Elsass
Zwischen München und Montmartre: René Pŕevôt
René wer? So werden wohl außerhalb der Expertenzirkel die meisten fragen, wenn man sie auf den elsässischen Autor René Prévôt anspricht. Der Autor mit dem lange unruhigen Lebensverlauf und einer bei aller Betonung des besonderen Blicks auf die Gemeinsamkeiten zwischen Deutschen und Franzosen höchst eigenwilligen politischen Entwicklung ist heute nicht nur hierzulande vergessen. Aber ausgerechnet ihm hat die Literarische Gesellschaft Karlsruhe nun das neueste Bändchen ihrer Reihe mit der Wieder- oder Neuentdeckungen elsässischer Autoren des 20. Jahrhunderts gewidmet. Sein Titel lautet, einem Prévôt-Zitat entsprechend, „Und Harlekin heißt der neue König von Paris!“
Die Reihe startete 2014 unter dem Titel „Das Wort hat einen neuen Sinn“ mit einer Auswahl von Prosa, Lyrik, Essays und Briefen von René Schickele. In zweijährigem Abstand folgten dann Ernst Stadler, Hans Jean Arp und Otto Flake, jeweils herausgegeben von Hansgeorg Schmidt-Bergmann, dem geschäftsführenden Vorsitzenden der Literarischen Gesellschaft, und Christian Luckscheiter. Im Fall Prévôt zeichnet nun Luckscheiter allein für Auswahl und Bearbeitung.
Der Theater- und Filmkritiker
Die Autoren der Vorgängerbände waren allesamt Klassiker der oberrheinischen Literatur im Allgemeinen und der elsässisch-alemannischen im Besonderen. Bei Arp gingen die künstlerischen Talente dabei weit über die Dichtung hinaus. Alle waren sie – auch aus den Erfahrung des Krieges 1870/71 und der Erinnerung an die vielen deutsch-französischen Kriege zuvor – geprägt vom Gedanken eines Miteinanders der beiden Kulturen links und rechts des Rheins. Ebenso wussten sie nur zu gut um die wechselhafte Geschichte des Elsass – mal deutsch, mal französisch, aber immer irgendwie dazwischen. Man könnte sagen, sie empfanden sich als frühe Europäer und ließen das auch in ihr bedeutendes und zumindest in Teilen noch heute lesenswertes Werk einfließen.
René Prévôt in dieser Galerie unterzubringen, fällt zugegebenermaßen, dann doch schwer. Er hat Reisefeuilletons und Betrachtungen über das „Deutsch-Französische Kulturproblem“ verfasst, lange in München als Journalist gearbeitet, vornehmlich als Theater- und Filmkritiker, und ab 1912 in Paris als Korrespondent der „Münchner Neuesten Nachrichten“ und des „Express“ im elsässischen, damals deutschen Mülhausen.
Großes Herz für Außenseiter
Größere schriftstellerische Arbeiten legte er nicht vor, auch wenn er von einem großen, mehrbändigen Romanprojekt à la Balzacs „Menschlicher Komödie“ geträumt haben soll, das nie zustande kommen sollte. Der viel Ausdauer erfordernde große Wurf war seine Sache eher nicht, er war ein Autor der kleinen Form, der zwar immer wieder kleine Bücher vorlegte, aber das waren in der Regel Sammelbändchen mit Reiseschilderungen, Skizzen, Prosastücken, Erinnerungen, aus denen zuweilen Wehmut spürbar wurde.
Christian Luckscheiter schreibt dazu in seinem Nachwort: „Sie nannten ihn Tartarin.“ Sie, das waren die Schriftsteller der Gruppe „Das junge Elsaß“, die 1902 in Straßburg gegründet wurde und zu der René Prévôt gehört. Mit der „Tartarin de Tarascon“, der von Alphonse Daudet erfundenen Figur, hatte Prévôt allerdings eher – zumindest für die Augen von nach 1871 eingewanderten Deutschen – das südfranzösische Aussehen als den Hang zum Aufschneiden gemein. Aber auch die anderen Mitglieder des „jungen Elsaß“ dürften gemerkt haben, dass Prévôt ein großes Herz für Parias und Outsider hatte. Irgendwie erscheint er einem schon als seltsamer Vogel. Höchste Zeit, sich mit seinen Anfängen zu befassen.
Chefredakteur in Belgien
René Prévôt wurde am 14. Dezember 1880 in Moosch in den Hochvogesen geboren. Das Dorf im Tal der Thur mit heute knapp 1700 Einwohnern liegt in der Nähe des Städtchens Guebwiller, damals neben Mülhausen das größte Zentrum der bedeutenden Elsässer Textilindustrie. Er war der Sohn einer gutbürgerlichen Unternehmerfamilie, und die Eltern wünschten eine französischsprachige Ausbildung. Auch wenn er das Lycée in Belfort besuchte, legte er das Abitur dann doch am Gymnasium in Mülhausen ab, um nach einem Parisaufenthalt in München und Straßburg Rechts- und Staatswissenschaften sowie Nationalökonomie zu studieren. In Straßburg wurde in dieser Zeit mit Flake, Schickele und anderen die erwähnte Gruppe „Das junge Elsaß“ gegründet, mit Hans Karl Abel verfasste Prévôt unter anderem zwei Einakter: „Elsassisch Blüet“ und „Freiheit“. Wieder in München, wurde er zum Ende seiner akademischen Ausbildung für die Dissertation „Die Wohlfahrtseinrichtungen der Arbeitgeber in Frankreich“ promoviert.
Prévôt hat sich in der Folge bis 1914 mit darum bemüht, den „Versuch, Kultur, Politik und Gesellschaft auf eine Weise zu gestalten, dass sich die deutsche und französische Dimension nicht feindlich gegenüber stehen, sondern einander ergänzend und befruchtend“. Gerade weil die Elsässer ein Grenzvolk seien, das eben wegen dieser Grenzstellung zu einer weitblickenden Kulturpolitik prädestiniert sei. Ein großer Traum in Zeiten, da das Preußentum im Elsass den Ton vorgab.
Mit dem Kriegsausbruch 1914 endete der Traum jäh, und ebenso jäh war die von Prévôt vollzogene Wendung zum deutschnationalen Elsässer. Er ging nach München zurück und zum Wenigen, was aus der Zeit des Krieges bekannt ist, gehört, dass er durch Vermittlung des Auswärtigen Amtes in Berlin zum Chefredakteur der „Gazettes des Ardennes“ ernannt wurde, der einzigen französischsprachigen Zeitung im besetzten Frankreich.
Der Sänger „Schwabylons“
Das war eine Kriegspropaganda betreibende Zeitung des deutschen Militär-Geheimdienstes, ihr Sitz war Charleville. Immerhin sei sie, wird ihr in einer Doktorarbeit zugutegehalten, nicht stramm ideologisch gehalten gewesen und nötigte offenbar auch den Kriegsgegnern einigen Respekt ab. Ob Prévôt tatsächlich eine subversive Weiterführung seiner Verfechtung eines elsässischen Kulturideals betrieb, sei dahin gestellt. Die Quellenlage ist für diese Zeit dünn.
Bemerkenswert ist, dass er 1917 die bayerische und in der Folge auch die deutsche Staatsangehörigkeit annahm. Er war nach München zurückgekehrt, das sein Bezugspunkt bleiben sollte. Auch ohne wissenschaftlich gesicherte Erkenntnisse darf man annehmen, dass zu diesem Schritt wesentlich beigetragen hatte, dass ihm in Frankreich in Anbetracht seiner Spionagetätigkeit wohl die Todesstrafe gedroht hätte. In München pflegte er weiterhin engen Kontakt in die Schwabinger „Bohème“.
Die Neigung zur unbürgerlichen bis anarchischen (Künstler-)Szene wurde ja schon sowohl seinerzeit in Paris als gerade auch in Schwabing beobachtet. Dass er dabei die jeweilige Quartier-Entwicklung hin zu einer gewissen „Professionalisierung“ mit nostalgisch grundiertem Unbehagen sah, lässt sich nachvollziehen. Bezeichnete er ursprünglich den Montmartre als „Das Schwabing von Paris“, folgte später ein Text „Vom sterbenden Montmartre“, und ein Abgesang ist auch „Der Tod der Bohème“, ein „Sentimentales Zwiegespräch mit Henry Murgers Geist“. Schwabing lag da immer noch näher. Noch 1954, also kurz vor seinem Tod am 19. Juni 1955 infolge eines Schlaganfalls, erschien „Kleiner Schwarm für Schwabylon“ (Nachdruck des Originals 2008 bei Allitera, München).
Sieht man davon ab, dass er weiterhin eine europäische, kulturelle Grenzen übergreifende Sichtweise vertreten haben dürfte, ist Prévôt in der Weimarer Republik wie der Nazidiktatur politisch nicht mehr hervorgetreten. Bekannt ist, dass er weiter als Journalist und Kritiker arbeitete und in den 1930er-Jahren Chefredakteur der „Münchner Neuesten Nachrichten“ war. Allerdings tilgte er dann, wie Otto Flake in „Es wird Abend“ formuliert, im Namen die französischen Akzente und veröffentlichte Bücher nun unter „Rainer Prevot“. Seine Haltung zu den braunen Machthabern scheint eindeutig ablehnend gewesen zu sein. Nach der Nationalität gefragt, soll er stets, so Herausgeber Luckscheiter, „Europäer“ geantwortet haben.
In seinem wechselvollen Leben zwar er zweimal verheiratet. Die erste Ehe mit der Halbitalienerin Anita währte nur kurz, sie starb 1912 an Influenza. Während seiner Korrespondentenzeit in Paris, wo er der Vereinigung der Auslandspresse angehörte, heiratete er eine Wienerin namens Hedwig oder Henriette. Das Paar hatte zwei Kinder, einen Sohn und eine Tochter, die beide Mediziner und nach 1945 in Afrika tätig waren.
Mehr ist nicht bekannt, wie überhaupt dieser „Münchner Franzose und gallische Schwabinger“ (Wolfgang Drews), dieser Traumtänzer im Zwielicht, weitgehend in Vergessenheit geriet. Unter den elsässischen Schriftstellern der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts ragt er ganz sicher nicht heraus. Aber der seltsamste und bunteste Vogel von allen war er wohl schon.
Und: Dieses Leben zeigt auf, dass wir grenzüberschreitend am Oberrhein bei einigen wichtigen Fragen im Denken anscheinend noch immer nicht viel weiter sind als damals.
Lesezeichen
René Prévôt: „Unser Harlekin heißt der neue König von Paris!“, herausgegeben von der Literarischen Gesellschaft Karlsruhe; Mitteldeutscher Verlag, Halle/Saale 2022; 128 Seiten; 16 Euro .