Donnersbergkreis „Bald isse Schutt“

Mainz. Nick Benjamin muss einen prophetischen Moment gehabt haben, als er sein derzeitiges Fasnachtslied textete: „Was macht dann nur die Schiersteiner Brück, Schiersteiner Brück, Schiersteiner Brück? Isse kaputt?“, fragt der Fasnachter. Wer hätte da ahnen können, welches Unheil genau zur heißen Phase der Fasnacht über Mainz hereinbrechen würde?
Es war Dienstag, 22 Uhr, als ein Bauarbeiter an der Schiersteiner Brücke die Mainzer Polizei anrief und sagte: „Sperrt mal besser die Brücke, Fahrtrichtung Wiesbaden.“ „Gut“, sagte die Polizei, „machen wir“. Doch wenige Minuten später kam der nächste Anruf: „Sperrt die Brücke bitte komplett. Sofort.“ Was folgte war das größte Verkehrschaos, das Mainz je erlebt hat: Über Stunden hinweg war die Mainzer Innenstadt komplett dicht, weil die Pendler versuchten, über die Theodor-Heuss-Brücke – die Innenstadtbrücke – nach Hessen zu kommen (wir berichteten). Was nicht ging. Die Stadt Mainz griff irgendwann zu drastischen Maßnahmen und schaltete die Ampeln an zwei wesentlichen Zufahrtsstraßen auf „Pförtnerampel“: Nur wenn genügend Autos die Innenstadt verlassen hatten, durften Autos hinein. Der Grund für das alles: Ein Pfeiler unter der Auffahrt zur alten Brücke auf Mainzer Seite war in der Nacht urplötzlich abgesackt, eine Bodenplatte hatte wohl nachgegeben. An der „Schiersteiner“ wird seit 2013 gebaut, eine komplett neue Brücke entsteht neben der alten. Deren Pfeiler sollten eigentlich gerade für mehr Kapazität verstärkt werden – dabei passierte der Unfall. Der Pfeiler stellte sich schief, daraufhin knallte das Brückenlager zwischen Pfeiler und Straßenauflage raus – die Brücke senkte sich um 30 Zentimeter ab. Nun geht ein großer Riss durch die alte Brücke, und der sieht nicht so aus, als wäre er harmlos. Die Verantwortlichen von Stadt, Land und Landesbetrieb Mobilität machten am Mittwoch entsprechend lange Gesichter: Ingenieure und Statiker prüften die Brücke. „Es wird noch gerechnet“, sagte Verkehrsminister Roger Lewentz (SPD). Wie lange das dauern werde, könne er nicht sagen, nur so viel: „Tage bestimmt.“ Bis Anfang kommender Woche bleibt die Brücke deshalb komplett gesperrt, nicht einmal Fahrradfahrer und Fußgänger dürfen drüber. Gefahr für Leib und Leben habe nicht ausgeschlossen werden können, sagte der technische Geschäftsführer des LBM, Bernd Hölzgen. Nun ist guter Rat teuer, denn über die Schiersteiner Brücke rollten jeden Tag rund 80.000 Fahrzeuge – die „Schiersteiner“ ist die Nabelschnur zwischen Mainz und Wiesbaden. Und was machen die Mainzer? Witze natürlich: „Rechtzeitig zum Beginn der Straßenfasnacht hat der liebe Gott die Brücke abgesenkt, so dass wir unsere Ruhe haben“, lästerte Andreas Schmitt, Sitzungspräsident der Fernsehsitzung „Mainz bleibt Mainz, wie es singt und lacht“ am Mittwochabend in der närrischen Generalprobe. Gemeint war natürlich die Ruhe vor den Wiesbadenern – die gelten in Mainz als humorfrei und abgehoben. „Wie seid er dann hierher gekommen? Seid ihr gefahren oder geschwommen?“, wollte Nick Benjamin von seinem Publikum wissen. Der Narr sollte wahrhaftig Prophet werden – denn in den Fokus geraten jetzt ausgerechnet die Rheinfähren. Zwei Brücken verbinden Mainz nun noch mit Hessen, neben der völlig überlasteten Innenstadtbrücke ist das noch die Weisenauer Autobahnbrücke – und auf der ist im Berufsverkehr sowieso schon Stau. Also bleibt Schwimmen, und tatsächlich bildeten sich an den Fähren zwischen Bingen und Rüdesheim sowie Ingelheim und Oestrich-Winkel im Rheingau am Mittwoch lange Schlangen. „Wir fahren mit voller Kraft“, berichtete der Ingelheimer Fährinhaber Michael Maul. Trotzdem habe es am Morgen Wartezeiten von bis zu einer Stunde gegeben. Das Land will nun die Fähren verstärken und verhandelt mit den Bahnbetreibern über Verstärkung auf der Schiene. Einfach wird das nicht, hieß es doch vom Zweckverband Süd am Mittwoch: „Es rollt schon alles, was Räder hat.“ Fürs Erste sollen angehängte Wagen die Kapazitäten steigern. Dazu werden an den Autobahnen in Alzey und Bingen großräumig Umleitungen für den Fernverkehr ausgeschildert. Für Fasnacht hilft das nichts, dann werden rund 500.000 Zuschauer zum Rosenmontagszug in Mainz erwartet. Denen raten die Behörden, aufs Auto zu verzichten und auf die Bahn umzusteigen. Informationen zu Sonderfahrplänen gibt es bei www.lbm.rlp.de. Ansonsten bleibt den Narren wohl nur der Humor: „Naaa, se bebt noch, se bebt noch, se bebt noch“, sang Nick Benjamin auf die Melodie des „Holzmichels“ – „doch bald isse Schutt!“