Interview
Wissenschaftsjournalistin Mai Thi Nguyen-Kim über Dinge, die explodieren
Sie zündeten Feuerwerkskörper in Wohnzimmern und ließen Konservendosen auf der Herdplatte explodieren: In der Show „Nicht nachmachen!“ (2012 – 2013) probierten Wigald Boning und Bernhard Hoëcker Dinge, von denen dringend abgeraten wird. Jetzt kommt die spaßige Experimentiershow zurück ins Fernsehen. Moderiert wird „Nicht nachmachen!“ diesmal von der Wissenschaftsjournalistin und promovierten Chemikerin Mai Thi Nguyen-Kim, die bei den Experimenten von Fabian Köster und Lutz van der Horst unterstützt wird.
Frau Nguyen-Kim, wenn Sie an Silvester in den Himmel schauen: Sehen Sie dann ein schönes Feuerwerk oder nur Chemie?
Beides. Ich bin ein ganz normaler Mensch, und wenn es irgendwo dunkel ist und dann Lichter am Himmel funkeln, gucke ich hin und finde es schön. Aber zusätzlich denke ich mir schon so manches, gerade wenn beim Feuerwerk was Blaues kommt. Ich weiß, dass das nicht so leicht herzustellen ist, weil blaue Pigmente nicht so hell leuchten wie weiße, grüne oder gelbe. Und das weiß ich dann zu schätzen.
Sie sind als Fachfrau bei der Comeback-Staffel der Show „Nicht nachmachen!“ dabei, die vor zwölf Jahren lief und sehr populär war. Stimmt die Chemie zwischen Ihnen und Ihren Mitstreitern, den Comedians Fabian Köster und Lutz van der Horst?
Ja, total. Wir waren für die Dreharbeiten mehr als zwei Wochen lang im Sauerland im Nirgendwo und hatten unheimlich viel Spaß – die beiden sind nicht nur lustig, sondern auch sehr nett. Lutz war von uns allen der Ängstlichste, er hatte generell vor allem Bammel. Fabian war in glücklicher Ignoranz, der hatte einfach immer Lust auf das Experiment. Ich selber hatte einen gesunden Respekt, weil ich ja als einzige wusste, was passieren kann. Aber wir hatten ein super Sicherheitsteam, in diesem Rahmen konnten wir einfach Spaß haben.
Die alten Folgen der Wissenschaftssatire „Nicht nachmachen!“ haben Kultstatus, und heute wie damals explodieren in der Sendung oft Dinge auf spektakuläre Art. Woher kommt die Lust am Zerstören?
Man sagt ja, dass die Lust am Zerstören etwas Kindliches ist. Aber ich bin davon überzeugt, dass die Neugier auf naturwissenschaftliche Themen etwas Grundmenschliches ist, nicht nur was Kindliches. Es geht uns nur verloren, wenn wir groß werden. Was passiert, wenn ich das und das tue?
Ich habe die alten Folgen übrigens selber geliebt. Ich war damals noch im Labor tätig, und gerade bei uns Chemikern war die Sendung total beliebt, weil wir das so nachfühlen konnten. Als Chemiker arbeitet man ja auch mit gefährlichen Sachen, und man fragt sich schon die ganze Zeit: Was wäre denn, wenn ich es anzünden würde? Es war sehr cool, diese ganzen verbotenen Sachen jetzt einfach mal zu machen.
Ist Ihnen in der Zeit im Labor denn mal was explodiert?
Ich hatte tatsächlich mal eine Explosion an meinem Arbeitsplatz, da stand dann etwas in Flammen. Danach sah ich aus wie jemand, der sich an Karneval als verrückter Wissenschaftler verkleidet, mit abstehenden Haaren, und mein Gesicht war komplett verrußt. Zum Glück ist nichts Schlimmeres passiert, aber es war ein echter Schock.
Haben Sie schon als Kind aus lauter Neugier daheim den Toaster auseinandergebaut, um zu sehen, wie er funktioniert? Oder andere Sachen gemacht, die man nicht machen soll?
Meine eigenen Kinder sind jetzt zwei und fünf, sie nehmen zu Hause alles auseinander. Ich frage immer meine Mama, ob ich auch so war, aber sie sagt, ich war eher ein braves Kind.
Wann ist Ihre Leidenschaft für Wissenschafts-Comedy entbrannt?
Erst relativ spät, als ich schon in der Doktorarbeit war. Ich habe zunächst unter anderem auf WG-Partys versucht, meine Leidenschaft für mein Thema zu vermitteln. Es ist ja eigentlich der totale Gesprächskiller, wenn man sagt: „Ich bin Chemikerin.“ Man erntet dann mitleidige Blicke und betroffenes Schweigen. Es war wie ein Sport für mich, die Partys zu meistern, und ich habe dabei gemerkt: Die Neugier ist bei vielen da, und man kann sie wecken. Mein erstes Video war für den Wettbewerb „Forscher tanzen“. Der Name ist Programm: Forscher sind dazu aufgerufen, ihre Forschung tänzerisch darzustellen.
Was haben Sie dargestellt?
Nguyen-Kim: Ich war damals in Aachen und habe HipHop getanzt, war auch HipHop-Tanzlehrerin an der Uni und hatte eine Auftrittsgruppe. Gemeinsam haben wir ein Video aufgenommen, das hieß „Dancing Drug Delivery“ und sollte zeigen, wie die Chemie dabei hilft, Krebsmedikamente gezielt zu Krebszellen zu transportieren, ohne gesunde Zellen anzugreifen. Das, worum es eigentlich geht bei der Wissenschaft, nämlich die Tiefe, kann man so natürlich nicht vermitteln. Aber man gewinnt das Interesse der Leute, und dann kann man sie weiter reinziehen in das Thema. Das war ein Aha-Moment für mich, der mir gezeigt hat: Es geht um die Verpackung, um die Oberflächlichkeit, um Bilder und Humor.
Müsste generell mehr Wissenschaft ins Fernsehen?
Grundsätzlich ja, aber es ist nicht jedes Format geeignet. Ich habe zum Beispiel eine Hassliebe für die typischen Polittalkshows, in denen ich ja auch manchmal zu Gast bin. Ich selber bin dem einigermaßen gewachsen, weil ich ja im Hauptberuf nicht Chemikerin bin, sondern Wissenschaftskommunikatorin. Aber prinzipiell braucht Wissenschaft besondere Plätze und ausreichend Zeit, denn steile Thesen passen in den meisten Fällen nicht zu Wissenschaft, weil es meistens keine einfachen Antworten gibt, sondern viele Grauzonen.
An Neujahr sind Sie außerdem in einer Doku zu sehen, für die Sie in die Heimat Ihrer Eltern gefahren sind: Vietnam. Was bedeuten Ihnen Ihre Wurzeln?
Ich habe daran zunehmend mehr Interesse. Ich bin in Deutschland aufgewachsen, in einer baden-württembergischen Kleinstadt, ohne andere Asiaten weit und breit. Ich fühle mich sehr deutsch und wusste lange Zeit gar nicht so richtig, was die vietnamesische Kultur überhaupt ist. Ich kannte als Vietnamesen ja nur meine Eltern. Für mich hat das nie so eine Bedeutung gehabt, ich kann Patriotismus generell nicht so nachvollziehen. Aber mit der Zeit habe ich mich zunehmend für das Land interessiert, als ich verstanden habe, was vietnamesische Kultur eigentlich ist, was ich von meinen Eltern mitbekommen habe und nun an meine eigenen Kinder weitergebe.
Was denn zum Beispiel?
Werte, aber auch Essen. Wir haben in der Familie ein lustiges Fusionsgericht. Man schneidet Nürnberger Bratwürstchen klein, wälzt sie in Zucker und Knoblauchpulver, das brät man an und serviert es mit Duftreis. Superlecker. Das habe ich früher geliebt und muss es jetzt oft für meine Kinder machen, weil sie es auch lieben.
Sprechen Sie fließend Vietnamesisch?
Ich spreche chaotisch Vietnamesisch. Was das passive Verstehen angeht, bin ich auf Muttersprachen-Niveau. Aber im aktiven Sprechen bin ich ein bisschen hölzern, musste ich leider feststellen. Aber die Reise war wunderschön, und ich freue mich schon, den Film gemeinsam mit meinen Eltern und Kindern zu sehen.
Zur Person
Mai Thi Nguyen-Kim kam 1987 in Heppenheim als Tochter eines Chemikers zur Welt, sie studierte Chemie und startete mit ihrem eigenen YouTube-Kanal über wissenschaftliche Themen durch. In der Corona-Pandemie wurde Nguyen-Kim zur vielgefragten Expertin in den Medien. Drei Jahre lang präsentierte sie im WDR die Sendung „Quarks“, 2021 wechselte sie als Moderatorin zum ZDF. Neben Wissenschaftsbüchern wie dem Bestseller „Die kleinste gemeinsame Wirklichkeit“ hat die Chemikerin schon mehrere Sachbücher für Kinder veröffentlicht. Mai Thi Nguyen-Kim lebt mit ihrem Ehemann und ihren zwei Töchtern in Frankfurt am Main.
Termine
„Nicht nachmachen“ läuft ab Dienstag, 30. Dezember, in der ZDF-Mediathek und ab Mittwoch, 31. Dezember, 20.15 Uhr, auf ZDFneo.