Kino
Weit mehr als ein Horror-Film: „Bones and All“ von Regisseur Luca Guadagnino
Die Erzählung beginnt damit, dass die 17-jährige Maren (Taylor Russell) Nacht für Nacht von ihrem alleinerziehenden Vater (André Holland) eingeschlossen wird. Das sieht nach einem Familiendrama von der Stange aus. Erleichtert begleitet man die junge Frau, als sie einmal zu einer Party ausbüxt und bei einer Freundin übernachtet. Eine zarte Lovestory scheint sich anzudeuten.
Doch plötzlich bekommt der Spruch „Ich habe Dich zum Fressen gern!“ eine brutale Bedeutung. Maren beißt zu. Denn sie ist eine Kannibalin. Was auch der Grund dafür ist, dass der verzweifelte Vater sie seit ihren frühesten Tagen sozusagen unter Verschluss gehalten hat. Nun kann er einfach nicht mehr. Als seine Tochter volljährig ist, verlässt er sie. Der Verzweifelte hinterlässt ihr eine Audiokassette, auf der er von sämtlichen grausamen Ereignissen mit und um Maren seit ihren Babyjahren erzählt. Neben der Kassette bekommt das Mädchen auch ihre Geburtsurkunde. Damit macht sich die Alleingelassene auf die Suche nach ihrer Mutter, die sie nie kennengelernt hat.
Es wird viel mehr als Grusel geboten
Soviel Ehre für einen Horrorfilm? Als solcher wird die Romanadaption heftig beworben. Was nicht falsch ist, aber eben auch nicht richtig. Es wird mehr als Grusel geboten. Die Venedig-Jury unter Vorsitz der US-amerikanischen Star-Schauspielerin Julianne Moore („Still Alice“) hat genau hingeguckt und zugehört und erkannt, dass dies ein bemerkenswert vieldeutiger Film ist.
Die auf dem Roman „Bones & All“ der US-Amerikanerin Camille DeAngelis basierende Koproduktion Italien/ USA des italienischen Regisseurs Luca Guadagnino bietet ein wirklich überraschendes Filmerlebnis. Schon die Prämisse der Geschichte ist verblüffend: Die Kanadierin Taylor Russel („Escape Room“) und der bereits in Guadagninos Kino-Hit „Call Me by Your Name“ erfolgreiche US-amerikanisch-französische Schauspieler Timothée Chalamet spielen zwei Kannibalen, die hoffen, nach ihren eigenen Regeln leben zu können, ohne damit gegen die gesellschaftlichen zu verstoßen.
Ein Roadmovie als Reise ins Ungewisse
Gemeinsam ziehen sie durch die USA der 1980-er Jahre. Es ist eine Reise ins Ungewisse, tatsächlich und im übertragenen Sinn. Damit erzählt das ungewöhnliche Roadmovie zum einen erstaunlich viel über die Macht ehrlicher Gefühle und zum anderen über soziale Verwerfungen. Das ist höchst spannend. Aber, ja, es ist für Momente auch verstörend. Passiver Genuss ist nicht möglich. Man muss bereit sein, hinter die Bilder zu gucken und auf das Nichtgesagte zwischen den Dialogen zu hören. Erst dann erschließt sich der Film in seiner Gänze.
Schockmomente werden dosiert geboten
In einem konventionellen Horrorfilm käme nach der Einleitung ein Schockmoment nach dem anderen. Nicht so hier. Zwar gibt es gänsehautträchtige Momente. Gruselig wird es beispielsweise, wenn Maren auf den sehr viel älteren Menschenfresser Sully (großartig: Oscar-Preisträger Mark Rylance) trifft. Doch vor allem wird es romantisch. Denn Maren begegnet Lee (Timothée Chalamet). Die Zwei bleiben zusammen. Beide sind mit demselben Fluch belegt. Doch sie kämpfen dagegen an.
Das Paar will für andere Menschen nicht gefährlich sein. Ab und an aber überkommt es sie, und sie müssen morden. Das ist dann nicht allein als Tat überaus grausam, sondern auch so in Szene gesetzt. Zarte Gemüter dürften das eine oder andere Mal den Blick von der Leinwand abwenden. Überwiegend allerdings darf in satter Romantik geschwelgt werden. Die zarte und berührend unschuldig anmutende Liebesgeschichte wurde von Luca Guadgnino nämlich überaus gefühlvoll inszeniert. Wobei das nie ins Gefühlige oder gar Kitschige abgleitet. Stilvoll geht es zu. Kunstvolle Bildgestaltung, eine das Geschehen kommentierende und vorantreibende Musik und insbesondere sensibles Schauspiel kommen aufs beste zusammen.
Eine Allegorie auf die amerikanische Gesellschaft
Trotz der Handlungszeit in den 1980-er Jahren fällt es nicht schwer, den Film als Kommentar zur jüngsten Lage in den USA zu deuten, als Allegorie auf eine Gesellschaft, die sich sozusagen selbst auffrisst, weil sich zu viele Leute nur noch um das eigene Ich drehen und nicht mit Nächstenliebe, sondern Hass, Wut, Verachtung auf andere Menschen reagieren.
Bemerkenswert! Über allem liegt eine im Persönlichen und im Politischen gewichtige Frage: Wie mit Andersartigkeit umgehen, mit Fremdheit, mit Unverständlichem? Sensationell: das Spiel aller Akteure, selbst in kleinsten Rollen. Taylor Russel und Timothée Chalamet begeistern mit einer im Kino raren Subtilität. Die auch Regisseur Luca Guadgnino zu eigen ist. Nur ganz am Schluss setzt er völlig unnötig auf plumpen Schock. Es ist, als wolle er damit die unsinnige Werbung zum Film bestätigen.
Zum Glück macht das den Eindruck nicht kaputt. Das Urteil bleibt: satter Kintopp, herzzerreißend und aufwühlend wie wohl jede erste große Liebe, dabei intelligent und hintersinnig, unterhaltsam und zum Nachdenken anregend. Ein guter Spielfilm für ein breites Publikum. Auszeichnungen gehen in Venedig gern an Artifizielles oder Abgehobenes. Schön, dass die Jury in diesem Jahr einen auf so intelligente Art massenwirksamen Film gleich zweifach geehrt hat.