ist jedes Bild gestellt.“ Was der Kunde tatsächlich meint, sei, dass er kamerascheu ist und auf dem Bild entspannt erscheinen möchte. Dafür hat der 30-Jährige viele Sprüche auf Lager, etwa die Bitte, „wie zwei Sektgläser“ zu lächeln. „Das klappt fast immer, wenn man dem Kunden genug Zeit lässt.“
„Erinnerungen nicht auf Festplatte speichern“
Seit elf Jahren arbeitet Schnorr im Studio von Sofia Gudi, die ihr Geschäft vor 30 Jahren in Frankenthal gründete und ebenso wie Foto Filling die Kunden sowohl im Studio ablichtet als auch vor Ort. „Damals hatte jeder im Regal Familienalben“, erinnert sich die 65-Jährige. Mit dem Trend zu Digitalkameras und Handyfotos sei dies zwischenzeitlich aus der Mode gekommen, „aber jetzt will man in seinen Erinnerungen wieder blättern und sie nicht nur auf Festplatte speichern“.
Erinnerungen auf Fotopapier können auch erotische Aufnahmen sein – für Schnorr die anspruchsvollste Disziplin seines Handwerks, „denn hier muss das Licht absolut stimmen“. Im Fotostudio hängt eine Aktaufnahme, die sein Privatleben bis zum heutigen Tage nachhaltig bestimmt: Vor einigen Jahren fotografierte Schnorr ein Model aus dem Bekanntenkreis, das danach seine Freundin wurde.
Serie
Dass Handwerk goldenen Boden hat, ist ein altes Sprichwort. In unserer Serie fragen wir nach, ob das heute noch stimmt. 597 Handwerksunternehmen gibt es laut dem Abteilungsleiter des Dienstleistungszentrums Kreishandwerkerschaft Vorderpfalz, Christian Mohr, aktuell in Frankenthal. Diese sind in insgesamt 17 Gewerken, also Handwerksberufen, tätig. Wir stellen ausgewählte Handwerker vor und berichten, wie sie sich im Zeitalter von Dienstleistung und Digitalisierung in unserer Stadt behaupten.