Kultur „Wir leben in sehr gefährlichen Zeiten“

Simon Beckett schreibt brutale, blutige Krimis, sagt aber auch: „In Zeiten wie diesen ist alles gut, was potenziell mehr verbind
Simon Beckett schreibt brutale, blutige Krimis, sagt aber auch: »In Zeiten wie diesen ist alles gut, was potenziell mehr verbindet als trennt.«

Mit rund 12 Millionen verkauften Büchern zählen Arne Dahl und Simon Beckett zu den erfolgreichsten Autoren Europas. Gerade sind der 56-jährige Schwede und der 58-jährige Engländer in Unna mit dem Europäischen Preis für Kriminalliteratur ausgezeichnet worden. Bei der Abstimmung des Publikums erhielten beide gleich viele Stimmen. Simon Beckett steht mit „Die ewigen Toten“ (Wunderlich), dem neuen Band um David Hunter, auf Platz 1 der deutschen Bestsellerlisten. Von Arne Dahl erschien zuletzt „5 mal 3“ (Piper) aus der Reihe um Ermittler Sam Berger.

Mr. Beckett, Mr. Dahl, Gratulation zum Europäischen Preis für Kriminalliteratur. Welche Wirkung haben derartige Preise auf Sie und Ihren Schreibprozess? Beckett:

Ein Preis oder allein schon eine Nominierung geben dem Selbstbewusstsein großen Auftrieb, keine Frage. Ich freue mich immer darüber. Aber es ist nicht so, dass nur eine Auszeichnung stark motiviert oder den Druck erhöht. Beides passiert ohnehin; Man will immer das beste Buch schreiben, das man kann. Wenn man beim Schreiben aber schon den Preis im Kopf hat, muss das zu einer Enttäuschung führen. Dahl: Mir geht das ähnlich. Ein Preis spornt mich total an, ohne dass zusätzlicher Druck damit verbunden wäre. Es ist ein Zeichen, dass man etwas richtig macht. Und als Autor, der meist allein arbeitet, braucht man jede Form von Ermutigung, egal wie erfolgreich man ist. Der Druck kommt immer von innen. Was brauchen Sie, um effektiv schreiben zu können? Dahl: Nicht viel. Sobald ich eine Idee und ein Grundkonzept für einen neuen Roman habe, kann ich fast überall schreiben, auch auf Reisen. Früher, als meine beiden Töchter noch klein waren, wurde ich natürlich oft abgelenkt, und manchmal brachten die Kinder meine Unterlagen durcheinander. Aber wenn ich schreibe, bin ich automatisch in der Welt meiner Protagonisten. Beckett: Genau. Was in der Realität passiert, verliert in diesen Phasen an Bedeutung. Ich erinnere mich, dass einmal nebenan Bauarbeiter einen Höllenlärm veranstalteten, und dennoch blieb ich in meinem Arbeitszimmer in Sheffield sitzen und schrieb, ohne wirklich abgelenkt zu werden. Wie beurteilen Sie die aktuelle europäische Kriminalliteratur? Beckett: Kriminalliteratur scheint zurzeit ein Goldenes Zeitalter zu erleben, und vor allem die europäische Kriminalliteratur blüht offenbar weiter auf. Noch vor ein paar Jahren gab es in britischen Buchläden nur wenige Bücher von europäischen Autoren; jetzt, trotz Brexit, sind die Regale voll davon. Leser lieben gute Bücher, und dazu gehören definitiv europäische Werke. Deshalb glaube ich auch, dass sich das nicht mehr ändern wird. Dahl: Das deckt sich mit meinem Eindruck: Die europäische Kriminalliteratur wächst seit Jahren. Vor gar nicht allzu langer Zeit waren fast nur Krimis aus englischsprachigen Ländern erhältlich. Sie sind auch weiter stark vertreten, aber heute gibt es eine neue Breite des Angebots, und neue Erzähltraditionen aus anderen Ländern werden entdeckt. In der europäischen Kriminalliteratur gibt es einen größeren Raum für Komplexität – die Grenze zwischen Thrillern und anderen Romanen verschwindet. Europäische Krimis und Thriller sind lebendige Literatur, nicht mehr und nicht weniger. Halten Sie Ihre eigenen Romane für typisch europäisch? Beckett: Gute Frage. Meine Bücher sind jedenfalls nicht nach typischen Polizeiabläufen konstruiert wie viele Krimis, die als typisch britisch gelten. Ich will aber meine Romane nicht zu sehr analysieren – es sollen lieber andere Leuten entscheiden, wie sie diese nennen. Dahl: Einige meiner Romane sind explizit europäisch – vermutlich ist es schwer, noch europäischer zu schreiben als ich in meiner Opcop-Reihe über eine europäische Sondereinheit. Aber auch davon abgesehen, betrachte ich mein Schreiben als typisch europäisch, manchmal sogar typisch schwedisch. Von Anfang an wollte ich etwa darüber schreiben, welchen Bedrohungen die europäischen Demokratien und das vereinigte Europa ausgesetzt sind. Und in diesen 20 Jahren sind meine fiktiven Bedrohungen tatsächlich real geworden. Ich glaube, wir leben inzwischen in sehr gefährlichen Zeiten. Können Ihre Romane etwas gegen die Tendenzen zu Separatismus und Nationalismus in Europa ausrichten? Dahl: Ich war früher optimistischer, was die mögliche Wirkung von Literatur betrifft. Trotzdem glaube ich immer noch, dass der Akt des Lesens – diese tiefe, innere Reise in ein anderes, unbekanntes Universum – die stärkste Kraft der Welt ist, um Menschen miteinander zu verbinden. Lesen bedeutet das Aufschließen der eigenen Seele. Und jeder Krimiautor, der sein Genre ernst nimmt, hat die Möglichkeit darüber zu schreiben, woher – politisch und gesellschaftlich – der Wind weht. Das Kriminelle ist eng mit der ganzen Welt verbunden, was nicht zuletzt das Auftauchen von Donald Trump zeigt. Also ist Kriminalliteratur mehr denn je ein wichtiger Weg, um scharfsinnig auf Verbrechen aufmerksam zu machen, nicht nur in Europa. Beckett: Ja, denn in Zeiten wie diesen ist alles gut, was potenziell mehr verbindet als trennt. Kriminalliteratur besitzt sicher grundsätzlich die Fähigkeit, gesellschaftliche Entwicklungen abzubilden. Ich versuche, meine Bücher in einer wiedererkennbaren Welt zu verankern, was bedeutet, dass manchmal gesellschaftlich relevante Aspekte darin vorkommen. Aber ich würde nicht sagen, dass Krimis dies tun müssen.

Glaubt fest daran, dass der Akt des Lesens „die stärkste Kraft der Welt ist, um Menschen miteinander zu verbinden“: Arne Dahl.
Glaubt fest daran, dass der Akt des Lesens »die stärkste Kraft der Welt ist, um Menschen miteinander zu verbinden«: Arne Dahl.
Mehr zum Thema
x