Kultur RHEINPFALZ Plus Artikel Zeitreisen: Gabriele Weingartner erzählt in ihrem neuen Roman von einem Unsterblichen

Manchmal ersinnt die Literatur Möglichkeiten, die Zeit anzuhalten: Blick auf den Uhrenflohmarkt an der Porte de Clignancourt, in
Manchmal ersinnt die Literatur Möglichkeiten, die Zeit anzuhalten: Blick auf den Uhrenflohmarkt an der Porte de Clignancourt, in Paris. In Frankreich ist auch Gabriel Weingartners mit einer eigenwilligen Uhr ausgestatteter durch die Zeiten wandelnder Held geboren. Foto: Imago-Images/Imagebroker

Unsterbliche Romanhelden gibt es viele: zuletzt bei Jonas Jonasson („Der Hundertjährige, der...“) und beim französischen Starautor Tristan Garcia („Das Siebte“). Kein Unsterblicher ist allerdings so anpassungsfähig und eigensinnig zugleich wie Leon Saint Clair, der Held im neuen Roman von Gabriele Weingartner. Die in Edenkoben geborene und seit 2008 in Berlin lebende Autorin hat einen historisch weit verzweigten Schelmenroman geschrieben.

„Ach Gott“, heißt es einmal in einer Erzählung des bis heute rätselhaften Dichters Jean Paul (1763-1825), „das Leben ist lang, aber die Zeit ist kurz, sie hat nichts als Augenblicke – Alle Uhren gehen sehr.“ Manchmal ersinnt indes die Literatur Möglichkeiten, die Zeit anzuhalten und sie vor- und zurückzuspulen und die Schlüsselaugenblicke eines Lebens in fantastischen Szenen neu zu ordnen. Und zwar auch mit Hilfe sonderbarer Uhren, die nicht nur als Zeitmesser den Tag der literarischen Helden ordnen, sondern auch als kostbare Talismane fungieren. Uhren, die manchmal eben nicht „sehr gehen“, sondern aus dem Takt geraten und dann einige Zeit still stehen, bevor ihr mechanisches Räderwerk wieder in Schwung gerät.

Leon Saint Clair, der kleinwüchsige Held und charmante Lebenskünstler in Gabriele Weingartners neuem Roman, verfügt nicht nur über ein „langes Leben“, sondern ist auch der Besitzer einer solchen eigensinnigen Uhr, die ihn auf allen seinen Abenteuern durch 250 Jahre Weltgeschichte zuverlässig begleitet. Und obwohl die Zeitmessung dieser Uhr nicht recht funktioniert, fungiert sie doch als Motor immer neuer Zeitsprünge durch die weit verzweigte Geschichte, die Gabriele Weingartner hier in eleganter Abschweifungskunst und kunstvoll geflochtenen Arabesken erzählt. 1780 oder 1782 noch vor dem grand terreur der Französischen Revolution geboren, leidet dieser Leon Saint Clair unter einem eher seltenen Problem: Er ist unsterblich und wandert daher seit 250 Jahren als Unruhegeist durch das Weltgeschehen.

Der durch die Zeiten reisende Held begegnet Berühmtheiten

Weingartner hat ihrem Helden bei ihren „durch die Zeitläufte kurvenden Erzählungen“ allerlei Begegnungen mit prominenten Köpfen der Geistesgeschichte auf den Leib geschrieben. Sie versetzt ihn zum Beispiel in die Epoche der späten Aufklärung, wo Leon dem großen Exil-Autor und Naturforscher Adelbert von Chamisso begegnet, der 1790 mit seiner Familie vor der Französischen Revolution fliehen muss, aber zeitlebens immer wieder zwischen seiner Begeisterung für die französische und die deutsche Kultur hin- und hergerissen wird.

Einen Erzählabsatz später finden wir uns im Moskau des Jahres 1937 wieder, wo die großen „Säuberungen“ gegen trotzkistische Abweichler begonnen haben und jeder Exil-Kommunist im berüchtigten „Hotel Lux“ um sein Leben bangen muss. Und gleich zu Beginn berichtet uns der Held von den Erfahrungen seiner Geliebten Gertie McInnis, die im Bangkok des Jahres 1923 auf den berühmten englischen Autor William Somerset Maugham trifft und von ihm wunderliche Dinge zu erzählen weiß.

Vorliebe für humorvolle Szenen

Schon auf den ersten Seiten wird dabei die Vorliebe der Autorin für eine gewisse erzählerische Komik und bizarre Szenerien sichtbar. So wird der Exzentriker Maugham hier in eher intimer Verdauungspraxis auf der Toilette vorgeführt, die er dazu nutzt, seinem ihm hörigen Assistenten die nächste Prosasequenz zu diktieren.

Gabriele Weingartner erteilt sich in ihrem historisch weit ausgreifenden Roman die Lizenz zum flirrend durch die Zeiten mäandernden Erzählen. Die acht Kapitel des Romans sind als psychoanalytische Sitzungen von Leon angelegt, der im Berlin der Flüchtlingskrise eher widerwillig einen Analytiker aufsucht, um die eigene 250-jährige Lebensgeschichte mitsamt ihren Traumata zu rekonstruieren. Der Klient schweigt jedoch gegenüber seinem Analytiker und zieht es vor, seine Lebensgeschichte nur in Erinnerungen und Tagtraumbildern gleichsam als funkelndes Mosaik zusammenzusetzen.

Der Held bleibt Beobachter

Mit detailversessenen, oft an Gemälden orientierten Beschreibungen und blitzschnellen Schauplatz- und Szenenwechseln erarbeitet die Autorin ihre historischen Tableaus. Zu Weingartners Lieblingsgestalten gehören dabei der legendäre Berliner Verleger und Buchhändler Friedrich Nikolai, der seinerzeit mit herben Polemiken gegen Goethe zu Feld zog. Oder der radikale Bildhauer Franz Xaver Messerschmidt, der seine Zeitgenossen mit einer Reihe von „Charakterköpfen“ erschreckte, die mit eng zusammengepressten Lippen und heftigen Grimassen jedes klassizistische Schönheits-Ideal verspotteten.

Bei all diesen Zeitreisen ist Leon Saint Clair unauffälliger Beobachter oder Ohrenzeuge des Geschehens. Gleichzeitig arbeitet sich das Glückskind auf seinem langen Lebensweg von der napoleonischen Epoche bis ins Berlin des Jahres 2018 in diverse kunsthandwerkliche Fähigkeiten ein. Zuerst versucht sich Leon um 1800 in Paris und Wien als Hilfskraft bei der Herstellung von Notenheften und Speisekarten. Später übt er sich – nach einem Intermezzo als Laufbursche in einem Berliner Bordell – in Wien in der Kunst der Radierung, im Moskau des Jahres 1937 agiert er schließlich als Plakatmaler der kommunistischen Propaganda. Und immer wieder trifft der unsterbliche Lebenskünstler dabei auf liebreizende, meist großgewachsene Frauen, an denen er sein Begehren ausagiert. In Moskau verliert er seine geheime Geliebte Elsbeth, die von den Häschern Stalins verschleppt wird, während der unter dem Bett verkrochene Leon unentdeckt bleibt. Gegen Ende will der allen Gefahren trotzende Held eine Sterbehilfe-Organisation mit der eigenen Entsorgung beauftragen. Es spricht aber wenig dafür, dass es zur finalen Konfrontation mit dem Todesengel kommt.

Schelmenroman über einen begabten Müßiggänger

Gabriele Weingartners an Einfällen reicher geisteshistorischer Parcours lässt sich auch als ein Schelmenroman eines begabten Müßiggängers lesen. Ein Schelmenroman freilich, der in seiner mitunter extrem assoziativen Rasanz bei der Verknüpfung der einzelnen Handlungsstränge den Lesern einiges abfordert.

Lesezeichen

Gabriele Weingartner: „Leon Saint Clairs zeitlose Unruhe“; Roman; Limbus Verlag, Innsbruck; 320 Seiten; 24 Euro.

Stammt aus Edenkoben und lebt heute in Berlin: Gabriele Weingartner.
Stammt aus Edenkoben und lebt heute in Berlin: Gabriele Weingartner. Foto: Van
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