Wachenheim
Winzer mit Doktortitel: Warum manche Leute nach Feierabend in den Weinberg gehen
Mit Doktor-Titel im Weinberg aktiv? Ja, das geht. Ein Beispiel ist Michael Reuther. Der Wachenheimer ist nach eigenen Angaben seit 1996 Feierabendwinzer. Nach seinem Studium und dem Erwerb des Doktortitels in Naturwissenschaft, Fachrichtung Astronomie, habe er 25 Jahre lang bei dem Mannheimer Elektrotechnikkonzern ABB gearbeitet. Aktuell ist er als Berater für die Weinwirtschaft tätig. „Meine Vorfahren waren alle im Weinbau, lieferten ihre Trauben an die Wachtenburg Genossenschaft“, erklärt der 58-Jährige seine Beziehung zum Weinbau. Das mache er auch: 0,3 Hektar Riesling-Rebstöcke rund um sein Haus in Wachenheim und in den angrenzenden Terrassenanlagen werden laut Reuther von ihm bearbeitet. Insgesamt seien das rund 1000 Rebstöcke.
Ausgleich zur Beratertätigkeit
Der Wachenheimer sagt: „Riesling ist auch meine Lieblingsweinsorte, sie bildet das Mikroklima ab, zeigt eine vielfältige Geschmacksrichtung, je nach Bodenlage.“ Die Arbeit in den Weinbergen sei ein Ausgleich zu seiner Beratertätigkeit. Besonders der Bezug zur Natur sei ihm wichtig. Seine Weinberge liegen laut Reuther neben einem Bach mit einer reichhaltigen Tierwelt von klein bis groß. Deshalb könne auch mal das ein oder andere Wildschwein durch seine Weinberge in der Terrassenlage ziehen.
Aktuell ist der Rebschnitt angesagt, und das alles „in einem Aufwasch“. Das heißt: Der 58-Jährige schneidet den Rebstock, zieht das Altholz heraus, „putzt“ die Ruten und bindet an. Das kann dauern: Jeder Rebstock ist anders als die anderen. Michael Reuther nimmt sich gerne Zeit dafür, ist dann am Wochenende in den Weinbergen zu finden oder, wie er sagt, „wenn sonst Zeit ist“. Er nennt das „romantischen Weinbau“.
Bio ohne Zertifikat
Reuthers Lieblingszeit im Weinberg ist der Herbst. Da stehe die Natur mit den Trauben in voller Pracht, die Herbstfarben gefielen ihm am besten. Und natürlich die Weinlese, die teilweise vom Traubenvollernter und teilweise von ihm und Freunden sowie Bekannten gewährleistet werde. Als Genossenschaftsmitglied habe er Zeitfenster für die Abgabe der jeweiligen Rebsorte, da müsse man manchmal schnell liefern, so Reuther.
Wichtig für ihn ist, noch zu erwähnen, dass er seit 2016 Bio arbeitet, auch ohne zertifiziert zu sein. Pflanzenschutzmittel trage er mit einer Rückenspritze auf, auf Pfälzisch eine „Buckelspritze“, ergänzt er und lacht. Der Mann aus Wachenheim hat offensichtlich Spaß bei seiner eher theoretischen Arbeit als Berater für die Weinwirtschaft – und der praktischen Arbeit in seinen Weinbergen mit den rund 1000 Rebstöcken ebenfalls.
„Arbeite gern mit der Natur“
Tobias Renfer ist im Hauptberuf Weinküfer in der Genossenschaft Wachtenburg Winzer in Wachenheim. Er arbeitet dort im Keller. Aber auch in seiner Freizeit bleibt er der Weinbranche treu und bearbeitet das ganze Jahr über 1,8 Hektar Weinberge vom Rebschnitt bis zur Abgabe der Trauben an die Genossenschaft. Aktuell steht er freitags und samstags im Weinberg. Auch bei ihm ist Rebschnitt angesagt.
„Ich bin gerne draußen und arbeite gerne mit der Natur“, erklärt er seine Motivation, auch neben seiner Hauptarbeit noch so aktiv zu sein. Auch der Nebenverdienst sei Teil der Motivation. Seine Arbeit im Keller der Genossenschaft und die Arbeit in seinen Weinbergen gefielen ihm gleichermaßen, so Renfer. Interessant sei für ihn auch, zu sehen, wie die Arbeit im Weinberg die Qualität der Trauben beeinflusse. Tobias Renfer sagt: „So kann ich sehen, was ich gut gemacht habe oder was ich im nächsten Jahr besser machen kann.“
Weitere Weinberge bearbeiten
In der Genossenschaft sind laut Renfer während der Weinlese Überstunden angefallen, die er jetzt von seinem Arbeitskonto „abfeiert“, in seinem Fall freitags, um sich dann um seine Weinberge kümmern zu können. Unter der Woche bekomme er auch Hilfe von seinem Vater, wenn Arbeit in den Weinbergen anliegt. In seinen Weinbergen hängen im Herbst Trauben der Weinsorten Riesling, Weißburgunder, Chardonnay, Gewürztraminer und Spätburgunder.
Er selbst trinkt gerne Chardonnay und als Rotwein ein Glas Spätburgunder oder Merlot. Der 30-jährige Wachenheimer ist generell ein aktiver Mensch. Außer seiner Hauptarbeit und Arbeit als Feierabendwinzer geht er gerne Wandern, Ski fahren und ist bei der Freiwilligen Feuerwehr aktiv. Nach eigenen Angaben möchte er seinen Status als Feierabendwinzer erweitern und weitere Weinberge bearbeiten.