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Südwest

Hoppstädten-Weiersbach: Weltfabrik im Dorf

von Susanne Cahn

Neben der deutschen und der europäischen Flagge weht in Hoppstädten-Weiersbach ganz selbstverständlich auch die chinesische.

Neben der deutschen und der europäischen Flagge weht in Hoppstädten-Weiersbach ganz selbstverständlich auch die chinesische. ( Fotos: m. hoffmann)

Projekt-Initiator Andreas Scholz.

Projekt-Initiator Andreas Scholz.

Die Baustelle des Studentenwohnheims.

Die Baustelle des Studentenwohnheims. ( )

Eines der Gebäude, in denen Chinesen wohnen und arbeiten.

Eines der Gebäude, in denen Chinesen wohnen und arbeiten.

Der Flughafen Hahn befindet sich mittlerweile mehrheitlich im Besitz eines chinesischen Konzerns. Aber der Hunsrück-Airport ist nicht der einzige Ort im Land, an dem Investoren aus Fernost aktiv sind. Seit 2012 haben sich in Hoppstädten-Weiersbach im Kreis Birkenfeld 265 Firmen aus dem Reich der Mitte angesiedelt. Ein Erfolg für die strukturschwache Region.

«Hoppstädten-Weiersbach.» Er gilt als das größte chinesische Handelszentrum in Europa: der Oak Garden in Neubrücke, einem Ortsteil von Hoppstädten-Weiersbach. Hier, im Landkreis Birkenfeld, mitten im Naturpark Saar-Hunsrück, siedelten sich in den vergangenen sechs Jahren 265 Handelsfirmen aus Fernost an. Und es werden mehr, neue Wohn- und Geschäftsräume sind im Bau. Davon profitieren nicht nur die Chinesen. Die strukturschwache Region spürt Aufwind.

Plattform zur Weiterentwicklung

„Es waren einfach die richtigen Leute zur richtigen Zeit am richtigen Ort“, blickt Andreas Scholz auf die Anfänge des „Oak Garden“ (Eichengarten) im Jahr 2011 zurück. Der Geschäftsführer der International Commercial Center Neubrücke GmbH (ICCN) meint damit die zufällige Begegnung mit seiner heutigen Geschäftspartnerin Jane Hou am Frankfurter Flughafen. Auf die Chinesin – Scholz und Hou sind inzwischen verheiratet, trennen dabei Geschäftliches und Privates – geht die Initiative zur Ansiedlung chinesischer Firmen zurück. Damals noch mit Geschenkartikeln in Idar-Oberstein aktiv, verfolgte Hou das Ziel, eine Plattform zur Weiterentwicklung chinesischer Unternehmen in Europa aufzubauen. „Ich wollte damals sowieso meinen beruflichen Fokus Richtung Asien verlegen“, berichtet Scholz, wie er seinen Job im Management eines Autoherstellers niederlegte, um mit Hou in der leerstehenden US-Housing einen „Brückenkopf“ zu China zu errichten.

"Projekt der Region"

Während die zunächst favorisierte Ansiedlung in einer Idar-Obersteiner Kaserne nicht zustande kam, „war man hier sofort offen“, erinnert sich der 38-jährige Kaufmann. „Es ist ein Projekt der Region“, verdeutlicht Scholz, dass Kommunen, Wirtschaftsförderung sowie Industrie- und Handelskammer hinter „Oak Garden“ mit inzwischen 30 Mitarbeitern stehen. „Es ist hier das erste und einzige privat finanzierte Konversionsprojekt“, sagt er. ICCN hatte dafür 13 Hektar in unmittelbarer Nähe des Umwelt-Campus Birkenfeld erworben und knapp zwölf Millionen Euro für die Sanierung von Wohnungen und Büros aus eigenem sowie dem Kapital chinesischer Investoren aufgebracht. „Dazu brauchte es Kreativität und Angstfreiheit“, sagt Scholz.

 

Inzwischen wehen in Neubrücke, einem Ortsteil von Hoppstädten-Weiersbach, ganz selbstverständlich chinesische Fahnen, auf Hinweisschildern wirken die exotischen Schriftzeichen fast schon vertraut. An Wochenenden registrieren die Bewohner Exotik-Touristen, die neugierig durch das Viertel kreisen.

Niedrigste Arbeitslosigkeit im Kreis

Von den mittlerweile rund 700 Chinesen im Kreis haben sich einige auch direkt vor Ort angesiedelt. „Im Neubaugebiet haben die Chinesen von heute auf morgen Bauplätze erworben“, berichtet etwa Birkenfelds Verbandsbürgermeister Bernhard Alscher. Von den Gewerbesteuereinnahmen in Höhe von 5,9 Millionen Euro stammten zuletzt 250.000 Euro allein von den Chinesen aus „Oak Garden“. Die Arbeitslosigkeit in der VG sei die niedrigste im Kreis.

 

Der Einzelhandel stellt sich längst auf die neuen Bewohner ein. Manche Geschäftsleute halten ganze Regale mit fernöstlichen Lebensmitteln vor. Inzwischen stammt jedes fünfte Kind in der örtlichen Kita aus China. Die Chinesen sind zudem ein Grund für die Bestrebungen des Gymnasiums Birkenfeld, das Internationale Abitur anzubieten (wir berichteten).

Zwei von 18 Gebäuden stehen bereits

„In der Region finden die Chinesen perfekte Bedingungen“, sagt Scholz. Ganz elementar: die Umwelt mit sauberer Luft und Wasser. In der Kita seien die Kinder nach drei Minuten Fußweg, anstelle von einer Stunde im Stau einer chinesischen Großstadt. Zudem befinden sich Autobahn und Bahnhof mit Direktverbindung nach Frankfurt und Saarbrücken in unmittelbarer Nähe. Zum Flughafen Hahn sind es gerade einmal 45 Minuten. Im Sommer 2012 trafen die ersten Händler aus dem Reich der Mitte in dem 3200-Einwohner-Dorf ein. Darunter Shan Gao, der LED-Technik vertrieb. Inzwischen ist er Vorstandsvorsitzender der CCN Investment und Development AG, die ebenfalls unter der Marke „Oak Garden“ firmiert. Dazu gehört ferner das Handelsunternehmen DCCN, das weltweit Amazon-Shops, betreibt. Während ICCN unter anderem Serviceleistungen für Chinesen anbietet, koordiniert CCN die Bauvorhaben. Zwei von 18 neuen Gebäuden mit Büro- und Ausstellungsräumen stehen bereits. Wenn das dritte in Kürze hochgezogen ist, werden neun Millionen Euro investiert sein. Insgesamt 500 Einheiten soll das hier entstehende „Headquarter der Weltfabrik“ bieten. Die ersten sind bezogen. Zudem saniert CCN Villen in der Region, und am Campus baut die AG ein Studentenwohnheim.

Erfolgsgeschichte in wenigen Jahren

Mit seiner atemberaubenden Entwicklung hat das chinesische Geschäftszentrum in wenigen Jahren Erfolgsgeschichte geschrieben. „Bei zwei, drei Geschäftsideen hat es wirtschaftlich nicht geklappt“, räumt Scholz ein. Die meisten Händler seien zwischen 30 und 50 Jahren, 40 Prozent Frauen. Sie vertreiben unter anderem Küchenutensilien, Kunstgegenstände aber auch Wein. Auch Staubsauger oder Luftreiniger sind im Angebot. Und individuelle Touren für seine Landsleute organisiert Ge Wang, etwa nach Trier, zum 200. Geburtstag von Karl Marx.

 

Scholz und Hou gehen die Ideen nicht aus. Inzwischen laufen schon Kultur- und Sport-Projekte unter ICCN-Regie. Im Bildungsbereich kooperiert die GmbH mit der Hochschule Trier beim Freshmen-Programm, das Studienanwärtern Vorbereitungskurse am Umwelt-Campus anbietet. Aktuell sind rund 100 Chinesen eingeschrieben.

„In Zukunft wollen wir uns im Bereich der Pflegekräfte engagieren“, kündigt Scholz an. Ihm schwebt vor, ausgebildete Kräfte aus China für Krankenhäuser oder den privaten Pflegesektor ins Land zu holen. „Wir sehen hier einen großen Markt und Bedarf an qualifizierten Kräften“, betont er. Auch im Medizintourismus sieht ICCN Chancen.

 

Info

www.iccn-germany.com

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