Kabarett RHEINPFALZ Plus Artikel Zum 100. Geburtstag von Hanns Dieter Hüsch

Hanns Dieter Hüsch
Hanns Dieter Hüsch

Der Poet unter den Kabarettisten: Hanns Dieter Hüsch war einer der bedeutendsten deutschen Kabarettisten. Er wäre am 6. Mai 100 Jahre alt geworden.

„Menschengeschichten, Banalitäten, Nebensächliches, Unbedeutendes, eine Ansammlung von biederen und harmlosen Texten“ nannte Hanns Dieter Hüsch das, was er produzierte und was ihn zu einem der bedeutendsten deutschen Kabarettisten machte. Am 6. Mai wäre das „Schwarze Schaf vom Niederrhein“ 100 geworden.

Die Lach- und Schießgesellschaft hat am Montag im Deutschen Theater in München am Vorabend von Hanns Dieter Hüschs 100. Geburtstag eine Hommage an den vor 20 Jahren verstorbenen Kabarettisten präsentiert. Und viele der Gefährten, die in 53 Bühnenjahren seinen Weg gekreuzt haben, waren da – einzig „Hüsch-Kenner“ Kardinal Reinhard Marx musste sein Kommen wegen des Konklaves absagen.

In einer Tradition mit Heinrich Heine

Geehrt haben sie einen, mit 70 eigenen Programmen produktivsten und erfolgreichsten Kabarettisten Deutschlands im 20. Jahrhundert. Hüsch war nicht der Typ Kabarettist, der sich in erster Linie mit tagespolitischen Fragen auseinandersetzte und schon gar nicht der Comedian, der auf Schenkelklopfer aus ist. Hüsch verstand sich als literarischer Entertainer, war der „Poet unter den Kabarettisten“, wie ihn der einstige Bundespräsident Johannes Rau einmal nannte. Dies stellte ihn unter anderem in eine Tradition mit Heinrich Heine.

In seinen Auftritten behandelte Hüsch mit Vorliebe alltägliche Kuriositäten, in denen er zudem moralisch-politische Dimensionen aufdeckte. Bei ihm wurde die Theaterbühne oft zur Kanzel, von der er predigte. Auch wenn es dann heiter zuging, war der Gedanke an Leid und Tod nie wirklich weit entfernt. Kaum jemand konnte Heiterkeit und Ernsthaftigkeit so miteinander verbinden wie er. Hüsch hatte einen ganz eigenen, unverwechselbaren Weg zu den Menschen gefunden, hatte ein feines Gespür für das, was Menschen bewegt. Und mit diesem Gespür hat er eine Art Poesie des Alltags entdeckt. Hüsch spießt auf, ohne zu verletzen; entlarvt, ohne vorzuführen; gibt dem Kleinen Sinn, ohne banal zu werden. Hüsch hielt den Spiegel vor, ohne erziehen, verändern oder belehren zu wollen. Dabei beginnen seine Texte immer wieder mit den beiläufigen Worten „Im Übrigen meine ich...“ – gerade so, als befinde sich der Autor bei der Verabschiedung an der Haustür, nachdem er mal kurz zum Kaffeetrinken vorbeigeschaut hat.

„Schwarzes Schaf vom Niederrhein“

Musikalisch war das Markenzeichen des notorischen Schnellsprechers aus Moers, der sich selbst als „Schwarzes Schaf vom Niederrhein“ bezeichnete, eine Philicorda-Orgel, die er seit den 60er-Jahren auf der Bühne einsetzte.

Mit hinreißender Lust und List hat er von Niederlagen und Siegen und alltäglichen Katastrophen so erzählt, dass sie auch zum Erleben seiner Zuschauer gehörten. Mehr und mehr hat er über diese Lebensgeschichten die große Politik und ihre kleinkarierten Vertreter aus dem Blick gelassen, hat sich mit dem Alltäglichern beschäftigt, wo sich in seinem Mikrokosmos der Makrokosmos spiegelte. Dabei war der Erzähler Hüsch, der sich in all den Jahren zum plaudernden Philosophen wandelte, auch ein Verführer, dem man selbst in die absurdesten Weltbetrachtungen gefolgt ist, so, als reflektierten sie die klarsten Selbstverständlichkeiten. Dabei wurde in seinen ausschweifenden Plaudereien die Stelle seines Alter Egos Hagenbuch oft von dessen Ehefrau eingenommen. Hüsch ist damit in all den Jahren zu einem Mutmacher geworden, zu einem strahlenden Optimisten, der mit funkelnden Augen und einem freundlich-spitzbübischen Lächeln sein Publikum faszinierte.

Streben nach tragischer Größe

Seine Kleinkunst-Karriere wollte Hüsch mit einer Figur auf großer Bühne krönen, die in ihren tumben Idealen an der gnadenlosen Gier seiner Mitmenschen zerbricht. Der Komödiant strebte nach tragischer Größe, träumte viele Jahre, Shakespeares „König Lear“ zu spielen. Die Umsetzung des Traums blieb Hanns Dieter Hüsch allerdings verwehrt. Kurz bevor er in einer Inszenierung am Staatsschauspiel Dresden in der Titelrolle auftreten konnte, erlitt er im November 2001 einen Schlaganfall, weshalb er nicht mehr in der Lage war, das Haus zu verlassen oder schriftstellerisch tätig zu sein. Sechs Monate nach seinem 80. Geburtstag starb Hüsch in Werfen im Rhein-Sieg-Kreis.

Über 3,5 Millionen Menschen haben Hüschs Auftritte zwischen den Jahren 1947 und 2000 gesehen. Er erhielt das Bundesverdienstkreuz und zweimal den Deutschen Kleinkunstpreis. Er erhielt außerdem die Ehrenbürgerschaft von Mainz und Moers und zahlreiche Kulturpreise. Und was ist von seinen 53 Jahren Kabarett geblieben? Über 50 Alben, eine ganze Menge Bücher, Plakate, Fotos und eine bronzene Skulptur in Lebensgröße vor dem Moerser Bildungszentrum, das seinen Namen trägt.

„Sie kennen ja sicherlich meine Grabinschrift“, sagte der Hüsch einst: „Die einen werden sagen, er hat zu viel gemacht. Die anderen werden sagen, er hat sich zu wenig bewegt. Ich aber sage euch, lasst mich in Ruh.“ Letztlich haben sich seine Erben jedoch für eine andere Inschrift entschieden, zu sehen an seinem Ehrengrab auf dem Moerser Hauptfriedhof.

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