Rheinland-Pfalz Feingefühl für Schärfe

Kraftvoll bringt Stefan Santangelo den glühenden Stahl in Form.
Kraftvoll bringt Stefan Santangelo den glühenden Stahl in Form.

«MAIKAMMER.» Mit einer fließenden Bewegung durchtrennt Stefan Santangelo das Blatt Papier, das er senkrecht in die Höhe hält. Wie durch Butter gleitet das Jagdmesser. „Die Klinge ist so scharf, selbst Haare könnte ich damit schneiden“, sagt der Kunstschmied aus Maikammer. Bewundernd dreht er die glänzende Klinge und legt sie auf den Tisch. Verschlungene Muster schimmern psychedelisch im Licht. Der 47-Jährige ist stolz auf die edlen Damastmesser, die aus seiner Werkstatt kommen. Santangelo ist Metallbaumeister. In seinem Beruf konnte er seine Arbeitszeit reduzieren, um seinem seltenen Handwerk mehr Zeit widmen zu können. An Abnehmern für seine kunstvollen Pfälzer Spitzen fehlt es ihm nicht: Seit Santangelos kleine Schmiede 2017 in einem Fernseh-Beitrag zu sehen war, kann er sich vor Aufträgen kaum retten. Entsprechend lang ist die Warteliste. Wer ein Messer bestellt, muss geduldig sein. Über Monate. Dafür bekommt er aber auch ein Unikat, bei dem vom Griff bis zum Lederfutteral alles handgemacht ist. Das Damastschmieden hat sich Santangelo vor 15 Jahren selbst beigebracht. „Anfangs hat vieles nicht geklappt“, erzählt er. „Ich bin aber trotz aller Rückschläge dran geblieben.“ Ein Wettstreit sei damals zwischen ihm und einem Kollegen ausgebrochen, erinnert er sich schmunzelnd. „Jeder wollte besser sein als der andere; er hat irgendwann aufgehört, ich nicht.“ Selbst heute mit reichlich Erfahrung geht immer mal wieder etwas schief. Santangelo ärgert sich über jede zerbrochene Klinge, weil so viele Arbeitsschritte notwendig sind, bis ein Damastmesser fertig ist. Von manchen Stücken trennt er sich nie, weil so viel Herzblut darin steckt. „Jedes Detail ist eine Wissenschaft für sich“, sagt er, denn er hat lange experimentiert, bis er den richtigen Dreh heraus hatte. „Ein schöner Damast braucht eine halbe Ewigkeit.“ Stunde um Stunde steht Santangelo an der glühenden Esse. Schicht um Schicht muss der zu einem Päckchen verschweißte Stahl wieder und wieder erhitzt und mit dem Hammer bearbeitet werden, bis am Ende ein unglaublich scharfes Spitzenprodukt auf dem Arbeitstisch liegt. Auf des Damastmessers Schneide kommt es an. Jede Kleinigkeit ist wichtig: Wie viele Lagen dunkler und heller Stahl feuerverschweißt werden, der Hitzegrad im Härteofen, das Ölbad, der mehrfache Schliff und die mit Wasser verdünnte Schwefelsäure. Vom Rohling bis zum fertigen Damast ist es ein weiter Weg. Erst nach dem Säurebad erscheinen wie von Geisterhand die typischen Muster in Schwarz und Silber: Wellen oder Kringel – je nachdem, wie sich Mangan und Nickel vermischt haben. Ob Rosen-, Explosions- oder Mosaikdamast, Stefan Santangelo hat jede Technik perfektioniert. Ablenken lässt er sich bei der Arbeit nicht. „Die Klinge darf weder stumpf werden, noch brechen. Um das zu verhindern, braucht man Feingefühl“, erklärt er, während er mit Schablonen hantiert, Umrisse anreißt, den Härteofen einschaltet und das passende Holz für einen sanft geschwungenen Griff auswählt. Santangelo verwendet dazu auch Marmor, Kamelknochen, Schlangenholz, Mooreiche, Horn oder Wurzelhölzer. Entscheidend ist, dass das Material hart ist. Der Griff müsse schön aussehen, langlebig sein und gut in der Hand liegen, sagt er. Entsprechend teuer sind dann auch die handgeschmiedeten Damast-Messer: Jedes Einzelstück kostet mehrere hundert Euro. Liebhaber schätzen die aufwendig gearbeiteten Klapp-, Jagd- oder Küchenmesser. „Die unzähligen Arbeitsstunden lassen sich nur schwer vergüten“, meint der Südpfälzer. Über den hohen Preis habe sich aber noch nie jemand beschwert. Zumal niemand gezwungen sei, ein bestelltes Messer zu kaufen, wenn ihm das Resultat nicht gefalle. Jäger und Sammler, aber auch Menschen, die gerne kochen, können Santangelos Handwerkskunst nur schwer widerstehen. Auch ein Spitzenkoch fand an seinen Messern Gefallen. Benjamin Peifer, der sich im Neustadter „Urgestein“ den ersten Stern erkochte, hat sich für sein Restaurant „Intense“ in Kallstadt etwas Besonderes einfallen lassen: Stilvolle Messer, in deren schwarzen Griff Weinkorken eingelegt wurden. Peifer legt Wert darauf, dass seine Menüs von Spitzenweinen begleitet werden. Auch ein Damastmesser muss ab und zu geschliffen werden. Damit es nicht rostet, sollte es regelmäßig mit Kamelienöl behandelt werden. „Dann hat man ewig Freude daran.“ Santangelo will sich jetzt noch an ein Damast-Brotmesser mit Wellenschliff wagen. Dies sei eine echte Herausforderung: „Auf so einer langen Klinge muss das Muster toll aussehen!“ Bisher erschienen „Der Hund, der unbedingt gefallen will“ – Deutsche Spitze aus Rodalben (14. Juli 2018); „Gags auf unsere eigenen Kosten“ – das Neustadter Kabarett-Duo Spitz & Stumpf (24. Juli); „Dürkheims Dauerläufer“ – Willi Wagner hält seit 50 Jahren die Pfälzer Bestmarken über 5000 Meter und 3000 Meter Hindernis (10. August); „Stolze Turmgestalt“ – der Spitze Fels bei Ludwigswinkel (25. August); „Zarte Zierde aus feinen Fäden“ – die Spitzenklöpplerin Barbara Corbet aus Frankweiler (22. September); „Bio statt Rio“ – wie der Salat Zuckerhut auch ohne brasilianische Wärme in der Pfalz gedeiht (10. Oktober); „Hoch droben auf dem Dom“ – von den Türmen der Speyerer Kathedrale sieht man die schönsten Seiten der Pfalz (3. November); „Dürkheim ist Spitze, auch beim Arsen“ – über das besondere Heilwasser der Kurstadt (27. Dezember); „Spitze gegen die Protestanten“ – wie sich in Speyer die Baumeister Konkurrenz machten (1. Februar 2019). Info www.santangelo-schmied.de/

Alles handgemacht: Klappmesser samt Lederetui.
Alles handgemacht: Klappmesser samt Lederetui.
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