Literatur
Zurück zum Erzählen: Abbas Khider erinnert sich an (s)eine Flucht aus dem Irak
Es kann nicht verwundern, dass sich Abbas Khider in seinem Werk immer wieder mit Kapiteln seiner Biografie beschäftigt: geboren 1973 in Bagdad, mit 19 wegen politischer Aktivitäten vom Regime Saddam Husseins inhaftiert, nach der Freilassung Emigration über Jordanien und Nordafrika nach Europa. Im Jahr 2000 kommt Khider nach Deutschland und wird nach einer Odyssee durch die Asylbürokratie deutscher Staatsbürger und Schriftsteller. Es ist ein Weg, der nicht nur zu Frieden und Sicherheit geführt hat, sondern als mustergültige Erfolgsgeschichte auch zu gesellschaftlicher Anerkennung. Dass Khiders Stimme gehört wird, dürfte ein Grund dafür sein, dass er immer wieder Aspekte seiner universell repräsentativen Geschichte als Migrant erzählt, doch dürfte zudem die Wucht dessen, was er erlebt hat, kaum zu „bewältigen“ sein und immer wieder neue Erzählanlässe bieten.
Wie in einem Brennglas bündelt der neue, schmale Roman eine Fluchtgeschichte. Said Al-Wahid, ein Alter Ego Khiders, lebt als angehender Autor mit Frau und Sohn in Berlin. Gerade kehrt er per Zug von einer Podiumsdiskussion in Mainz heim, als ihn eine Nachricht seines in Bagdad verbliebenen Bruders erreicht: Die Mutter liegt im Sterben. Spontan entschließt sich Said, nach langen Jahren der Abwesenheit wieder in den Irak zu fliegen. In einer Rahmenhandlung wird die Heimreise referiert, unterwegs erinnert sich Said an Stationen seines Wegs ins Exil.
Wie er per Bus von Amman über Kairo nach Libyen fuhr, was er in Athen erlebte, umgeben von Geflüchteten aus vielen Ländern und bedroht von griechischen Neonazis, wie schwer es ist, irgendwo einen sicheren Platz zu finden, dass sogar eine Nacht in Polizeigewahrsam wie ein kleiner Urlaub wirkt – all solche Grunderfahrungen, deren Dimensionen sich nicht vorstellen kann, wer in kommoder Alltagsroutine dahinlebt.
Es sind vor allem die Passagen, die in Deutschland spielen, in denen bei aller Kargheit des Erzählens das durchscheint, was für Khiders Prosa typisch ist: eine Mischung aus schwarzem Humor und kaum zurückgehaltener Wut. Es ist vor allem die Abhängigkeit von einzelnen Bürokraten, die Abbas Khider nachhaltig empört: dass er immer noch, lange nach dem Erhalt der deutschen Staatsbürgerschaft, von Sicherheitskräften angehalten und auf Terrorismusverdachtsmomente hin untersucht wird, dass er als Student in München in der Staatsbibliothek keine Bücher mehr ausleihen durfte, weil er zuvor welche zum „politischen Islam“ entliehen hatte – im Auftrag seines Dozenten, aber der Verfassungsschutz interessiert sich nicht für solche Details.
Der Besuch in einer Berliner Kneipe, in der man ihn zunächst fremdenfeindlich behandelt, um ihn dann herzlich zum Wiederkommen einzuladen, gehört zu den satirisch angehauchten Höhepunkten des Buches, dem es neben all seinen Geschichten und Porträts aber um etwas Grundsätzliches geht: die Frage, wieweit man seinem Gedächtnis trauen kann. Verstört hat Said feststellen müssen, dass er sich an immer mehr Details seiner Geschichte nicht mehr erinnert, dass Erlebnisse und Weggefährten in irgendwelchen schwarzen Löchern des Bewusstseins verschwunden sind: „Das Erinnern war eine Last, eine harte innerliche Arbeit.“ Erst als er sich entschließt, „Erinnerungsfälscher“ zu werden, und beginnt, die Lücken durch Erfindungen zu füllen, an die er schließlich zu glauben beginnt, kommt er zur Ruhe und ist in der Lage, der Schriftsteller zu werden, der er immer sein wollte.
Dieses Motiv eröffnet Räume zu erzähl- und sprachphilosophischen Reflexionen. Doch dürfte es hier weniger um philologische Spitzfindigkeiten zum Thema autofiktionales Schreiben gehen als um die Frage, wie das Gedächtnis mit traumatischen Erfahrungen umgeht und wie man in der Fremde Identität herstellt und seine Erlebnisse so vermitteln kann, dass einem auch zugehört wird. Wir Lesende können und wollen ja gar nicht überprüfen, ob im Einzelnen stimmt, was uns erzählt wird. Uns reichen Glaubwürdigkeit, Erkenntnisgehalt und literarische Qualität. All das ist im Fall Abbas Khiders gegeben, auch in seinem neuen Buch.
Lesezeichen
Abbas Khider: „Der Erinnerungsfälscher“; Roman; Hanser, München; 126 Seiten, 19 Euro.