Frankenthal
65-Jähriger Rentner aus dem Iran macht Bundesfreiwilligendienst im Dathenushaus
Bundesweit dürfte es nicht viele im Bundesfreiwilligendienst geben wie ihn – schon allein vom Alter her: Acht männliche Freiwillige im Alter über 65 Jahren gab es laut Statistik vom Bundesamt für Familie im April in Rheinland-Pfalz. Hinzu kommt: Der 66-Jährige stammt aus Teheran, der Hauptstadt Irans, und bezeichnet sich selbst als Perser. Dazu gibt das Familienministerium in einer Studie bekannt, dass in Deutschland lebende Freiwillige mit ausländischer Herkunft in den Freiwilligendiensten eine Mehrheit sind.
Einen Bufdi diesen Alters und dazu mit multikulturellem Hintergrund, das gab es in seinem Hause noch nie, weiß Diakon Joachim Sinz. Bahador sei ein Glücksgriff, in vielerlei Hinsicht. Im Gegensatz zu den jüngeren Freiwilligen bringe er die Berufserfahrung eines ganzen Lebens ein in das Netzwerk „Miteinander“. Er fungiere besonders bei den Sprachkursen als Übersetzer und Vermittler; Bahador spricht Persisch, Arabisch und Englisch. Und er nehme den Teilnehmern der rund sieben wöchentlichen Veranstaltungen, die nicht so gut deutsch beherrschen, die Angst. „Er ist multifunktional wie ein Schweizer Taschenmesser – ein toller Kommunikator“, lobt der Diakon.
Beim Reparieren kaputter Geräte Können zeigen
Seit Dezember verstärkt Bahador an drei Tagen in der Woche das Team im protestantischen Gemeindehaus in der Kanalstraße. Im Oktober ging der Maschinenbauingenieur in Rente. Schnell merkte er, dass er nach seiner Karriere im Qualitätsmanagement eines auf Industrietechnik spezialisierten Unternehmens nicht nur zu Hause hocken will. „Zwar bin ich dem Alter nach ein Rentner, aber nicht körperlich und geistig“, sagt er. Zufällig entdeckte er am ökumenischen Gemeindezentrum am Pilgerpfad einen Aushang. Gesucht wurde ein Kirchendiener. Doch für dieses Amt war Bahador nicht geeignet und wurde weitergeschickt ins Dathenushaus, das gerade einen Bufdi suchte.
Bahador ist begeistert von der offenen Atmosphäre. „Hier wird niemand weggeschickt, der Hilfe braucht. Jeder wird gleich behandelt, ob Bürgermeister oder Obdachloser“, schwärmt er. Der 65-Jährige erinnert sich an die Begegnung mit einem Gast der Mittagessen für Einsame und Bedürftige in den Wintermonaten: „Der Mann besitzt mehrere Häuser. Könnte auch in ein Restaurant gehen. Er sagte, er komme lieber zu uns. Wegen dem Kontakt zu ganz unterschiedlichen Leuten. Das hat mir eine Gänsehaut gemacht.“ Es sei die Kommunikation mit Menschen, die ihn in diesem Ehrenamt fasziniere. Das habe ihm im Job gefehlt. Besonderer Fan ist Bahador vom Repair-Café. Da ist er ganz in seinem Element. Kann beim Reparieren kaputter Geräte sein Können als Ingenieur in die Waagschale werfen.
„Mehr gelernt als in 43 Jahren in Deutschland“
Das neueste Format des Netzwerks nennt sich „In 80 Töpfen um die Welt“. Jeden Monat sollen die Besucher mit Spezialitäten eines Landes bekocht werden. Den Auftakt machte der Bufdi, der persische Gerichte mit seiner Frau Parisa zubereitet. In der Küche wuselten Helfer. Die Frauen begrüßte der Iraner mit Küsschen, die Männer mit einer Umarmung. Man merkte, dass die körperliche Herzlichkeit bei den Deutschen gut ankam. Genauso wie die Rezepte, die aus der Heimat der Bahadors kommen. Die Zutaten hatte der 65-Jährige extra in Mannheimer und Heidelberger Spezialitätenläden besorgt, es sollte alles original sein.
Orientalische Gerüche strömten durch die Küche, als der geräucherte Reis auf Tahdig-Kruste vom Ufer des Kaspischen Meers köchelte. Dazu bereitete das Paar ein Gulasch mit getrockneten Limetten, gelben Linsen, Safran und Kurkuma zu – und Küchlein mit Dattelsirup, Zimt und Kardamom. Bevor es ans Essen ging, nahm Reza Bahador die 40 Gäste mit auf eine Reise in den Iran, der bis 1934 noch Persien hieß: Zwischen der Nord- und der Südgrenze liegen 4500 Kilometer. Außerdem bestaunten die Gäste die mehr als 2500 Jahre alte Ruinenstätte Persepolis. Zum Schluss erzählte der 65-Jährige von den Seminaren, an denen er als Bufdi teilnimmt. Themen sind Menschenwürde, Rassismus und der Umgang mit Aggressionen. „Dabei habe ich mehr gelernt als in meinen 43 Jahren in Deutschland.“ Dann wünschte er seinen Gästen in seiner Heimatsprache guten Appetit: „Nooche jân!“
Der Bundesfreiwilligendienst
Im Bundesfreiwilligendienst (BFD) engagieren sich jährlich etwa 30.000 Personen für das Allgemeinwohl – etwa im sozialen, ökologischen und kulturellen Bereich. Er wurde 2011 eingeführt, als Wehr- und Zivildienst abgeschafft wurden und dauert zwischen sechs und 24 Monate. Die Freiwilligen erhalten ein monatliches Taschengeld, sind versichert und nehmen an Seminaren teil, die auf ihre Einsatzgebiete zugeschnitten sind. Einzige Voraussetzung ist ein abgeschlossener Schulabschluss. Mehr Infos im Internet unter bundesfreiwilligendienst.de.