Kultur Wir sind so frei zu denken
Im Sommer wandert Frankreichs Kultur aus der Hauptstadt in den Süden: nach Avignon zum Theaterfestival; nach Arles, dem neuen Mekka der Fotografie; nach Aix, wo sich die Oper neu erfindet. Jünger und europäischer als hier dürfte diese über 400 Jahre alte Gattung derzeit nirgendwo sein. Der Mann, dem das zu verdanken ist, heißt Bernard Foccroulle. Wenn er sich 2018 von Aix und seinem Opernfestival verabschiedet, wird er dort vieles verändert haben.
Die Jugend und die Zukunft habe man im Blick. Nostalgische Jubiläumsfeiern werde es 2018 keine geben, sagt Bernard Foccroulle. Gründe gäbe es einige: das immerhin 70-jährige Bestehen des Festival lyrique d’Aix. Und 20 Jahre alt wird nun auch schon dessen Europäische Musikakademie: 1998 von Foccroulles Vorgänger Stéphane Lissner ins Leben gerufen, nicht zuletzt als Rettungsmaßnahme für das seinem Untergang entgegentrudelnde Festival, das sich allzu lange auf seinem in den Anfangsjahren erworbenen Ruf als „französisches Salzburg“ ausgeruht hatte. Es gibt sie nach wie vor, die gut Betuchten, die Eintrittspreise von bis zu 270 Euro nicht scheuen und mit dem Besuch des in ein Theater verwandelten Innenhofs des ehemaligen Erzbischöflichen Palais, des Théâtre de l’Archevêché, große Namen und sich selbst feiern (wollen). Man wird sie weiter brauchen: Rund 66 Prozent des 2017 mit 23,8 Millionen Euro angegebenen Etats müssen eigenfinanziert werden, durch Kartenverkauf, Mäzene, Koproduktionen. Dass der Anteil öffentlicher Gelder wesentlich steigt (2017 sind es 8,1 Millionen Euro), ist auch nach dem Regierungswechsel in Paris mit einer Kulturministerin „aus dem Milieu“ nicht zu erwarten. Während der Eröffnungstage von Aix hat Premierminister Édouard Philippe in Paris seiner Regierung Haushaltsdisziplin verordnet; und bei ihrem ersten Besuch in Avignon – wo die Rufe von Festivalchef Olivier Py und den dort in außergewöhnlicher Ballung anwesenden Direktoren nach Manna aus dem Ministerium lauter klingen als in Aix – hat sich die mit viel Vorschusslorbeeren gestartete Françoise Nyssen nicht einmal die Aussage abringen lassen, keine Kürzungen ihres Etats hinzunehmen. Bernard Foccroulle in Aix gehört nicht zu denen, die Katastrophenstimmung verbreiten. Er bleibt freundlich und sucht nach den passenden Registern. Er ist ja nicht nur der Intendant, der 1992 in Brüssel die Nachfolge von Gérard Mortier antrat und 2007 auf den Opernmanager Stéphane Lissner folgte, der nach Aix erst in Mailand und dann in Paris desolate Opernhäuer wieder auf Spur brachte. Er ist selbst Musiker: international renommierter Organist, der die intimen Farben barocker Silbermann-Orgeln dröhnenden Cavaillé-Coll-Instrumenten des 19. Jahrhunderts vorzieht, nach neuem Repertoire sucht und dazu als Komponist selbst einiges beigesteuert hat. Neue Wege erkunden – auch mit dem Risiko, in einer Sackgasse zu landen; sich offen zeigen für Unkonventionelles; frei experimentieren; Zeit geben zum Nachdenken ohne Effizienz-Druck (nicht ohne das begrenzte Budget aus den Augen zu verlieren): Das kennzeichnet die Ära Foccroulle in Aix-en-Provence. Stars der Vergangenheit hießen Teresa Berganza oder Renato Capecchi; Stars der Gegenwart sind etwa Sopranistin Sabine Devieilhe oder Bariton Stéphane Degout: beides Teilnehmer der ersten Workshops der Festival-Akademien; Degout leitet jetzt selbst einen der Kurse, an denen junge Sängerinnen und Sänger aus ganz Europa teilnehmen und die lange vor dem Festival selbst beginnen. Foccroulle hat das Anfangskonzept der Akademie wesentlich erweitert: Es gibt auch Workshops für Kammermusik, geleitet von prominenten Instrumentalisten. Seit 2007 gehören auch die Ateliers „Opéra en création“ zum Programm, offen für zukünftige Regisseure, Bühnenbildner, Librettisten, Komponisten, Dramaturgen, kurz: für alle, die mitwirken wollen, die 400 Jahre alte Gattung Oper vor dem Erstarren in Traditionen zu bewahren. Foccroulle stützt sich dabei auf das von ihm ins Leben gerufene Netzwerk Enoa (European Network of Opera Academies), zu deren 13 Mitgliedern auch die Theaterakademie August Everding in München gehört. Aber auch das Festival Operosa, das Aix mit Montenegro, Serbien und Bulgarien verbindet. Tschechisch, polnisch, russisch wird in Aix gesprochen, aus den baltischen Staaten und aus Nordeuropa kommen Teilnehmer nach den Auswahlverfahren vor Ort. Europäischer als hier geht es auch in Straßburg oder Brüssel nicht zu. Aber auch über das Mittelmeer nach Afrika und in den Nahen Osten hat Foccroulle Beziehungen hergestellt. Sensibel, diplomatisch und mit jenem Fingerspitzengefühl, das viele Handelnde aus Politik und Wirtschaft oft vermissen lassen. Medinea heißt das zweite von ihm gegründete Netzwerk, das Kontakte zu Konservatorien, Hochschulen, Kulturzentren und soziokulturellen Einrichtungen auch in Ländern knüpft, die international momentan nicht wohlgelitten sind. Das Orchestre des Jeunes de la Méditerranée mit Jugendlichen aus den Mittelmeer-Anrainerstaaten ist eines der klingenden Beispiele für das Agieren von Medinea. All diese Opernlabor-Mitarbeiter fallen nicht einfach für ein paar Sommerwochen in der Stadt ein. Sie haben Verbündete vor Ort: in Schulen, Universitäten, Kulturzentren, für die das Festival das Programm „Passerelles“ anbietet. 6560 Teilnehmer wurden 2016 aus der Region gezählt. Wer unter 30 ist, kann für neun Euro nicht nur alle Konzerte der Akademie-Kurse besuchen, sondern auch die großen Festival-Produktionen. Oper als gesellschaftliche Aufgabe: Das wird in Aix ebenfalls erprobt, auch wenn die öffentliche Hand die Finanzierung anderen überlässt. Bernard Foccroulle wird seinen Erfindungsreichtum bald wieder mehr fürs Komponieren einsetzen können – wenn Pierre Audi im September 2018 das Zukunftslabor Opern-Festival übernimmt.