Kino
Wildes Leben, aberwitzige Träume: Die Reihe „Neues Deutsches Kino“ beim Münchner Filmfest
Zurück auf der großen Leinwand: Nach der Sommer-Berlinale konnte auch das zweitwichtigste deutsche Festival, das Filmfest München, live stattfinden. Und zwar fürs Publikum wie für Fachbesucher, an acht Open-Air-Orten und in sieben Kinos. Auch die Reihe „Neues Deutsches Kino“ war wieder in gewohnter Stärke zu sehen. Sie zählt zu den bedeutendsten Plattformen für den hiesigen Nachwuchsfilm. Zusätzlich kommen immer auch ein paar arrivierte Regisseure zum Zug. Dass Sektionsleiter Christoph Gröner bei den dieses Jahr eingereichten Arbeiten aus dem Vollen schöpfen konnte, zeigt die Anzahl der Filme, die schon einen Verleih haben. Elf von 14 gezeigten Arbeiten kommen demnächst auch in die regulären Kinos.
Lebensgefühl der aufkommenden Freiheitsbewegung
Als Palle eines Morgens aufwacht, ist die Welt leer. Der kleine Junge geht ins Schlafzimmer der Eltern und findet: niemanden. Er läuft auf die Straße: ganz verlassen liegt sie da. Vergnügt steigt Palle in das dicke Auto seines Vaters und fährt zum Flughafen. Er klettert in ein Flugzeug und sieht sich die Welt von oben an – gut gelaunt und angstfrei. Die Geschichte von Palle passiert zunächst auf der Leinwand. Aber irgendwann sehen wir, wie Mutter Gerda Brasch sie ihren Kindern vor dem Einschlafen erzählt. Für ihren ältesten Sohn Thomas (Albrecht Schuch) ist sie eine Art Menetekel. So wird er sich fühlen, schon als Kind, vor allem aber als Erwachsener: verlassen von Vater und Mutter, völlig frei und auf sich gestellt, im guten wie – später dann – im tragischen Sinn.
„Lieber Thomas“ heißt der Spielfilm von Andreas Kleinert, der ein halbes Jahrhundert deutscher Geschichte erzählt, vor allem die aus dem ostdeutschen Teil. Das Drama um den heute fast vergessenen Lyriker, Schriftsteller und Filmemacher Thomas Brasch ist mehr als eine klassische Filmbiografie. In leuchtendem Schwarz-Weiß taucht Kleinert ein in das Lebens- und Freiheitsgefühl der aufkommenden Protestbewegung in der DDR der späten 1960er und 1970er Jahre. Er feiert das wilde Leben, ähnlich wie Braschs Debütfilm „Engel aus Eisen“ (1981). Mit den Mitteln der Fiktion malt Kleinert Leerstellen aus, die die ebenfalls sehenswerte Dokumentation „Familie Brasch“ (2018) von Annekatrin Hendel notwendigerweise offen lassen musste. Nicht zuletzt die herausragende Leistung von Hauptdarsteller Albrecht Schuch trägt dazu bei, dass der Film Lust macht, Braschs Werke neu zu lesen. „Lieber Thomas“ startet am 4. November.
Eine verlorene Kindheit
Der achte Kinofilm des fleißigen Fernsehregisseurs Kleinert („Tatort“ und „Polizeiruf 110“) zählte zu einem bemerkenswerten Schwerpunkt der Reihe: Gleich drei Arbeiten befassten sich mit der Geschichte der DDR. So erzählt die Schauspielerin Katharina Marie Schubert in ihrem Regiedebüt „Das Mädchen mit den goldenen Händen“ von einer verlorenen Kindheit, die zu einer ungeheuren Härte sich und anderen gegenüber führt (Kinostart: 2. Dezember). Und Franziska Stünkel verschafft in „Nahschuss“ ihrem Hauptdarsteller Lars Eidinger eine Paraderolle als bekennender Kommunist und aufstrebender Wissenschaftler, der sich in verblüffender Naivität von der Stasi anwerben lässt. Ein eindringlicher Film über das letzte vollstreckte Todesurteil der DDR, basierend auf wahren Begebenheiten.
Das fesselnde Agentendrama gewann in München zwei Auszeichnungen: den Förderpreis Neues Deutsches Kino für das beste Drehbuch und den „One Future Preis“. Ebenfalls in die Kategorie „deutsche Geschichte“ gehört „Schattenstunde“ vom Speyerer Regisseur Benjamin Martins über die von den Nazis in den Freitod getriebene Familie des christlichen Autors Jochen Klepper, der am 27. Januar 2022 startet (wir berichteten).
Urkomischer Brüggemann-Film
Aber es gab auch sehr heutige Themen. So inszeniert Regisseur Dietrich Brüggemann mit „Nö“ eine eigentlich traurige Paar- und Familiengeschichte auf höchst surreale und dabei urkomische Weise. Dina (Anna Brüggemann) und Michael (Alexander Khuon) lieben einander und stehen vor der Frage, ob sie den nächsten Schritt gehen sollten, nämlich eine Familie zu gründen. Dina ist sich sicher, aber Michael zweifelt und fürchtet ein fremdbestimmtes, wie automatisch ablaufendes Programm, das ihm als Vater übergestülpt werden könnte. Weil aber Dina gerne ein Nest bauen würde, überlegt Michael manchmal in schwachen Stunden, ob sich das Paar nicht lieber trennen sollte. Als er seine Zweifel der Partnerin gesteht, sagt Dina nur: nö.
Der Charme dieser sehr besonderen Komödie, für die Dietrichs Schwester Anna Brüggemann auch wieder am Drehbuch mitgeschrieben hat, liegt in der Verschränkung zweier Elemente: einerseits alltägliche Erfahrungen und Differenzen zwischen Mann und Frau, die fast jedes Paar kennt, andererseits Überhöhung und Verzerrung der damit verbundenen Emotionen ins Surreale, was zu unvergesslichen Episoden führt. Der Film gliedert sich formal in 15 Stationen, ähnlich wie Brüggemanns „Kreuzweg“ (2014) oder sein Debüt „Neun Szenen“ (2006). Mehr und mehr verdichtet er sich zu einer unter die Haut gehenden Abwärtsspirale einer ehemals großen Liebe. (Start: 30. September).
Helga in der Sackgasse
Ihren genauen Blick auf die komischen und traurigen Seiten des Alltags teilen die Brüggemanns mit Nachwuchsregisseurin Mareille Klein. Sie beobachtet in „Monday um zehn“ die 62-jährige Helga (Ulrike Willenbacher), die vor zwei Jahren von ihrem Mann verlassen wurde. Nun wohnt sie allein im großzügigen Haus, führt weiter ihr wohl situiertes Dasein als gepflegte Dame der oberen Mittelklasse, trifft sich regelmäßig mit ihren ebenso distinguierten Freundinnen zum Kartenspielen. Dass ihr Leben dennoch in einer Sackgasse steckt, merkt sie erst, als sie eine Spinne von der Decke entfernen will, dabei unglücklich fällt und durch das Holzgitter eines Heizungsschachts in ihrem Wohnzimmer kracht. Nun humpelt sie auf Krücken durchs Leben und merkt allmählich, dass ihr als Urlaubsvertretung eingesprungener polnischer Putzmann Ryszard (Zbigniew Zamachowski) so viel sanfter und einfühlsamer agiert als ihr stets mürrischer Ex-Gatte.
Mit sehenswertem Feingefühl und leiser Ironie seziert Mareille Klein die ebenso zögerliche wie widersprüchliche Ablösung von bürgerlichen Normen. Ihr stiller Humor verbeugt sich vor der späten Emanzipation einer Frau, die früh auf ihre eigene Karriere verzichtet hat, um ihrem Mann das Medizinstudium und später die lukrative Arztpraxis zu ermöglichen. Kameramann Patrick Orth lässt den theatererfahrenen Schauspielern viel Raum, ermöglicht Nähe und Distanz zugleich. Die stille Komödie hat derzeit noch keinen Verleih, gewann aber den Preis der internationalen Kritikervereinigung Fipresci.
Publikum favorisiert einfühlsame Doku
Die übrigen Preise der Reihe gingen an schwächere Filme. Die Auszeichnung für die beste Regie nahm Nikias Chryssos für „A Pure Place“ entgegen, eine Mischung aus Fantasy und Komödie über einen skurrilen Sektenführer (Start: 25. November). Miriam Düssel wurde als Produzentin des Roadmovies „Mein Sohn“ von Lena Stahl geehrt, einem Mutter-Sohn-Drama mit den sehenswerten Schauspielern Anke Engelke und Jonas Dassler, aber einem schwachen Drehbuch (Start: 18. November). Und Martin Rohde freute sich über den Schauspielpreis als Hauptdarsteller von „Heikos Welt“ von Dominik Galizia, einer Studie über das Berliner Kneipenmilieu.
Im Gegensatz zu den letztgenannten Filmen ist der Publikumspreis für die Dokumentation „Trans – I Got Life“ von Imogen Kimmel und Doris Metz komplett nachvollziehbar und sehr verdient. Der einfühlsame und visuell überzeugende Film über Menschen, die sich falsch im eigenen Körper fühlen, verbindet sachliche Aufklärung mit einer Feier des Lebens (Start: 23. September).