Bad Dürkheim Seit 30 Jahren von Dorf zu Dorf

Die wichtigste Grundvoraussetzung für einen Scherenschleifer? „Vor allen Dingen Fingerspitzengefühl“, sagt Georg Weiß entschlossen. Doch selbst mit dem nötigen Talent sei ein Quereinstieg nicht einfach möglich. Man müsse hineinwachsen, wie es Georg Weiß selbst auch getan hat.
Heute steht er mit seiner mobilen Werkstatt in Wachenheim bei der Weinstube Gleber und hat die Schleifscheiben bereits in Gang gebracht. Er sitzt in seinem gelben Lieferwagen und poliert sorgfältig eine Schere. Immer wieder prüft er die Klinge mit seinem Finger und einem routinierten Blick. Die gräulich schwarz zurückgegelten Haare, die dunklen Augenbrauen verleihen Georg Weiß ein südländische Ausstrahlung. Seit drei Jahrzehnten arbeitet er schon als Scherenschleifer. Der Beruf macht dem 44-Jährigen sichtlich Spaß. Die Frage, was er später einmal werden wolle, muss er in seiner Kindheit nie beantworten. Keiner stellt sie ihm – weder er selbst noch sein Vater. Für beide ist längst klar, dass der Sohn den Betrieb weiterführt, den einst sein Opa gegründet hat. Mit 14 Jahren geht Weiß von der Schule ab. Er fährt von da an mit seinem Vater durchs Land, immer auf der Suche nach stumpfen Scheren und Messern. Eine Suche die ihn schnell lehrt, dass dieser Beruf nicht nur Erfüllung mit sich bringt. Es ist ein klassisches Handwerk, das zusätzlich Verkaufsgeschick verlangt. Jeder Kunde muss überzeugt werden, jeder Standort muss passen, jedes Messer zählt. Für Georg Weiß sind es seit 30 Jahren die gleichen Fragen: „Wohin? Läuft da was? Geht da was?“ Die Tätigkeit des Scherenschleifers hat eine lange Tradition und ist ein Beruf des fahrenden Volks. Georg Weiß erlebt das als Junge am eigenen Leib. Er wechselt immer wieder die Schule, die Familie bleibt nie lange an einem Ort. Heute hat er selbst vier Kinder und sich bewusst gegen diese Lebensweise entschieden. Den Schulwechsel will er seinem Nachwuchs nicht zumuten und „von de Palz wegzugehe“, das könnte sich Georg Weiß nicht vorstellen „es ist auch einfach eine andere Zeit“, ergänzt er. Hätte sich der gebürtige Neustädter doch für ein Leben als ewig Reisender entschieden, spräche er jetzt wohl kaum so gut pfälzisch. Nur ein Wort aus seinem Mund und der Südländer verschwindet aus seinen Gesichtszügen. Mit seinem einnehmenden Lächeln, seiner lockeren Art und seinem gelben Kleinbus zieht er heute nur noch selten von Tür zu Tür. Meist steht er einen Tag lang fest an einem Platz in unterschiedlichen Städten und Dörfern. Messer, Scheren und Gartengeräte lässt er sich bringen. Nicht aus Faulheit. Es sei schwieriger geworden, weil zu viele Vertreter Klinken putzen und die Menschen ungern die Haustür für sie öffnen. „Die Anforderungen an mich sind höher als jemals zuvor“, erklärt Georg Weiß. Wer heute ein Messer kauft, der bezahlt meist wenig und wirft es bald weg. Die Dienste eines Scherenschleifers nehmen nur noch einige Menschen in Anspruch. „Aber es gibt immer Sachen, die geschliffen werden müssen.“ Der Ruppertsberger hat an seinem Beruf nie gezweifelt. Wenn er vom schönen Gefühl erzählt, ein gutes Messer in der Hand zu halten, wenn er vom Lob seiner Kunden berichtet und, wenn die gerade geschliffene Schere mit Leichtigkeit ein Stück Stoff teilt, dann liegt ein ehrlicher Glanz in den strahlend grünen Augen. Das größte Gut ist für Weiß ganz klar „die Freiheit“. Jeden Tag woanders, der eigene Herr sein. „Wir glauben an Jesus Christus“, steht an seiner Werkbank. Mit seinem Glauben geht Georg Weiß offen um. Aus ihm schöpft er sein Vertrauen und die offensichtliche Gelassenheit. Dieser Mann schafft es, dass ihm die schwierigen Berufsbedingungen und die Aussicht auf das hohe Alter ohne Rente keine schlaflosen Nächte bereiten. Und das Weiterbestehen des Familienbetriebs ist womöglich auch bis in die vierte Generation gesichert. Dem zwölfjährigen Sohn gefällt die Arbeit, bei der er in den Ferien aushelfen kann. „Schön wäre es ja schon, wenn er es übernimmt“, gibt Georg Weiß zu.