Musikgeschichte
Wie Marius die Welt eroberte: Neue Westernhagen-Biografie
Das Buch beginnt im Jahr 1995. Westernhagen gibt ein Konzert im Müngersdorfer Stadion in Köln. Vor 50.000 Menschen. Er war der erste, der sich das traute, wie die Weltstars, wie die Stones oder Michael Jackson, in die Fußballstadien zu gehen. Und diese zu füllen. Heller nie leuchtete wohl der Stern von Marius-Müller Westernhagen. Und doch brach er jäh diesen Weg ab. Weil er Angst hatte, sich selbst zu verlieren, wie er Friedrich Dönhoff in zahlreichen Gesprächen, die in dem Porträt dokumentiert werden, erklärt.
Der Marius der 1990er-Jahre war allgegenwärtig, Millionen sangen und grölten seine Songs, vor allem seit dem in Dortmund aufgenommenen Album mit dem schlichten Titel „Live“. „Sexy“, „Ich bin fertig“, „Johnny Walker“ gehörten zur Standardausrüstung eines jeden Party-Abends. Kein Abend in der Heidelberger Unteren Straße ohne „Sexy“, kein Morgen ohne „Johnny Walker“. Ohne diesen Song, mit dem Marius eigentlich vor der Droge Alkohol warnen wollte, weil er hatte miterleben müssen, was diese aus seinem Vater gemacht hat, keine Sperrstunde in den Kneipen der Uni-Stadt. Aus der Nummer wurde eine Säufer-Hymne.
Die Hymne der deutschen Wiedervereinigung
Aber – und mit dieser Nummer beginnt auch das Porträt – da war doch noch etwas. Klar, da war noch vieles mehr, bei einem Musiker, der 250 Songs geschrieben hat vom frühen „Mit 18“ bis hin zu „Spieglein, Spieglein an der Wand“, erschienen auf seinem jüngsten Album „Das eine Leben“ aus diesem Jahr. Aber es gibt da einen Song, mit dem sich Marius Müller-Westernhagen ins kollektive Gedächtnis der Deutschen eingeschrieben hat, weil er zur Hymne der deutschen Wiedervereinigung wurde: Zu „Freiheit“, ursprünglich 1987 rausgekommen, feierten Millionen Deutsche, lagen sich in den Armen und behaupteten das Ende der staatlich verordneten Unfreiheit. Wer dieses Buch über Marius liest, der versteht, warum dem Sänger solche Massenhysterie schon damals suspekt war. So sehr, dass er nicht lange nach seinen größten Erfolgen auf den ganz großen Ruhm, auf die Stadien, die Massen verzichtete. Und heute in dem bereits erwähnten „Spieglein, Spieglein an der Wand“ Zeilen wie diese singt: „Aufmerksamkeit ist eine Droge/Die Gier darauf kann tödlich sein.“
Dabei sehnte sich der kleine Marius, der immer schmächtig war, den Mitschülern körperlich unterlegen, genau danach: nach Aufmerksamkeit. Zunächst des Vaters, der ein angesehener Schauspieler unter Gustav Gründgens am Düsseldorfer Schauspielhaus war, auch in Filmrollen Erfolge feierte, aber mit der Rolle, die das Leben für ihn ausgesucht hatte, nicht zurechtkam. Verheiratet mit einer preußischen Offizierstochter, die den Sohn Marius wie eine Glucke behütete, aber eben auch eine „Löwenmutter“ war, wie der Musiker dem Auto versichert, konnte der Vater nicht über das Erlebte, das Trauma seines Lebens reden. Der Krieg hatte diesen Mann für immer gebrochen, überleben konnte er nur im Suff. Und so wurde Marius schon mit 15 Jahren Halbwaise und betont heute: „Ich habe meinen Vater abgöttisch geliebt“.
Der Junge begeistert sich für Fußball, spielt in der Jugend von Fortuna Düsseldorf, geht aber auch regelmäßig zu den Heimspielen des Eishockey-Teams. Auch der Beruf des Vaters, die Welt des Theaters übt eine große Faszination auf ihn aus. Und der Vater fördert den Sohn, der schon als Kind vor der Kamera steht oder Kinderrollen in Hörspielen übernimmt. Vor allem aber ist es die Musik, spätestens, als er nach dem Stimmbruch feststellen konnte: Da ist etwas Besonderes in seiner Stimme, und da ist die unbändige Lust auf Rock ’n’ Roll.
Mit 18 Jahren rennt er in Düsseldorf rum
„Mit 18 rannt ich in Düsseldorf rum/War Sänger in 'ner Rock and Roll Band/Meine Mutter nahm mir das immer krumm/Ich sollt was seriöses werden./Ich möcht zurück auf die Straße/Möcht wieder singen, nicht schön, sondern geil und laut/Gold find' man bekanntlich im Dreck/Und Straßen sind aus Dreck gebaut.“ Jahre später wird er diesen Song schreiben über seine Zeit in unterschiedlichen Schülerbands in Düsseldorf. Es ist der Durchbruch, wenn auch noch längst nicht der kommerzielle. Aber der Musiker Marius Müller-Westernhagen, der in zahlreichen Filmrollen durchaus auf sich aufmerksam gemacht hat, ist nun endlich bei sich selbst angekommen.
Er hat sich durchgesetzt gegen seine Plattenfirma, welche seine ersten drei Platten stromlinienförmig auf Erfolg trimmen wollte. Doch ein Marius ist vieles, bestimmt ist er nicht stromlinienförmig oder gar angepasst. Er schreibt die Songs für sein Album „Mit Pfefferminz bin ich dein Prinz“, das 1978 erscheint, alle selbst, lässt sich auch bei den Aufnahmen nicht reinreden. Dies alles zu einer Zeit, als er phasenweise WG-Mitbewohner beziehungsweise Nachbar von Udo Lindenberg war, der da schon längst auf die Erfolgsspur eingebogen war. Das war so neu, so rau, so schmutzig, so hingerotzt, so authentisch, dass es die Jugend faszinierte. Marius hatte seine Musik gefunden, vielleicht sogar auch umgekehrt. Und von nun an ging es nur noch bergauf, auch als Schauspieler in dem Sensationserfolg „Theo gegen den Rest der Welt“, der 1980 in die Kinos kam. Der schlaksige junge Mann aus Düsseldorf, der gezielt einen derben Ruhrpott-Charme einsetzen konnte, wurde mehr und mehr zum gefeierten Idol. Da war sie, die Aufmerksamkeit, die er sich gewünscht hatte und die ihm dann irgendwann zu viel wurde. Eine Entscheidung jedoch traf er bewusst: Er setzte alles auf die Karte Musik, die Schauspielerei gab er auf.
Raus aus dem goldenen Käfig
Dönhoffs Porträt bewegt sich auf zwei Zeitebenen. Es spielt im heute, beschreibt die Besuche bei Westernhagen in Berlin-Charlottenburg, und es geht chronologisch vor, skizziert Kindheit, Jugend, erste Erfolge des Musikers. Dabei spielt die Zeitgeschichte stets eine große Rolle, der Autor verortet sein Marius-Porträt in einem gesellschaftlichen Umfeld, erzählt neben dem Leben des Musikers auch die deutsche Nachkriegsgeschichte mit. Mitunter ist das weit mehr Dönhoff als Westernhagen, und dennoch wird einem dieser immer vertrauter, obwohl man ihn doch bestens glaubte zu kennen.
„Sekt oder Selters“ war die erste Platte im eigenen Schrank. Seitdem zahlreiche Konzerte. Und durchaus auch Unverständnis, als Marius nach den großen Erfolgen der 1990er-Jahre einfach einen anderen Weg einschlug. Man fühlte sich von ihm im Stich gelassen, verraten gar. In den Gesprächen mit Dönhoff erklärt er es: „Es musste sein ... Stadionkonzerte sind wagnerianische Inszenierungen mit dem Fokus auf dem Heldentenor.“ Nein, das stimmt, Heldentenor passt nicht zu Marius. Eher schon der ewige Verlierer. Und trotz über 12 Millionen verkaufter Alben passt auch kein goldener Käfig zu ihm: „Ich war in einem Käfig gefangen, und ich mag keine Käfige, auch wenn sie aus Gold sind.“
Lesezeichen
Friedrich Dönhoff: „Marius Müller-Westernhagen. Ein Porträt“, 256 Seiten, 25 Euro, Diogenes.