Bad Dürkheim Fußballkrimi? Nur als Buch ...

Allmählich leert sich die Innenstadt. Montagabend, 17.45 Uhr. Größere Menschentrauben im Freien sind nur noch dort auszumachen, wo Bilder über den Breitbandschirm flackern. Im Hof vom „Café Klatsch“ etwa oder an Eiscafés am Römerplatz. Das Wetter ist mild, die letzte Sonne lädt dazu ein, am Lokal einen Außenplatz zu belegen und ganz gemütlich ... einen Krimi zu lesen. So zumindest macht es Mechthild Müller selbst nach dem Anpfiff um 18 Uhr. „Ich bin heute Morgen um fünf losgefahren, habe den ganzen Tag im Büro gesessen und brauche einfach meine Ruhe“, sagt die Dortmunderin, die Berufliches in die Pfalz verschlagen hat. Die zweite Halbzeit will sie sich in ihrem Hotelzimmer ansehen. Das „Cortina“ hat schon den ganzen Nachmittag über weniger Kundschaft. Von den verbliebenen Gästen möchten sich eigentlich alle zumindest noch das Ende des deutschen Auftaktspiels anschauen, wenn der letzte Schluck Cappuccino getrunken ist. Nur zwei junge Leute machen sich gar nichts draus. „Gegen wen spielen die eigentlich heute?“, fragt Lena Grewenig – und ist sich mit Sebastian Ramisch einig, dass ein Wiedersehen nach langer Zeit wichtiger ist. Zumal ihr Basketball-Training heute eh ausfällt: Der Trainer ist nach Brasilien gereist. Aus einem vorbeifahrenden Auto ist zu erfahren, dass es in Salvador eben eine gelbe Karte gegeben hat. Im „StoryVille“ ist es gerade schwierig, mit jemandem ins Gespräch zu kommen. Einsilbig die Antworten, der Blick starr auf den Bildschirm gehaftet. „Weil es meine Stammkneipe ist und wir schon immer zusammen Fußball geschaut haben“, sagt Dieter Berger knapp. Deshalb ist sie hier, die kleine, aber leidenschaftliche Fanschar in ihren Deutschlandtrikots. Schwenk ins Gewerbegebiet. Eine Minute vor Anpfiff ist der Aldi-Parkplatz noch erstaunlich gut gefüllt. „Nicht die geringste Bohne“, interessiere sie der Fußball, versichert Touristin Gabi Fuchs aus dem Kreis Birkenfeld und belädt in aller Ruhe ihren Kofferraum. Genau die richtige Gelegenheit, in Ruhe nach Angeboten zu schauen, meint sie. Auch Martin Brunst hat noch eingekauft. Dem Dürkheimer ist Fußball egal. Na ja, fast. Er hocke sich jetzt mit seinen Nachbarn raus, kündigt er an, und wenn dann jemand einen Fernseher dazustelle: gut. Wenn nicht: genauso gut. Viertel nach sechs, in Salvador steht’s 1:0 für die Deutschen. Im Reisebüro gegenüber Aldi kann sich Inhaber Tobias Hölting das Spiel zumindest im Computer anschauen, denn Kunden hat er keine. Auch Gisela Trescher im Obst- und Gemüsemarkt Bescher hat gemerkt, dass in der letzten Stunde deutlich weniger Leute zu bedienen waren. Dass sie jetzt arbeiten muss, statt vorm Fernseher mit Jogis Elf mitzufiebern, findet sie halb so wild: Das erste Spiel sei doch nicht entscheidend. „Einer muss halt das Opfer sein“, kommentiert Kollege Daniel Kopec seinen abendlichen Dienst am Wasserschlauch – und befeuchtet gelassen den Kopfsalat. Gute halbe Stunde gespielt, es steht 2:0. Yvonne Müller hat Dienst an der Infotheke im Hit-Markt. Sie sei freiwillig eingeteilt worden, formuliert sie diplomatisch und lacht. Das Spiel nimmt sie zu Hause auf und will es sich später anschauen. Jetzt muss sie nur aufpassen, dass ihr keiner das Ergebnis steckt. Der Parkplatz vorm Hit ist fast leer. Sergej Dinkus will nur Zigaretten holen. Ein Spiel? Welches Spiel?, lacht er. Fußball interessiere ihn nicht die Bohne. Auch sonst sieht man immer noch Fan-Autos mit Deutschland-Fähnchen und -Farben an den Außenspiegeln. In eines lädt Bruno Schäfer gerade Wasserkästen. Das Auto, stellt er klar, gehöre seiner Frau – und die sei im Gegensatz zu ihm an Fußball interessiert. Kurz vor Halbzeit. Hannelore Roth nimmt ihren Platz an der „Hit“-Kasse ein. Lieber wäre sie jetzt bei ihrer Familie und den Bekannten, die zusammen im heimischen Garten das Spiel anschauen, gibt sie zu. Bis sie ihre Spätschicht beendet hat, ist alles gelaufen, bedauert sie. Und weil zu keinem Glück oft noch das Pech dazukommt, hat sie zum zweiten Spiel der „Unsrigen“ am Samstag gegen Ghana schon wieder Dienst. Die zweite HaIbzeit läuft. Im Kurpark ist es heute nicht nur idyllisch, sondern fast gespenstisch. Gähnende Leere entlang der Isenach. Jürgen Baader aus Bockenheim hat gerade die Salinen besichtigt – und trotz völliger Einsamkeit dort oben bemerkt, dass es inzwischen 3:0 steht. Denn nebenan bei der Fronmühle fiebern die Menschen im Biergarten mit. Der ist bis auf den letzten Platz belegt. Unter dem Bildschirm steht schon mal der Weltpokal. „Es ist einfach lauter und schöner, gemeinsam mit Leuten Fußball zu schauen“, sagt Jan Becher – selbst von einem der hinteren Tische. Alle Welt schaut also Fußball – und damit ist die beste Zeit für ihn, einzukaufen, findet Thomas Berker – wir sind wieder im Hit. Wenn die Deutschen gewinnen, dann schaut er sich vielleicht das nächste Spiel an. Dass es gerade 3:0 steht, das weiß er immerhin und das sagt er auch ziemlich laut und dann wiederholt es jemand. Und wer steht wohl dabei und kann sich nicht schnell genug die Ohren zuhalten? „Einer schafft es immer“, meint Yvonne Müller genervt ...