Wachenheim RHEINPFALZ Plus Artikel Chris Jarrett im Badehaisel: Gelungenes Experiment

Chris Jarrett leistete im Badehaisel nicht zuletzt körperliche Schwerarbeit am Klavier.
Chris Jarrett leistete im Badehaisel nicht zuletzt körperliche Schwerarbeit am Klavier.

Es war ein Experiment an einem Samstagabend im Badehaisel in Wachenheim, den Stummfilm „Panzerkreuzer Potemkin“ mit der Musik des Komponisten und Pianisten Chris Jarrett zu präsentieren. Es gelang.

„Ich bin kein Stummfilm-Pianist“, darauf legt Chris Jarrett, der als Komponist und Pianist in verschiedenen musikalischen Genres erfolgreich ist, Wert. Doch er könnte ein Stummfilm-Pianist sein, denn allein schon sein etwa eineinviertel Stunden dauerndes Spiel auf dem Klavier im Badehaisel war mehr als beeindruckend. Hochkonzentriert präsentierte Jarrett die von ihm geschriebene, in vielen Teilen anspruchsvolle und ganz und gar nicht einfach zu spielende Musik. Dies mit einer enormen Intensität und voller Ausdruckskraft.

Sein Spiel war immer dem Tempo des Geschehens im Film angepasst, das Jarrett die ganze Zeit im Auge hatte. Auch das ist eine Kunst, die nicht jeder Pianist beherrscht. Jarrett ist kein Pianist, der mit großem Pathos spielt, das braucht er nicht, denn er beeindruckt auch so. Das nicht nur durch seine Fähigkeiten als Pianist, sondern auch durch seine enorme körperliche Leistung, so lange ununterbrochen zu spielen. Es ist dies vergleichbar mit Schwerstarbeit.

Pianist mit turbulentem Lebenslauf

Chris Jarrett hat zu einigen Filmen Musik komponiert, „Panzerkreuzer Potemkin“ war der erste und es ist der einzige, mit dem er Konzerte gibt, das schon seit vielen Jahren. Jarrett, der aus einer „asozialen Ami-Familie mit einer lieb-kriminellen Mutter“ stammt, wie er selbst seine Kindheit beschreibt, ist im Lauf seines ziemlich turbulenten Lebens Anfang der 1980er-Jahre in Oldenburg gelandet und hat dort nicht nur studiert, sondern auch als Pianist die Aufführungen von Stummfilmen begleitet und teils selbst die Musik geschrieben. Intensiver beschäftigt hat er sich mit „Panzerkreuzer Potemkin“.

Der Film beinhalte Musikalität und er passt „zu mir und meiner Mentalität“, so Jarrett. Zudem halte er „die Botschaft des Filmes für sehr wichtig und wertvoll“, sagt Jarrett, der inzwischen 67 Jahre alt ist und im beschaulichen, südpfälzischen Oberotterbach lebt, sich aber anscheinend einen gewissen revolutionären Geist erhalten hat. Vor etwa 15 Jahren habe er seine aus den 1980er-Jahren stammende Komposition komplett überarbeitet, erzählt Jarrett. Zwei kleine Anleihen enthält seine Komposition, zum einen an die Internationale, zum anderen an einen russischen Trauermarsch.

Kein reiner Propagandafilm

„Panzerkreuzer Potemkin“ war eine Auftragsarbeit im Jahr 1925 von Lenin an den Regisseur Sergej Eisenstein zur Feier des 20. Jubiläums der sogenannten russischen Revolution. Diese revolutionäre Unruhen im russischen Zarenreich gelten als Vorläufer der Revolution im Jahr 1917. „Panzerkreuzer Potemkin“ ist aber kein reiner Propagandafilm, er ist auch ein künstlerisch und filmtechnisch bedeutsamer Film. Der Originalfilm von Eisenstein wurde vor Jahrzehnten zerstört, doch entstanden mehrere Rekonstruktionen, von denen eine im Badehaisel gezeigt wurde.

Es ist bemerkenswert, dass ein fast 100 Jahre alter Film nach wie vor so beeindrucken kann, dies sowohl mit seinem Inhalt, wie auch mit der Art, wie er gedreht wurde. So entsteht beispielsweise in Szenen, in denen sich immer mehr Menschen den Aufständischen anschließen, durch eine entsprechende Kameraführung der Eindruck von einer nicht endenden Masse von Menschen.

Ausdrucksvolles Spiel

Zwar enthält die im Badehaisel gezeigte Rekonstruktion Zwischentitel und Erklärungen in englischer Sprache, doch auch ohne diese könnte man dem Film weitgehend folgen. Das auch ohne den Inhalt genau zu kennen, so ausdrucksvoll ist das Spiel, sind Mimik und Gestik der Darsteller, die ganz ohne Sprache die einzelnen Akteure verkörpern mussten. Zwar wirken manche Bewegungen für das heutige Auge etwas künstlich, doch das beeinträchtigt den Gesamteindruck nicht.

Durch „Panzerkreuzer Potemkin“ kann man lernen, dass es bereits vor den Zeiten von social media möglich war, dass ein kleines Ereignis sich zu einem Massengeschehen entwickeln kann, dass einzelne Menschen eine Vielzahl von Menschen dazu bringen können etwas zu tun, ohne darüber nachzudenken.

Musik wird Teil des Films

Chris Jarrett hat in seiner Musik den Ausdruck, die Stimmung, die Atmosphäre, das Geschehen, die Handlung, die Entwicklung des Films perfekt aufgegriffen. Die Musik unterstreicht das Geschehen und die Handlung, hebt die Bedeutung einzelner Szenen hervor, unterstreicht sie und wird so zu einem Teil des Films.

So gibt die Musik beispielsweise eindringlich die Verzweiflung der unter unwürdigen Bedingungen lebenden Matrosen auf dem Panzerkreuzer Potemkin wieder. Ebenso den Enthusiasmus der Menschen in der Stadt Odessa, als ihr Aufstand erst erfolgreich ist und ihre Verzweiflung, als sie von den Soldaten des Zaren erbarmungslos gejagt und erschossen werden.

Das Publikum ist fast schon überfüllten Badehaisel war begeistert. Das engagierte Badehaisel-Team kann gern wieder einmal solch ein Experiment wagen.

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