Bad Dürkheim Der Applaus gehört den anderen

91-69642246.jpg

Wer Kammermusikkonzerte der BASF in Ludwigshafen besucht, hat sie wohl schon einmal gesehen: Angela vom Hoff. Ihren Namen aber kennen die wenigsten und auch wer jetzt das Foto anschaut, wird sich vielleicht nicht sicher sein, wo er sie schon einmal gesehen hat. Dabei sitzt Angela vom Hoff sogar auf der Bühne, als Teil der Künstlerteams. Sie betritt gemeinsam mit den Musikern den Saal, aber nach dem Konzert ist sie verschwunden; der Applaus gehört den anderen. Denn Angela vom Hoff hat einen ganz besonderen Job: Sie blättert die Noten um.

In der Kammermusik sind in den Noten der Pianisten nicht nur die Klavierstimme, sondern auch die Stimmen aller anderen Instrumente verzeichnet. Das bedeutet: viele Noten, viele Seiten, dauerndes Blättern. Da man als Pianist aber beide Hände zum Spielen braucht, muss jemand helfen. In Ludwigshafen blättert Angela vom Hoff – nun schon seit ungefähr acht Jahren, so genau weiß sie das selbst nicht mehr. Eigentlich hat sie Gesang studiert und arbeitet als Gesangslehrerin in Mannheim. Während ihres Studiums sprang sie für eine Kommilitonin bei einem Konzert als Umblätterin ein und blieb. „Beigebracht hat mir das niemand, aber ich habe schon als Kind meinen Eltern die Noten umgeblättert – beide waren Pianisten.“ Umblättern sieht einfach aus, ist es aber nicht. Schon bei der Stuhlposition fängt es an: Vom Hoff muss weit genug von den Pianisten entfernt sitzen, um ihnen nicht in die Quere zu kommen, aber natürlich muss sie noch die Noten entziffern können. Auch beim Umblättern darf sie den Pianisten nicht die Sicht blockieren. Wird zeitgenössische Musik aufgeführt kann es sein, dass die Musiker aus schwer entzifferbaren Manuskripten spielen. Und dann sind da noch die Künstler selbst: „Wenn mir jemand sagt: Ich gebe Ihnen ein Zeichen zum Blättern, oder: Das klären wir in der Pause, werde ich misstrauisch. Oft kommt dann doch nichts.“ Weil sich vom Hoff lieber nicht auf solche Ansagen verlässt, bereitet sie sich akribisch auf ein Konzert vor. „Ich kenne das Programm ja schon und schaue mir die Noten vorher an. Dann weiß ich auch, wann Wiederholungen kommen und ich wieder nach vorne blättern muss.“ Direkt vor dem Konzert bearbeitet sie die Notenausgaben der Pianisten. „Besonders ärgerlich ist es nämlich, wenn die Seiten von selbst zurückfallen.“ Auch die schaut sie durch, prüft, ob das Papier verklebt ist und wie leicht es sich blättern lässt. Außerdem lässt sie sich genaue Instruktionen geben: Soll sie eher früh oder spät blättern, welche Wiederholungen werden gespielt? Da kann dann noch einiges diskutiert werden. So wie bei Kit Armstrong, den vom Hoff fragte, ob er denn die Kadenz beim Konzert spiele. „Er schaute mich ganz interessiert an und meinte: Ja stimmt, das könnte ich machen. Und dann hat er einfach eine Kadenz aus dem Ärmel geschüttelt.“ Kit Armstrong hat vom Hoff überhaupt sehr beeindruckt: „Wenn man so nah bei den Musikern sitzt, merkt man erst, was für eine ungeheure Ausstrahlung sie besitzen. Armstrong, der nach außen so ruhig und beherrscht wirkt, stand unter Strom wie ein E-Werk.“ Das Schöne an ihrem Job sei, dass sie mit den besten Musikern zusammenarbeite. Allüren habe da keiner. „Im Gegenteil, mich hat eher beeindruckt, dass selbst die größten Stars immer noch einen Heidenrespekt vor den Kompositionen, die sie spielen, besitzen. Da ist sogar eine Martha Argerich noch aufgeregt, ob sie die heikle Stelle übersteht. Jeder nimmt die Musik ernst, keiner spielt das einfach mal so runter.“ Neben der Zusammenarbeit mit den Künstlern ist es natürlich die Musik selbst, die vom Hoff so viel Spaß bereitet. Neben Neuer Musik, die sie sonst nicht kennengelernt hätte, hat sie einige Werke in unterschiedlichen Interpretationen gehört und dabei immer wieder Neues entdeckt. Wirklich genießen darf sie die Musik aber nicht: „Ich muss schon aufpassen, dass ich mich nicht in den schönen Klängen verliere und dann vergesse zu blättern. Während des Konzerts muss ich mich voll konzentrieren. Aber bei der letzten Doppelseite kann ich mich schon zurücklehnen und einfach nur zuhören.“ Als Umblätterin muss vom Hoff nicht nur die Werke kennen und zur richtigen Zeit blättern, sie sollte auch Gelassenheit ausstrahlen. „Ein Konzert ist immer eine Stresssituation für die Künstler, und wenn ich dann auch noch unruhig wäre, würde das die Pianisten nur noch mehr verunsichern.“ Wer Angela vom Hoff schon bei einem Konzert erlebt hat, kann sich vorstellen, wie beruhigend es sein muss, sie als Umblätterin neben sich zu haben. Auf sie können sich Pianisten so sehr verlassen, dass sie sie sogar vergessen dürfen. Einmal habe sie einem Pianisten nach dem Konzert die Noten zurückgegeben und sich verabschiedet. „Er hat mich ganz verwundert angeschaut und gefragt: Wer sind Sie?“ Er hatte Angela vom Hoff während des ganzen Konzerts nicht bemerkt. Und das ist eines der größten Komplimente, das man einer Umblätterin machen kann.

x