Gönnheim
Wunderliche Wasserwesen im Visier der Wissenschaft
Im Dämmerlicht des reich bepflanzten Aquariums taucht ein helles Wesen auf. Es bewegt sich im Zeitlupentempo und blickt aus dunklen Augen durch die Glaswand. Besonders auffallend sind seine großen Kiemen: Zu beiden Seiten des breiten Kopfes stehen sie in verästelten Büscheln ab.
Axolotl sind Amphibien. Eine Besonderheit an ihnen ist ihr Steckenbleiben im Reifeprozess, denn ihr Leben lang verharren sie auf der Entwicklungsstufe einer Larve. Sie durchlaufen also nicht wie unsere heimischen Molche und Salamander die Metamorphose zum erwachsenen Landtier. „Trotzdem können sie sich fortpflanzen“, sagt Simon Krug, Pfarrer der protestantischen Kirchengemeinden Friedelsheim, Gönnheim und Ellerstadt.
Die Männchen absolvieren dabei einen Balztanz und legen am Boden ein Samenpaket ab, das vom Weibchen aufgenommen wird. Hunderte von Eiern legt der weibliche Axolotl und zwei bis drei Wochen nach der Laichabgabe schlüpfen die Jungtiere.
Dieses Fortpflanzungsgeschehen wird Simon Krug bei seinen zwei Schützlingen allerdings nicht erleben: Die Axolotl, die er von Vorbesitzern übernommen hat, sind zwei Männchen. Als Rivalen bekämpfen sie sich aber nicht. „Die beiden sind recht friedlich miteinander“, so Krugs Beobachtung.
Vom Aussterben bedroht
In ihrer Heimat in Mexiko kommen die Lurche aus der Familie der Querzahnmolche kaum noch vor. Axolotl sind endemisch, das heißt, sie existieren nur in einem räumlich begrenzten Gebiet. Früher war ihr Lebensraum ein System aus Seen und Wasserläufen, das sich über 200 Quadratkilometer ausdehnte.
Davon blieben nur wenige Gewässer übrig, und auch hier sind die Axolotl vom Aussterben bedroht. Ihren Namen haben sie von mexikanischen Ureinwohnern: Die Azteken benannten die Tiere nach dem monströsen Gott Xolotl. Übersetzt heißen sie demnach „Wassermonster“.
Erstaunliche Regeneration
Die Axolotl von Simon Krug tragen die ganz unbedenklichen Namen Günter und Norbert. „Trotz ihres ansprechenden Aussehens sind es keine Kuscheltiere“, sagt er, „und man sollte sie wegen ihrer empfindlichen Haut nicht in die Hand nehmen.“ Wer solche exotischen Schwanzlurche halten will, muss weitere Regeln beachten, etwa was die Wassertemperatur im Aquarium angeht. Kühlung im Sommer und ein spezieller pH-Wert gehören dazu.
Hinzu kommt: Axolotl sind nachtaktiv. „Erst am Abend kommen sie an die Wasseroberfläche“, erklärt Pfarrer Krug, der sich einfach an ihrem geheimnisvollen Dasein erfreut. Dass Günter und Norbert, beide fünf Jahre alt, mit etwa 20 Zentimetern gleich groß sind, begünstigt ihr Zusammenleben entscheidend. Denn bei Größenunterschieden wird es für die Kleinen gefährlich: Die Lurche fressen sich sogar gegenseitig.
In diesem Zusammenhang sei noch eine herausragende Fähigkeit erwähnt: Hat ein Axolotl ein Körperteil verloren, wächst es innerhalb einiger Wochen vollständig mit Adern, Nervensträngen und Knochen nach. Sogar bei Schäden an Organen wie Hirn oder Herz verfügen die Tiere über ein erstaunliches Regenerationsvermögen. Um ihre Fähigkeit für die Medizin nutzbar zu machen, sind sie für die Wissenschaft ein gefragter Forschungsgegenstand. Auch das menschliche Sehnen nach bleibender Jugend macht den Axolotl zu einem besonders interessanten Wesen.