Geschichte
„Wickies“ Vorbilder: die Normannenschau in Mannheim
Als „Krankheit der Christenheit“ bezeichnet eine Quelle aus Mönchshand die Normannen. Bevorzugtes Ziel der skandinavischen Seeräuber waren Klöster. Sie waren leicht einzunehmen waren und versprachen reiche Beute. Schon zu Beginn des 6. Jahrhunderts sind erste Einbrüche am Niederrhein bezeugt. Furcht und Schrecken verbreiteten die aus Dänemark, Schweden und Norwegen kommenden Räuber mit ihren Drachenbooten aber an allen Küsten, von Irland bis Gibraltar und Konstantinopel, entlang großer Flüsse wie dem Rhein, aber auch an der Loire oder der Garonne. Ihre Spuren führen über Island und Grönland sogar bis nach Labrador in Nordamerika.
Neben Kriegszügen trieben die Normannen aber auch rege Handel, und wo sie sich festsetzten, legten sie den Grundstein für dauerhafte, mächtige Reiche und ließen sich christianisieren. Im Osten errichteten die Rus – wahrscheinlich nach dem finnischen Wort für Schweden so genannt – Stützpunkte in Nowgorod und in der Gegend von Kiew. Oleg vereinte 882 Norden und Süden mit dem Hauptsitz in Kiew, der heutigen Hauptstadt der Ukraine, die seitdem als „Mutter der russischen Städte“ gilt. 988 lässt sich Wladimir der Große taufen und heiratet die Tochter des Kaisers in Byzanz. Daraus werden Moskau und die Zaren später den Anspruch ableiten, das Erbe des Römischen Reiches angetreten zu haben.
In der Normandie setzten sich Normannen fest und gaben der nordfranzösischen Küstenregion den Namen. Herzog Rollo ließ sich 911 ebenfalls taufen, wurde Lehnsmann des westfränkischen Königs und nahm die „französische“ Sprache an. Von hier aus erhob Herzog Wilhelm Ansprüche auf den englischen Königsthron, schlug König Harald 1066 bei Hastings und führte seitdem den Beinamen „der Eroberer“. Ebenfalls von der Normandie brach Robert Guiscard nach Süditalien auf, eroberte 1060 Kalabrien und verdrängte Byzanz und die Sarazenen aus Sizilien. Daraus entwickelte sich das Königreich beider Sizilien.
Die Mannheimer Reiss-Engelhorn-Museen haben sich mit ihrer Ausstellung das ehrgeizige Ziel gesteckt, die gesamteuropäische Bedeutung der Normannen herauszustreichen. 300 Exponate aus acht Ländern und dem Vatikan haben sie zusammengetragen. Dem beratenden Beirat gehörten Wissenschaftler aus sechs Ländern an. „Ein prall gefülltes Schatzhaus“ nennt Generaldirektor Wilfried Rosendahl daher die Ausstellung und weist darauf hin, dass es die erste große Schau in Europa ist, die sich den Normannen widmet.
Seit 2018 arbeitet das Museum daran. Die ursprünglich bereits für das vergangene Jahr vorgesehene Eröffnung musste wegen der Corona-Epidemie verschoben werden. Und der russische Überfall auf die Ukraine war den anfänglichen Plänen jetzt auch nicht gerade förderlich. Die den Rus gewidmete Abteilung wäre weitaus umfangreicher ausgefallen, wenn der Krieg nicht dazwischengekommen wäre, sagte die Projektleiterin der Ausstellung, Viola Skiba. So habe es Zusagen für Leihgaben aus der Eremitage in Sankt Petersburg und aus der Bibliothek der Akademie der Wissenschaften in Moskau gegeben, die mit dem Ukraine-Krieg zurückgezogen wurden.
So besteht die Rus-Abteilung überwiegend aus archäologischen Funden, denn die Schriftkultur war in der Frühzeit der Besiedlung nicht sehr entwickelt. Ein mit Runen beschrifteter Stein erzählt jedoch von der Fahrt dreier Brüder auf dem Fluss Dnjepr, auf der einer den Tod findet. Ein weiteres schriftliches Zeugnis ist der „Kiewer Brief“, eine Leihgabe der Universitätsbibliothek Cambridge. Das Empfehlungsschreiben der jüdischen Gemeinde in Kiew für ein hochverschuldetes Gemeindemitglied an die Gemeinde in Kairo gibt nebenbei Auskunft über Rechtspraktiken in der Dnjepr-Region im 10. Jahrhundert.
Der Name „Normannen“, Männer aus dem Norden, bezeichnet kein Volk oder einen Stamm. Er geht auf klösterliche Quellen zurück. Es handelte sich um sehr unterschiedliche Gruppen von Kriegern, die in Drachenbooten aus Skandinavien aufbrachen, wie vor ihnen schon die Wikinger, und mit der Zeit mit der unterworfenen Bevölkerung verschmolzen. Die Ausstellung stellt so an den Anfang einen Bildstein aus Gotland, der über einem Schiff zwei mit Schilden und Schwertern kämpfende Krieger zeigt. Wahrscheinlich handelt es sich um einen Grabstein, bei dem Schiff um ein Totenschiff.
In der Normandie-Abteilung ersetzt den nicht ausleihbaren berühmten Teppich von Bayeux, der auf 70 Metern Länge die Eroberung Englands darstellt, ein Ausschnitt in Kopie. Das Exon Domesday stellt auf Pergament eine Vorstufe zum Domesday Book dar, dem Kataster, das Wilhelm der Eroberer 1086 anlegen ließ.
Stolz kann die Ausstellung auf die Abteilung sein, die die wenig bekannten Einflüsse der Normannen in Spanien dokumentiert. Schmuckstück der Süditalien-Abteilung ist der Krönungsmantel Kaiser Friedrichs II., der zugleich König der beiden Sizilien war und durch seine Mutter Konstanze von Hauteville von Normannen abstammte. Ein Film über die Eroberung Antiochias auf dem Kreuzzug 1097 unter normannischer Beteiligung und der Hinweis auf normannische Spuren in Nordafrika runden die Ausstellung ab.
Überhaupt lockern Filme, Hörstationen und Comics die Schau auf. Und ganz zum Schluss gibt es kleine Interviews mit Menschen aus ganz Europa zur Frage, was sie mit den Normannen verbinden. Michael aus England meinte: „Die letzten, die uns erobert haben.“
Öffnungszeiten
Im Zeughaus der Mannheimer Reiss-Engelhorn-Museen in C 5 ab Sonntag, 18. September, 11 Uhr bis 26. Februar 2023. Öffnungszeiten Di-So 11-18 Uhr. Buchungen für Führungen und das Begleitprogramm unter der Rufnummer 0621/293-3771 oder rem.buchungen.@mannheim.de. Katalog mit 528 Seiten und zahlreichen Abbildungen 34,95 Euro.