Gönnheim
Von Mönchen und Mickeys dunklem Vermächtnis: Comic-Salon und Winestreetart-Festival
Das Gönnheimer Winestreetart-Festival findet bereits zum neunten Mal statt, über 85 nationale und internationale Künstler, Graffiti und Straßenmaler zeigen ihre Kunst live. Zeitgleich findet zum dritten Mal der Pfälzer Comic-Salon statt. Auch dort entstehen Zeichnungen live: Es ist üblich, dass Comiczeichner ihre Bücher mit Bildern signieren. Beide Veranstaltungen sind zudem in ein Weinfest mit geschmückten offenen Höfen eingebettet. Alles steht im Zeichen der Begegnung und des Genusses.
Diese Atmosphäre schätzen auch die Comiczeichner: Kim Schmidt, ein Zeichner aus Flensburg, ist von der Atmosphäre Gönnheims begeistert: „Hier kann man einfach so draußen sitzen.“ Ihn erinnert das sehr an südlichere Gefilde. Er ist einer der Zeichner der „Drei Fragezeichen“-Reihe, veröffentlicht aber auch eigene Wikingercomics unter dem Titel „Gorm Grimm“. Außerdem hat er ein „Comiczeichenkurs Workbook“ herausgegeben, in dem er Schritt für Schritt erklärt, was wichtig ist, um selbst Comics anzufertigen. Beginnend mit einfachen „Strichübungen“ schafft man es, Figuren aus unterschiedlichen Perspektiven in Bewegung zu zeichnen. Das Buch gibt aber auch Anleitung zur Darstellung unterschiedlicher Gesichtsausdrücke, zur Entwicklung der Figur und zum Layout. In Gönnheim konnten zudem Grundschulkinder an seinem Workshop teilnehmen. „Kinder zeichnen einfach drauf los“, sagt er anerkennend. Bereits innerhalb einer Stunde entstanden kleinere Geschichten.
Eine schöne Botschaft
Spannende Storys werden auch im „Comicsalon-Journal“ erzählt, das jährlich zum Salon erscheint. Mit ihnen haben sich die anwesenden Künstler für die Veranstaltung beworben. Diesjähriges Thema war „Forever Young“, das Motto des Kultursommers Rheinland-Pfalz. Holger Faber, der auch Cartoons für die RHEINPFALZ zeichnet, erzählt in dem Band anlässlich des 1000-Jahr-Jubiläums der Limburg, wie zwei auf der Burg lebende Mönche ein Rezept für eine Verjüngungskur finden. Der Ältere braut sich den Trank, wird danach aber so krank, dass man ihn für tot hält und begräbt – jung liegt er so im Sarg. Der andere dagegen verzichtet auf die Verjüngungskur und findet seine Erfüllung in der Arbeit mit Waisenkindern. So bleibt er im Kopf jung. Eine schöne Botschaft. Faber hat die Geschichte in vier Wochen „einfach runtergezeichnet“, die Figuren entwickelten ein Eigenleben, berichtet er und zeigt die Entwicklung auf seinem Handy: Das Layout hatte er vorgezeichnet, die „Kästchen“ füllten sich nach und nach. Zur Vorarbeit recherchierte er im Netz Rekonstruktionszeichnungen des Klosters. „Es ist schön, die Limburg wieder zum Leben zu erwecken“, sagt er.
Doch Comics dienen nicht nur der Unterhaltung, auch der Bildung. „Eine Reise nach Gurs“ der Autorin und Berufsschullehrerin Sandra Butsch und der Grafikerin Katja Hermann dokumentiert die Reise einer Gruppe von Berufsschülern aus Freiburg nach Gurs, wohin jüdische Familien aus Südwestdeutschland 1940 in ein Internierungslager deportiert wurden. Die Schüler begegnen im Rahmen des Projektes mehreren Zeitzeugen und reflektieren dabei ihre eigene Lebenssituation. Wie fühlt es sich an, ausgegrenzt zu werden? Wie war das Leben im Lager? Welche Rolle spielte dort Kunst? Die Graphic Novel arbeitet zusätzlich mit QR-Codes, über die man Hintergrundinformationen und Filmdokumente aufrufen kann. Sandra Butsch beschäftigt sich mit „Zukünften der Erinnerung“. Neben Zeitzeugen der ersten und zweiten Generation sei es wichtig, dass sich Schüler emotional mit dem Thema auseinandersetzen und einen Bezug zu ihrem Leben herstellen. Dies sei mittels der Graphic Novel gelungen, die sie zum Einsatz im Unterricht empfiehlt, und zu der sie weiteres Begleitmaterial für Lehrende herausgeben möchte.
Mit dem gleichen Thema beschäftigt sich auch die Ausstellung „Gegen das Vergessen, Mickey in Gurs“ über die Zeichnungen eines Deportierten, die im Hof des Protestantischen Gemeindehauses gezeigt wurde. Horst Rosenthal schuf damals im Internierungslager Gurs, in das auch pfälzische Juden deportiert wurden, für die Kinder des Lagers Cartoons. Die Zeichnungen, die als „Mickeys“ bezeichnet wurden und heimlich in Umlauf gebracht wurden, sollten das Leben „erleichtern“ – oder „verarbeiten“.
Mickeys Traum von Amerika
Erstaunlich, wie der Autor trotz seiner Lebenssituation Humor bewahren konnte: Eine Zeichnung ist untertitelt mit „publiziert ohne Autorisierung von Walt Disney“. In einem anderen Cartoon erzählt er vom „Ritual der Brotverteilung“, bei dessen „Zeremonie“ die Ration so abnahm, dass es schwierig gewesen sei, sie danach mit bloßem Auge zu erkennen. Im Bild sieht man Mickey, wie er mit kritischem Blick durch eine Lupe auf einen Brotkrümel schaut. Am Ende radiert sich die Figur selbst aus, „da ich eine Zeichenfigur bin“. Man sieht Mickey mit dem Traum von Amerika lachend davonschreiten – eine Zukunft, die dem Zeichner verwehrt blieb; er wurde 1942 in Auschwitz ermordet. Die Ausstellung über den Holocaust, das Internierungslager Gurs und den Comic von Horst Rosenthal soll zukünftig für weitere Ausstellungen zur Verfügung gestellt werden.
Nach dem ernsten Thema eine „Auszeit“: Gleich daneben findet der Workshop der Künstlerin Natalia Schäfer statt: Hier werden bunte täbchen aneinandergeklebt und in Styropor zu einer Wand aufgestellt, die man zuvor mit unterschiedlichen Farben bemalen kann. Schäfer stellt neben Filzstiften und Acrylfarben auch Schablonen zur Verfügung. In der Jurte nebenan gibt es Lesungen und auf der Straße kann man dem Sprüher mit Künstlernamen „Kern“ bei der Gestaltung des Schriftzuges „Gönnheim“ beobachten. Er erklärt im Gespräch, worum es „im Kern“ bei Graffiti ankommt, nämlich Schriftzüge unterschiedlich zu gestalten, und zeigt Beispiele seines Namens auf Papier. Kinder werden zudem am Stand angeleitet, eigene Schriftzüge zu entwickeln und erste Sprühversuche mit Schablonen auf einer Wand anzufertigen. Er plaudert auch ein bisschen aus dem Nähkästchen von der Welt der „echten“ Sprüher im Untergrund: In Berlin gebe es Blitzaktionen: S-Bahnen werden mit der Notbremse angehalten, Vermummte besprühen in wenigen Minuten die Bahn von außen und hauen wieder ab, bevor die Polizei eingreifen kann. Die Ursprünge der Graffiti liegen in Subkulturen wie diesen. Mittlerweile gibt es aber Wände, auf die man legal sprühen kann, viele sind inzwischen ohnehin etabliert, bekommen offizielle Aufträge, auch für Werbung. Und in Gönnheim sind sie beim Streetartfestival natürlich auch erwünscht: Im Laufe des Tages sind hier aus den Vorzeichnungen Kreidebilder auf den Straßen entstanden. Auch sie thematisieren „Forever Young“.
Man sieht Obelix mit seinem Zaubertrank oder eine ältere Frau mit ausdrucksstarken Augen, die sich ein Glas Gönnheimer Wein gönnt. Vielleicht ist auch das ein Zaubertrunk. Genüsslich planscht ein Elefant im Kinderbecken. Nicolai Arndt gestaltet ihn gerade in 3D-Technik, das heißt, aus der richtigen Perspektive gewinnt man den Eindruck, der Elefant stünde vor einem. Arndt ist diplomierter Kunstlehrer. Stolz zeigt er Fotos weiterer Arbeiten in 3D: Sein Bild „Gullivers Reisen“ ist 18 Meter breit und 38 Meter tief. Wie kleine Punkte stehen Menschen auf der gemalten Figur. Eine andere Künstlerin ist daran, auf einem Gerüst stehend ein Mural zu sprühen. Man kann in Gönnheim nicht alles sehen, so viel wird geboten.
Termin und im Netz
Alle beteiligten Künstler sind auf www.goennheim.de dokumentiert. Am Montag, 7. Juli, 17.30 Uhr, gibt’s in der Ludwigstraße 57 im Hof Bruns/Weber ein Lesekonzert „Émile in Berlin – Mäusejagd im Warenhaus“, erzählt von Thilo Krapp und musikalisch begleitet von Jörg Walter.