Donnersbergkreis Ziviler Ungehorsam aus Glaubensgründen

Gut 60 Interessierte waren zu der Gedenkfeier gekommen, links Stadtbürgermeister Karl--Heinz Seebald und die Musiker der gruppe
Gut 60 Interessierte waren zu der Gedenkfeier gekommen, links Stadtbürgermeister Karl--Heinz Seebald und die Musiker der gruppe »Dreydelew«.

Die Verfolgung der Zeugen Jehovas in der NS-Zeit: Diesem Thema widmete sich die Veranstaltung zum Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus in der Nordpfalz am Freitagabend. Schauplatz war die Gedenkstätte für die jüdischen Opfer des NS-Regimes aus der Verbandsgemeinde Rockenhausen im Hof des Rathauses in Rockenhausen.

Gut 60 Bürgerinnen und Bürger aller Altersgruppen waren auch diesmal wieder zu der Veranstaltung gekommen. Anschließend wurde im Rathaus der Film „Das Mädchen mit dem lila Winkel“ gezeigt, in dem es um das Schicksal einer jungen Frau ging, die ihres Glaubens wegen im KZ Stutthof bei Danzig eingesperrt wurde und dort von der SS alle die Schikanen und Herabwürdigungen ertragen musste, die in solchen Fällen üblich waren. Die Musikgruppe Dreydele umrahmte die Veranstaltung musikalisch und trug dabei auch Dietrich Bonhoeffers Lied „Von guten Mächten treu und still umgeben“ sowie das Lied von den Moorsoldaten und Hans Drachs Lied „Mein Vater wird gesucht“ vor, die alle Bezug nehmen auf die Schicksale der Menschen, die damals verfolgt und versklavt wurden. „Immer mehr Menschen, die die Zeit des NS-Regimes noch miterlebt haben, sind nicht mehr unter uns und können nicht mehr Zeugnis ablegen von dieser Schreckensherrschaft. Das birgt die Gefahr in sich, dass die Ereignisse von damals in Vergessenheit geraten und die Vorzeichen nicht erkannt werden, die sich auch heute wieder zeigen. Es ist aber enorm wichtig, dass wir der Fremdenfeind-lichkeit und dem Hass gegenüber Andersdenkenden in manchen Gruppierungen entgegen treten und dass wir vor allem die Jugend darüber aufklären, was damals daraus entstanden ist und was auch heute wieder daraus entstehen könnte. Warum wir diese Veranstaltung gerade hier an dieser Erinnerungsstätte abhalten, soll darauf hinweisen, dass das alles, woran wir Jahr für Jahr erinnern, auch hier in unserer Heimat stattgefunden hat und nicht nur irgendwo in weiter Ferne,“ sagte Stadtbürgermeister Karl-Heinz Seebald in seiner Ansprache. Er dankte ausdrücklich allen, die als Veranstalter für die Gedenkfeier verantwortlich zeichnen, für ihr Engagement. Ronny Hollstein, Nico Spuhler und Tim Bellin von der Integrierten Gesamtschule Rockenhausen sowie Luise Busch berichteten anschließend über Einzelschicksale von Menschen, die damals als „Ernste Bibelforscher“ in die Fänge der Nationalsozialisten geraten waren. Sie, die „Zeugen Jehovas“, standen dem NS-Regime von Anfang an ablehnend gegenüber. Es waren die kleinen Gesten der Selbstbehauptung, mit denen sich diese Menschen den Unmut der Nazis zuzogen. Wenn sie etwa konsequent dem in Betrieben, Geschäften und Behörden gebrüllten „Heil Hitler“ ein freundliches „Guten Morgen“ entgegensetzten, war das nicht nur eine ästhetische Geste, sondern ein Akt des Aufbegehrens. Die „Zeugen Jehovas“ sahen das andersherum: Für sie wäre es Auflehnung gewesen, einem anderen als Jehova, dem einzigen „Heilsbringer“, die Ehre zu erweisen. Schon bald bezichtigte Hitler die „Bibelforscher“ der Komplizenschaft in einer „bolschewistisch-jüdischen Weltverschwörung“. In Wahrheit jedoch fürchteten die Nazis den zivilen Ungehorsam der Zeugen, die die Doktrin des Rassismus ablehnten, international tätig waren und dem Staat neutral gegenüber standen. So sehr diese Haltung auch politische Wirkung zeigte, so war sie jedoch immer religiös motiviert. Eine Einstellung, die die anderen beiden großen christlichen Kirchen größtenteils vermissen ließen. Im Gegenzug begannen die Zeugen Jehovas eine internationale Protestkampagne gegen die Unterdrückung ihrer Glaubensbrüder und- schwestern im nationalsozialistischen Deutschland. 1937 wurden die nationalsozialistische Polizei und Justiz angewiesen, mit den schärfsten Mitteln gegen die Bibelforscher vorzugehen. Hausdurchsuchungen, Verhaftungen, Einlieferungen ins KZ und Fälle von Misshandlungen kamen jetzt immer häufiger vor. In der Vorkriegszeit waren fünf bis zehn Prozent der KZ-Häftlinge Zeugen Jehovas. Sie wurden in speziellen Baracken hinter Stacheldraht isoliert gefangen gehalten, erhielten häufig absolutes Schreibverbot und mussten einen lila Winkel tragen. Von den 25.000 Zeugen Jehovas, die es damals in Deutschland gab, waren zwischen 1933 und 1945 10.000 eingesperrt, 1200 wurden ermordet.

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