Bad Dürkheim / Wachenheim RHEINPFALZ Plus Artikel Krieg in der Ukraine: Dirigent darf nicht ausreisen

Solistinnen des Chors 2016 in der Schlosskirche.
Solistinnen des Chors 2016 in der Schlosskirche.

Der Auftritt der Sägerinnen und Sänger des ukrainischen Nationalchors ist für Freunde der Musik und des osteuropäischen Lands ein Fixpunkt in der Adventszeit. Die Konzerte werden in diesem Jahr fehlen. Grund sind verschärfte Einberufungsbestimmungen wegen des russischen Angriffskriegs.

Seit den 1990er-Jahren zählen Auftritte der Solisten des ukrainischen Nationalchors zum festen Bestandteil der Adventszeit in der Region: Mit Konzerten in Bad Dürkheim und Wachenheim sammeln die Künstler Geld für die Einrichtung Dzherelo im ukrainischen Lwiw (Lemberg). Dort werden derzeit etwa 260 behinderte Kinder aus dem ganzen Land betreut. Mit anderen Unterstützern aufgebaut hat das Zentrum der Bad Dürkheimer Augenarzt Michael Zaczkiewicz. Gemeinsam mit seinen Mitstreitern unterstützt der Mediziner mit ukrainischen Wurzeln das Zentrum über den Freundeskreis „Nadija“ seit den 1990er-Jahren mit Spenden. Eine wichtige Quelle dafür ist der Auftritt der Künstlerinnen und Künstler aus der Ukraine. Einer der Protagonisten dabei: Dirigent Zenyk Korinets, der am nationalen Musikinstitut in Kiew die Solisten ausbildet.

Jetzt musste sich Zaczkiewicz mit einer schlechten Nachricht an die Unterstützer des Freundeskreises wenden. Zenyk Korinets habe mitgeteilt, dass er nicht zu den Konzerten im Dezember in die Pfalz reisen kann. Grund seien die erneuten Verschärfungen der Einberufungsbestimmungen seines Heimatlandes, das sich seit Februar 2022 in einem Abwehrkampf gegen Russland befindet. Korinets ist Reserve-Offizier, verteidigte in den ersten Kriegstagen sein Institut. Doch auch für ihn gebe es keine Ausnahmegenehmigung mehr, so Mediziner Zaczkiewicz. Noch im Juli durfte der Dirigent mit seiner Gruppe auf Konzertreise nach Kanada gehen, der Chor bestand wegen der Einberufungsbestimmungen nur aus Sängerinnen. An der Grenze sei schon im Sommer kein Mann unter 60 Jahren ohne Sondererlaubnis mehr ins Ausland durchgelassen worden.

Die Absage des bekannten Dirigenten sei ein Schock für alle Dzherelo-Unterstützer, sagt Zaczkiewicz im RHEINPFALZ-Gespräch. Die Konsequenz war die Absage der Konzerte am 6. Dezember im Sektschloss Wachenheim und einen Tag später in der Schlosskirche in Bad Dürkheim. „Alles war vorbereitet, die Veranstaltungsorte waren gebucht und die Flyer fertig“, sagt Zaczkiewicz.

Natürlich habe es Überlegungen gegeben, die Solistinnen ohne den Dirigenten auftreten zu lassen. „Aber Zenyk ist der Botschafter der Ukraine in dieser Sache. Ohne ihn fehlt die Identifikationsfigur“, begründet Zaczkiewicz die Absage. Zudem sei zu befürchten gewesen, dass der künstlerische Anspruch ohne den Dirigenten leiden würde. Auch einen anderen ukrainischen Chor auftreten zu lassen, sei für ihn keine Alternative gewesen. „Wir haben über die Jahrzehnte eine Verbindung zu Zenyk aufgebaut, ein anderer Chor hätte nicht diesen Stellenwert und wäre in gewisser Weise beliebig gewesen“, sagt Zaczkiewicz.

„Wir verschieben diese Reise bis nach dem Krieg“

Doch werden die Spenden für Dzherelo der Einrichtung nicht fehlen? „Da mache ich mir keine Sorgen. Mit unserem großen Freundeskreis bekommen wir genug Spenden dafür zusammen. Aber das kulturelle Ereignis im Advent wird fehlen“, sagt Zaczkiewicz. Und der Dirigent? Zenyk Korinets bedauere es sehr, nicht in die Pfalz reisen zu können. „Unser erstes Ziel mit diesen Konzerten ist es, den behinderten Kindern in Lemberg zu helfen, dafür wollen wir Spenden einsammeln, das tun wir ja schon seit den 1990er- Jahren. In der aktuellen Situation hilft es auch unseren Landsleuten, die nach Deutschland geflüchtet sind, weil wir sie so mit der ukrainischen Kultur, die sie vermissen, in Verbindung bringen können“, hatte Korinets im vergangenen Jahr im RHEINPFALZ-Interview gesagt.

„Ich soll alle, die ihn kennen, von ihm grüßen. Er sagte wörtlich zu mir: Wir verschieben diese Reise bis nach dem Krieg. Wir kommen dann im Frühjahr. Diesen Winter müssen wir noch überstehen. Ich antwortete ihm: Wir nehmen Dich beim Wort“, berichtet Zaczkiewicz. So recht daran glauben könne er aber nicht.

Zenyk Korinets
Zenyk Korinets
x