Rheinland-Pfalz Schwer auf Zack

Ein Unikat: der „Hauensteiner Kastanienschuh“.
Ein Unikat: der »Hauensteiner Kastanienschuh«.

Dieser Kastanienschuh ist in Deutschland einzigartig, nur in Frankreich gibt es noch einige Exemplare. Elf Zentimeter sind seine groben eisernen Spitzen lang, mit einem Eisenring an der Schaftbefestigung erinnert das Ungetüm – sieht man von den Eisenkrampen ab – an uralte Bauernschuhe, von Eleganz und Weltläufigkeit kann keine Rede sein. Das singuläre Objekt mit musealem Alleinstellungsmerkmal ist auch in seinem Lebensalter Spitze: Etwa aus dem Jahre 1840 stammt der Koloss, den viele Besucher auf den allerersten Blick fast immer für einen der ersten Eisschuhe in der vormodernen alpinen Kletterei halten. Weit gefehlt: Ernst Tillmann (1923 -2016), der Vater der berühmten gleichnamigen Ernst-Tillmann-Sammlung (5885 Paar Schuhe aus allen Kulturen), sagte bei der Übergabe des einzigartigen Kastanienschuhs: „Der Kastanienschuh aus der südfranzösischen Ardèche ist eines meiner liebsten Schuhkinder, das Gegenstück behalte ich aus diesem Grund für mich selbst.“ Jetzt wissen wir’s: Der pittoreske „Spitzen“-Schuh ist erst mit der Tillmann-Sammlung „Pfälzer Spitze“ geworden. Vorher stand er mehr als 150 Jahre lang in einem alten Bauernhaus in den weiten Kastanienwäldern, die sich entlang des engen Flusstales der Ardèche erstrecken. Dort war die Kastanie jahrhundertelang das „Brot des kleinen Mannes“. Und dort beginnt auch die Geschichte, das Leben und das Wirken unseres Hauensteiner „Keschdeschuhs“. Es ist eine höchst interessante Geschichte mit sozial- und kulturgeschichtlichem Hintergrund. Die getrockneten Edelkastanien waren vom Mittelalter bis Ende des 19. Jahrhunderts Grundnahrungsmittel in den riesigen französischen Kastanienwäldern und ersetzten das Getreide, für dessen Anbau in großen Mengen es bei dem Terrassenanbau einfach nicht genug Platz gab. Das Trocknen war (und ist) die einzig mögliche Art und Weise, die Edelkastanie in dem dortigen mediterranen Klima lange Zeit aufzubewahren. Und dies war schließlich lebenswichtig zur damaligen Zeit. Nach dem Trocknen wurden die Edelkastanien im Winter geschält. Im Laufe der Jahrhunderte entwickelten die Menschen für diese Arbeit spezielle Werkzeuge, die erst per Hand und später mechanisch betrieben wurden. „Soles“ heißen die schweren Schuhe, deren dicke Holzsohle mit spitzen Eisenzähnen versehen ist. Das ist heute übrigens das Symbol der Edelkastanie in der Ardèche-Region. Jeder dieser Schuhe wiegt etwa zwei Kilogramm. Die bereits von der harten, braunen Schale (äußere Fruchtschale) befreiten und getrockneten Kastanien wurden leicht angefeuchtet und in einen Holzbottich geworfen. Zwei Männer stellten sich in diesen alten Holzmulden auf und stampften mit den „soles“ (Kastanienschuhen) an den Füßen die Früchte klein. Um die zerkleinerte Kastanienmasse dann zuzubereiten, weichte man sie am Vorabend wie anderes getrocknetes Gemüse in Wasser ein oder machte – was für die Gewinnung der Grundnahrungsmittel außerordentlich wichtig war – Kastanienmehl daraus. Das Kastanienmehl musste in früheren Zeiten mehrere Monate den Getreidebedarf der Bauern decken. Das ist die Geschichte des wohl bekanntesten Pfälzer „Eisenfüßlers“, der die mittlerweile fast eine Million Besucher des Hauensteiner Museums immer wieder fasziniert. Ernst Tillmann, der leidenschaftliche und überaus fleißige Schuhsammler – er gilt als der größte private europäische Schuhsammler – kam zu Lebzeiten immer wieder von seinem Wohnort im rheinischen Viersen ins südwest-pfälzische Hauenstein, wo er „seinen“ Kastanienschuh immer wieder bewunderte. Und auch stets gerne von den glücklichen Umständen erzählte, die er in dem kleinen Ardèche-Dörfchen beim Auffinden der „Soles“ erlebt hat. Übrigens hatte er auch noch eine andere Geschichte über den „Keschdeschuh“ parat. Schließlich wusste Ernst Tillmann über seinen Kastanienschuh noch viel mehr zu erzählen: Die französischen „Paysans“ (Bauern), so berichtete er, trieben nämlich seit Menschengedenken im Herbst die Schweine in die riesigen Misch- und Kastanienwälder, wo Knechte, Mägde und Kinder des „Fermiers“ mit diesen schweren Eisenzackenschuhen die Kastanien für das Borstenvieh „tischfertig“ zerkleinerten und zubereiteten. Heute sind die Kastanien aus dieser Region ein bedeutender französischer Delikatessen-Export. So ändern sich die Zeiten ... Info Das Deutsche Schuhmuseum Hauenstein (Landkreis Südwestpfalz) ist von März bis November täglich – auch sonn- und feiertags – von 9.30 Uhr bis 17 Uhr geöffnet. Weitere Informationen gibt es im Internet unter der Adresse www.museum-hauenstein.de/schuh_museum/ Bisher erschienen „Der Hund, der unbedingt gefallen will“ – Deutsche Spitze aus Rodalben (14. Juli 2018); „Gags auf unsere eigenen Kosten“ – das Neustadter Kabarett-Duo Spitz & Stumpf (24. Juli); „Dürkheims Dauerläufer“ – Willi Wagner hält seit 50 Jahren die Pfälzer Bestmarken über 5000 Meter und 3000 Meter Hindernis (10. August); „Stolze Turmgestalt“ – der Spitze Fels bei Ludwigswinkel (25. August); „Zarte Zierde aus feinen Fäden“ – die Spitzenklöpplerin Barbara Corbet aus Frankweiler (22. September); „Bio statt Rio“ – wie der Salat Zuckerhut auch ohne brasilianische Wärme in der Pfalz gedeiht (10. Oktober); „Hoch droben auf dem Dom“ – von den Türmen der Speyerer Kathedrale sieht man die schönsten Seiten der Pfalz (3. November); „Dürkheim ist Spitze, auch beim Arsen“ – über das besondere Heilwasser der Kurstadt (27. Dezember); „Spitze gegen die Protestanten“ – wie sich in Speyer die Baumeister Konkurrenz machten (1. Februar 2019), „Feingefühl für Schärfe“ – die Damastmesser des Maikammerers Stefan Santangelos sind bei Sammlern und Küchenchefs heiß begehrt (6. April 2019).

Eine historische Aufnahme aus der Ardèche-Region in Südfrankreich: Mit dem Kastanienschuh wurden die gehäuteten Kastanien zerkle
Eine historische Aufnahme aus der Ardèche-Region in Südfrankreich: Mit dem Kastanienschuh wurden die gehäuteten Kastanien zerkleinert, bevor sie zu Kastanienmehl zermahlen wurden.
x