Wachenheim RHEINPFALZ Plus Artikel Klangkünstler Chris Jarrett und Erwin Ditzner im ausverkauften Badehaisel

Erwin Ditzner (links) und Chris Jarrett entwickeln aus akustischen Fragmenten eine Metrik.
Erwin Ditzner (links) und Chris Jarrett entwickeln aus akustischen Fragmenten eine Metrik.

Das Badehaisel in Wachenheim war am Samstagabend zum Auftritt von Chris Jarrett und Erwin Ditzner ausverkauft. „So viele Leute waren seit Charlie Mariano nicht mehr da“, verrät uns ein Mitglied des Organisationsteams. Mariano, in den USA geboren, lebte bis zu seinem Tod in Deutschland und war oft im Badehaisel, wo er sein letztes Konzert auf Vinyl aufnahm.

Chris Jarrett, wie Mariano in den USA geboren, lebt ebenfalls seit vielen Jahren in Deutschland, genauer aktuell in der Südpfalz. Seine Vor-Vorfahren, so fand er heraus, stammten hier aus der Region und landeten irgendwann in Pennsylvania, wo heute noch „deitsch“ gesprochen wird. Im Zuge seiner Forschungen stieß er auf jüdische Wurzeln, die sich „bis König David“ verfolgen lassen sollen.

Chris Jarrett spielt keinen Jazz, darauf legt er Wert. Er hat eine fundierte musikalische Ausbildung, die er in Ohio (USA) begonnen hat und nach einer Zwischenphase in Fabriken, auf Schiffen oder in Büros, landete er in Oldenburg, wo er sein Studium fortsetze und bald auch selbst unterrichtete. Jarret komponierte Stücke für Klavier, Theater-, Ballett- und Filmmusiken, eine Oper, ein Oratorium, Kammermusik und unzählige Lieder, mit denen er „weltweit unterwegs“ ist, wie er im Gespräch mit der RHEINPFALZ verrät. Er hat dabei strikte Prinzipien: Obwohl er deutsche Dialekte fehlerfrei beherrscht, legt er Wert darauf, in fremden Regionen hochdeutsch zu sprechen. Das gebiete die Höflichkeit.

Wuchtig bis romantisch

Seine Stücke sind musikalische Erlebniswelten und eine konsequente Weiterentwicklung dessen, was im Schubladendenken als „E-Musik“ bezeichnet wird. Sein Spiel ist ausdrucksstark, wuchtig bis romantisch, Musik die man mit allen Sinnen aufnimmt. Die Lieder erzählen Geschichten. 1798 führte Vorfahre Henry Jarrett in den USA die „Hot Water Rebellion“ gegen zu hohe Steuern an, er wurde schließlich von Präsident John Adams „wegen Unwissenheit“ begnadigt. Musikalisch beginnt das mit verlorenen Trommelwirbeln, Bruchstücke von Marschmusik – diese Musik passt in keine Schublade.

Erwin Ditzner (sein Name ist ein Pseudonym) trommelt, wie er bekennt, seit 53 Jahren. Da er auf keine so gut erforschte Vergangenheit zurückblicken kann, erzählt er in einem Schlagwerk-Solo seine musikalische Geschichte. Die begann auf Stühlen und Möbeln. Die Art, wie er trommelt, die Körperhaltung, der Anschlag, wie er die Stöcke hält und führt, ist sehr eigen bis einzigartig. Er hatte einst als Schlagwerker im klassischen Orchester begonnen, fand daran aber wenig Gefallen: „Ich bin im Grunde Autodidakt“, verrät er. Wann und wie er erstmals mit Chris Jarrett zusammentraf, ist nicht überliefert, aber „wir sind Brüder im Geiste“. Vor der Pandemie hatten sie häufig zusammengespielt, der Auftritt im Badehaisel ist die logische Fortsetzung, als ob da nie etwas dazwischen gewesen wäre.

Trauriger Marsch endet in einem Schrei

Ditzner und Jarrett entwickeln aus akustischen Fragmenten eine Metrik, die sich jedoch wieder verliert. Sind das Schnipsel, Fetzen einer vergessenen Zeit, klingt da ein Ragtime durch? Plötzlich wird daraus ein trauriger Marsch in Moll bis Dur, dann doch wieder Moll und endet unvermittelt in einem Schrei. Ein weiteres Stück tänzerisch, mit afrikanischen Elementen. Viele Stücke erinnern an den ungarischen Komponisten Bela Bartok, der Elemente der ungarischen Volksmusik in die Klassik übernahm und so neue Wege öffnete. Wasserfälle strömen den Berg hinab, irgendwo tief in der Natur, opulente Klangbilder entstehen im Ohr und damit im Kopf.

Für Liebhaber analoger Tonträger sind alle Stücke auch auf Vinyl oder digital auf CD erhältlich und einige auch in den Streamingdiensten zu finden. Die Musiker bestanden darauf, in einem Set zu spielen, um den Spannungsbogen nicht zu unterbrechen. Das hat funktioniert: 90 Minuten intensivstes Musikerlebnis, was so wohl nur im Badehaisel geben kann – und das seit jetzt 40 Jahren.

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