Architektur RHEINPFALZ Plus Artikel Zum 100. Geburtstag des Pfälzer Architekten Wolfgang Hirsch

Die Grundschule Neidenfels-Frankeneck wurde 1959 mit fünf Pavillons eröffnet.
Die Grundschule Neidenfels-Frankeneck wurde 1959 mit fünf Pavillons eröffnet.

Wolfgang Hirsch, geboren vor 100 Jahren, war ein Architekt aus der Pfalz, der von der anderen Rheinseite aus Karlsruhe wesentlich zum Bauen in seiner alten Heimat beigetragen hat.

Wolfgang Hirsch ist sicher weniger bekannt als Egon Eiermann oder Hermann Billing. Schon deshalb, weil sein Name im Kanon einer Partnerschaft verborgen blieb. Unzählige Kollegen haben bei und mit ihm gearbeitet, sie erinnern, dass für ihn Partnerschaft vor allem Partizipation bedeutete, um für alle Mitarbeiter gute Arbeits- und Lebensbedingungen zu schaffen. Wenn man etwas über Hirsch erfahren möchte, gerät man in eine Art Genealogie von Architekten, die das Bauen im Südwesten Deutschlands bestimmt haben.

Die Architektenkammer Rheinland-Pfalz erinnert an den 1977 gestorbenen Kollegen mit einer nach ihm benannten Auszeichnung für „besondere Verdienste um die Bedeutung und den Stellenwert von Architektur und ihrer Korrelation mit der menschlichen Entfaltungs- und Gestaltungsqualität“. Unter anderen gehören Manfred Sack, Dieter Wieland, Günter Behnisch und Ernst Ulrich von Weizsäcker zu den Geehrten.

Karlsruher Büro mit Alfred Bohne

Hirsch wurde am 13. April 1924 in Kaiserslautern geboren, aber die Familie zog bald nach Neustadt, wo der Sohn das (alte) Kurfürst-Ruprecht-Gymnasium besuchte. Unentschlossen bei der Berufswahl begann er zunächst mit Medizin in München, studierte dann aber Architektur in Karlsruhe. Er war Assistent an der Technischen Hochschule, traf dort auf Alfred Bohne, mit dem er 1951 ein eigenes Büro gründete.

Ihr Arbeitsschwerpunkt waren Schul- und Krankenhausbauten, deren Aufträge sie bei Wettbewerben gewannen. Hirsch war vor allem für die Bildungsbauten zuständig. Die Berufsschule in Eberbach und die Grundschule in Neidenfels zählen zu seinen maßgebenden Arbeiten. Die aus fünf zweigeschossigen Pavillons entwickelte, in den Berghang gebaute Anlage steht inzwischen unter Denkmalschutz.

Schule im typischen Zeitkolorit

Ihre Struktur sollte „der Vorstellungs- und Gefühlswelt des Kindes“ entsprechen, sie gilt mit ihrem typischen Zeitkolorit als qualitätsvolles Beispiel der regionalen Baugeschichte. Hirsch wurde dafür mit dem Kulturpreis des Landes Rheinland-Pfalz ausgezeichnet. Im kommenden Haushaltsjahr soll die Schule energetisch saniert werden. Auch sein Haus Biffar in Haardt, das sich mit seinen Bossensteinen aus Sandstein in die ehemaligen Wingertsterrassen stemmt, wurde in die Denkmaltopographie aufgenommen.

Das Büro florierte. Aber Wolfgang Hirsch, so berichtete es sein Partner später, litt unter dem Eindruck, „das Ganze sei nicht mehr zu übersehen“. Die beiden trennten sich freundschaftlich, und Hirsch schloss sich 1961 einem anderen Büro an, der Werkgemeinschaft Karlsruhe. Zunächst waren es fünf Partner: Paul Schütz, Dieter Stahl, Rudolf Hoinkis, Martin Lanz – und Wolfgang Hirsch.

Wettbewerb für Staatstheater gewonnen

Das Architekturunternehmen beschäftigte meist um die 50 Mitarbeiter. Die Aufträge kamen zunächst aus dem Umland, erst 1963 war die Gemeinschaft in Karlsruhe erfolgreich mit den gewonnenen Wettbewerben für das Staatstheater und die Ernst-Reuter-Schule. Auch die Baumgartensiedlung im Stadtteil Rüppurr gehörte zu ihren frühen Arbeiten. Hier galt es bereits, den gestiegenen Wohnbedürfnissen gerecht zu werden.

Mit dem Erfolg wurde das Werkverzeichnis zunehmend vielfältiger, neben den Bildungsbauten tauchen Verwaltungsgebäude auf. Die Stadtwerke, die Uni in Karlsruhe, der Röser Verlag und IBM zählten zu den Auftraggebern. „Kleine individuelle Sonderanfertigungen“, wie Hirsch Einfamilienhäuser nannte, passten für ein Büro dieser Größe kaum noch. Wettbewerbe, über 120 Preise und Ankäufe, darunter 38 erste Preise sorgten für Aufträge.

Transparenz, Ordnung, Raster

Die Architektursprache der Partnerschaft folgte längst internationalen Standards. In den Publikationen ihrer Bauten findet man die Attribute Transparenz, Ordnung, Raster. Man erinnert sich an béton brut, Klinker und Holz – alles gewissenhaft bis ins Detail stimmig ausgeführt. Auch mit Künstlern arbeitete Hirsch zusammen, etwa mit Erwin Wachter beim Kirchenzentrum St. Elisabeth in Landau, für das beide mit dem Staatsehrenpreis „Kunst am Bau“ erhielten. Helmut Striffler fasste es einmal knarzig so zusammen: „Die Werkgemeinschaft Hirsch zum Beispiel agierte aus dem badischen Karlsruhe in der Pfalz und baute in den 50er- und 60er-Jahren einige vorbildliche Schulen, die die Pfälzer dann wieder verlottern ließen.“

Was Hirsch zusätzlich auszeichnete, war sein politisches Verständnis einer Partnerschaft. In der Ära der Studentenbewegung passte es besser, vom Kollektiv zu sprechen als vom Team. Gerhard Dürr, Ende der 50er-Jahre Projektleiter bei Hirsch + Bohne, erinnert sich amüsiert, wie von der ersten internationalen Architekturausstellung aus dem kommunistischen Polen zurückkehrte – hier wurde die Schule in Neidenfels präsentiert. Hirsch pries die Vielfalt eines kooperativen Leistungsspektrums, bei dem das gemeinsame Engagement vor dem persönlichen Beitrag zählt. Jeder der Partner arbeitete nun mit einer Projektgruppe, in der sich möglichst alle ihren Neigungen folgen konnten. Gewinn wurde gleichmäßig verteilt, unabhängig, wie die Gruppen mit ihren Projekten wirtschaftlich abgeschnitten hatten.

Ableger in Werkgemeinschaft Landau

Die Werkgemeinschaft Karlsruhe lebt heute mit neuen Verantwortlichen weiter. Was die verwobenen Stammbäume betrifft, da hat sich mit Bernhard Sebastian ein Ableger als Werkgemeinschaft Landau gebildet, die heute in zweiter Generation besteht. Nikolaus, der Sohn von Wolfgang Hirsch, arbeitet als Kunstwissenschaftler, Architekt und Kurator. Ehemals Direktor des Städel Museums leitet er inzwischen das Architekturzentrum und Museum CIVA in Brüssel; überregional bekannt wurde er durch die Projektpartnerschaft mit den Kollegen Wandel Höfer Lorch. Gerhard Dürr, der sich um das Andenken an seinen ehemaligen Arbeitgeber Hirsch kümmert, geht mit seinen fast 92 Jahren noch täglich ins Büro und sorgt sich um das von ihm Gebaute. Auch seine beiden Kinder sind Architekten, Susanne ist Professorin an der Hochschule Karlsruhe und Vizepräsidentin der Architektenkammer Baden-Württemberg, Martin Partner im Büro Baurmann Dürr, ebenfalls in Karlsruhe.

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