Fernsehen
Vor 50 Jahren scheiterte Mainz mit seiner doppelten Fernsehfastnacht
Große Unterhaltungssendungen im Deutschen Fernsehen, ganz gleich in welchem Programm, überziehen gern die Sendezeit. Dass sie früher als avisiert zu Ende gehen, ist dagegen die große Ausnahme. So wie genau vor einem halben Jahrhundert, als die traditionelle ARD-Fernsehsitzung „Mainz, wie es singt und lacht“ mehr als eine Viertelstunde früher vom Sender ging – und das bei einer Einschaltquote von heute traumhaften 81 Prozent. Grund des Desasters war der Konkurrenzkampf zwischen ARD und ZDF, das nach seiner Neugründung 1965 die Sendung „Mainz bleibt Mainz“ ins jährliche Programm gerückt hatte und damit neue Maßstäbe in der Fernsehunterhaltung setzte.
ZDF-Programmchef Wolfgang Brobeil, prägender Kopf hinter den närrischen ZDF-Übertragungen, präsentierte neue Gesangsgruppen und Klamaukgesichter. Formal räumte er Playback-Parodien bekannter Politiker ebenso Platz ein wie Schnellzeichnern. Die ARD dagegen setzte ganz auf ihre Politgrößen wie „Bajazz“ und „Till“ und ihre musikalischen Stimmungskanonen. Dazu gehörten vor allem Ernst Neger, der immer neue Karnevalsschlager wie „Humba, Humba, Humba, Täterää“ lieferte, und die Mainzer Hofsänger, die mit ihrem jährlich neu gesungenen Lied „So ein Tag, so wunderschön wie heute“ traditionell die Sendung aus Mainz beendeten.
Der Reformversuch
Obwohl die ARD mit „Mainz, wie es singt und lacht“ meist die besseren Einschaltquoten hatte, anfangs deutlich über 90 Prozent, legte das ZDF in der Gunst der Fernsehzuschauer mit der Zeit immer mehr zu. Das lag auch daran, dass im Mainzer Sender nicht mehr die innerstädtischen Traditionsvereine den Ton angaben, sondern Aktive, die ihre närrischen Lorbeeren in den Vororten einheimsten, wo man nicht im Frack und Abendkleid Fastnacht feierte. Kein Wunder, dass der Kampf um fernsehtaugliche Akteure in der damals nicht mal 200.000 Einwohner zählenden Stadt immer härter wurde.
1971 war das ZDF mit „Mainz bleibt Mainz“ (Einschaltquote 72 Prozent) der ARD-Sendung „Mainz, wie es singt und lacht“ (Einschaltquote 76 Prozent) so dicht auf die Pelle gerückt, dass der Südwestfunk den Schöpfer der Sendung, den studierten Soziologen Horst Scharfenberg, von seiner Aufgabe entband und einen Profi aus der Unterhaltungsbranche mit der Neugestaltung der Fernsehfastnacht betreute: Otto Höpfner, den erfolgreichen ersten Wirt der Sendung „Zum Blauen Bock“.
Keine Hofsänger
Höpfner, der in Mainz schon als Twen in der Narrenbütt stand und beim „Frankfurter Wecker“, einer frühmorgendlichen Rundfunksendung mit Saalpublikum, Moderationserfahrungen gesammelt hatte, wurden alle Freiheiten bei der Neugestaltung der Fernsehfastnacht zugestanden, was er auch weitgehend nutzte.
So fertigte er zahlreiche Vorträge und Lieder für die Sendung – etwa für Margit Sponheimer, die „Grande Dame“ der Mainzer Fernsehfastnacht. Für die Mainzer Hofsänger hatte er angeblich ein Lied mit dem Refrain „Katinka, Katinka, mer derfe nit mehr so viel trinke…“ geschrieben, was die Gruppe offenbar nicht akzeptierte und deshalb drei Tage vor der Sendung ebenfalls aus dem Programm flog.
Tony Marshalls Maid
So war mehr Platz für Profis wie Tony Marshall, der für 1000 D-Mark Gage seine „Schöne Maid“ zum besten geben konnte. Heino oder Roberto Blanco, die ebenfalls angefragt waren, konnten aus Termingründen nicht. Danyel Gérard, dessen Hit „Butterfly“ damals groß in Mode war, reiste zwar an, schmiss aber angesichts der Szenerie und seiner Rolle im närrischen Spektakel das Handtuch. Auch für Ernst Neger war in der Sendung am Ende kein Platz, obwohl ihm vertraglich zugesichert war, sein „Heile, Heile Gänsje“ dort vortragen zu dürfen.
Den im Mainzer Saalkarneval damals erfolgreichen Vortrag von Dr. Willy Scheu, dem populären Mainzer „Bajazz mit der Laterne“, bezeichnete Höpfner, der „keinen Zeigefinger“ mehr in einem Fernsehvortrag sehen wollte, einem Reporter gegenüber als „eine Schande und große Scheiße“. Es waren Äußerungen, die das Mainzer Publikum gegen den forschen Neugestalter eines bewährten Fernsehformats aufbrachten. Unmut prägte auch die öffentliche Generalprobe der Fernsehsitzung, die mit einem gellenden Pfeifkonzert und zahlreichen Buhrufen zu Ende ging.
Die Quote stimmt trotzdem
Für die Sendung selbst – produziert von Wolfgang Penk, der später als Unterhaltungschef zum ZDF wechselte und dort unter anderem „Wetten, dass…?“ aus der Taufe hob – war das kein gutes Omen. Versuche, in letzter Minute noch etwas zu ändern, blieben erfolglos – ebenso wie der Appell vom Bajazz an die Aktiven, die Sendung doch einfach platzen zu lassen und auf die rund eine Viertelmillion D-Mark Sendehonorar zu verzichten. Anders aber als das Probenpublikum blieb das Bildschirmpublikum, das – wie Kritiker behaupteten – eigentlich nur sich selbst sehen wollte und am Bühnenprogramm folglich wenig Interesse hatte, gelassener. Die Regie wiederum ließ die Kameras immer wieder Bilder neuer Dekolletés oder Prominentengesichter einfangen, denen man den steigenden Alkoholpegel am Vorabend des Fastnachtswochenendes immer deutlicher ansah. Mehr als eine Viertelstunde früher als geplant gingen die Verantwortlichen des Narrenspektakels schließlich vom Sender.
Erstaunlich war, dass „Mainz, wie es singt und lacht“ mit einer Sehbeteiligung von 81 Prozent 1972 dennoch besser eingeschaltet war als die Vorjahressendung. Mit einer Durchschnittsnote von 3,60 – damals wurden Fernsehsendungen auf einer Skala von 1 bis 6 auch qualitativ gemessen – war sie aber eines der schlechtest bewerteten Programmangebote und lag im Ranking noch weit unter dem ZDF-Polit-Magazin „Kennzeichen D“. Das schlechte Ansehen verdankte die Sendung offenbar vor allem den Zuschauern in den traditionellen Narrenregionen wie Rheinland-Pfalz, Baden-Württemberg oder Nordrhein-Westfalen, die für diese Form der Fastnacht kein Verständnis hatten.
Die Kritiken sind verheerend
Mit einem Totalverriss reagierte auch die Lokalzeitung, die zudem zahllose Protestbriefe ihrer Leser druckte. „Die Krise des Mainzer Karnevals – keine Einfälle, Pomp ohne Witz, Frustration der Aktiven und Nachwuchsmangel – ist nie so offenbar geworden wie in der Kampagne 1972“, resümierte zuletzt auch das Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“. Und selbst die christliche Wochenzeitung „Christ und Welt“ beklagte das „Trauerspiel aus Mainz“.
Dass die geplante Reform in die Hose gegangen war, war den ARD-Verantwortlichen schon kurz danach klar. „Das Beste wäre nur noch eine Fernsehsitzung“, war ihre Einsicht. ZDF-Mann Brobeil aber konterte: „Für uns hat das nur Sinn, wenn das ZDF die erste Sendung macht.“ Retter in der Not war schließlich eine große politische Koalition, in der sich der rheinland-pfälzische Ministerpräsident Helmut Kohl und der Mainzer Oberbürgermeister Jockel Fuchs zusammenfanden.
Die Konsequenz
In Telefonaten und Unterredungen mit den beiden Sendern stellten sie die Weichen für nur noch eine närrische Sendung aus Mainz im Jahr. Ende Februar 1972 gaben sie die Einigung auf eine künftig „Mainz bleibt Mainz, wie es singt und lacht“ betitelte Sendung, die abwechselnd von ZDF und Südwestfunk produziert werde, bekannt. Die Vereine selbst, also die Narren, hatte man gar nicht erst gefragt, schließlich sparte das Fernsehen so schnell viel Geld ein.
Otto Höpfner, den seine Frau vor dem närrischen Fernsehabenteuer gewarnt hatte, obwohl sie ihm sonst nie in seine Arbeit reinredete, machte später die beiden Sender für das Scheitern verantwortlich. „Ich habe damals nicht erkannt, dass die nur einen Idioten gesucht haben. Ein Bauernopfer, das dafür sorgt, dass sie künftig nur noch eine Fastnachtssendung machen müssen.“
Termine
- Seit 1973 produzieren ZDF und Südwestfunk (inzwischen: Südwestrundfunk, SWR) abwechselnd die Mainzer Fernsehfastnacht „Mainz bleibt Mainz, wie es singt und lacht“. Dieses Jahr zeichnet das ZDF die Sendung mit 150 Menschen am 23. Februar im Kurfürstlichen Schloss auf und strahlt sie am Freitag, 25. Februar, ab 20.15 Uhr .
- Das SWR Fernsehen strahlt die Sendung von 2021 nochmals am 22. Februar, 20.15 Uhr, aus. Außerdem zeigt der Sender unter dem Motto „SWR Sofa Fastnacht“ ab heute täglich noch ältere Folgen von „Mainz bleibt Mainz, wie es singt und lacht“ . Die Termine: 19. Februar, 23.15 Uhr, Sendung von 1974; 20. Februar, 0.35 Uhr, Sendung von 1978; 21. Februar, 23.30 Uhr, Sendung von 1982; 22. Februar, 23.30 Uhr, Sendung von 1998; 23. Februar, 23.25 Uhr, Sendung von 1997; 24. Februar, 0.15 Uhr, Sondersendung „50 Jahre Mainz bleibt Mainz, wie es singt und lacht“ (2005) .