Musikgeschichte
Vor 40 Jahren erschien Bruce Springsteens bahnbrechendes Album „Nebraska“
Das Tascam 144 des japanischen Elektronik-Herstellers Teac war 1981 ein tolles Gerät. Nicht viel größer als ein Kassettenrekorder bot es die Möglichkeit, vier Spuren aufzunehmen. Vier Spuren? Gemessen an normaler Studiotechnik ein Witz. Mehr brauchte und mehr wollte Bruce Springsteen aber nicht: Gesang, Gitarre, Mundharmonika, vielleicht eine zweite Stimme. Zumal er eigentlich nur Demo-Versionen aufnehmen wollte, Arbeitsgrundlagen sozusagen. Es kam anders.
1980 war Springsteen mit dem Doppelalbum „The River“ ein großer Wurf gelungen, die Single „Hungry Hearts“ bescherte ihm einen ersten Charterfolg. Dabei hatte er das Stück eigentlich für die Punkrocker Ramones geschrieben, die Nummer dann aber doch – nach Intervention seines Managers Jon Landau – selbst veröffentlicht. Nach einer langen Tournee zog sich Springsteen zurück, nach Colts Neck, einem kleinen Ort in New Jersey. Er wollte neue Songs schreiben fürs nächste Album. „Ich war es leid geworden, viel Energie in professionellen Aufnahmestudios zu verschwenden“, schreibt Springsteen in dem Buch „Songs“ von 2003.
Von Pechvögeln und zwielichtigen Typen
Die Stücke sind musikalisch inspiriert unter anderem vom Blues von Robert Johnson und John Lee Hooker (Springsteen: „Platten, die so gut klingen, wenn das Licht aus ist“). Inhaltlich drehen sich die Lieder um das Schicksal von Verlierern, zwielichtigen Typen, Pechvögeln. Das Titelstück erzählt die Geschichte von Charles Starkweather, der Ende der 1950er Jahre mordend durch den mittleren Westen der USA zog und auf dem elektrischen Stuhl endete. In „Atlantic City“ geht es um einen Mann, der mit dem Rücken zur Wand steht und einem anderen „einen kleinen Gefallen“ tun wird: Atlantic City ist das Las Vegas der Ostküste, Anfang der 1980er Schauplatz von brutalen Bandenkriegen der Mafia.
In „Used Cars“ schildert Springsteen eine Szene, die genauso aus seiner Kindheit stammen könnte: Ein Paar und seine beiden Kinder müssen mit dem Autohändler feilschen, um sich ein „brandneues, gebrauchtes Auto“ kaufen zu können. Die Stücke des Albums handeln davon, „was den Menschen passiert, wenn sie sich entfremden: von ihren Freunden, ihrer Gemeinschaft, ihrer Regierung, ihren Jobs“, sagte Springsteen 1984 dem Magazin „Rolling Stone“. Er nannte es damals „Amerikanische Isolation.“
Dem Zufall geschuldet
Einige Stücke wurden in einem einzigen Take aufgenommen, berichtet Springsteen in dem Buch „Songs“, etwa „State Trooper“ und „Highway Patrolman“. Den Löwenanteil der (später dann amtlichen) Aufnahmen entstand am 3. Januar 1982, quasi in einer einzigen Aufnahme-Session. Das Ergebnis klingt ein bisschen wie aus der Zeit gefallen, was, böse Zungen mögen das behaupten, nicht nur an der spartanischen Aufnahme-Ausrüstung liegen könnte, sondern auch an der unsachgemäßen Bedienung. Weder Springsteen noch sein Techniker Mike Batlan kannten sich gut aus mit dem Aufnahmegerät, das Band lief eigentlich zu langsam.
Dass zum Abmischen ein altes Panasonic-Gerät genutzt wurde, das seine besten Tage bereits weit hinter sich hatte, tat sein Übriges. Springsteen war das Gerät bei einem Segelausflug einmal ins Wasser gefallen und es war dann einfach notdürftig getrocknet worden – was noch mehr zur Glorifizierung der Rustikalität der Stücke beiträgt.
Die Geburtsstunde von „Born in the USA“
Springsteen nahm alsbald eine Kassette mit seinen Stücken mit zurück nach New York und überreichte sie Manager Landau. Der betrachtete die Stücke zunächst als Demo-Versionen, E-Street-Band-Gitarrist Steve van Zandt nimmt dagegen für sich in Anspruch, in den Aufnahmen bereits das fertige Album gehört zu haben.
Mit dabei waren auch schon Stücke, die im Sommer 1984 auf dem Rock-Meilenstein-Album „Born in the USA“ veröffentlicht werden sollten: „Downbound Train“ und das Titelstück. Dass das auch ohne die mittlerweile ikonischen Synthesizer-Klänge von E-Street-Band-Pianist Roy Bittan funktioniert, ist auf der 1998 veröffentlichten Lieder-Sammlung „Tracks“ zu hören. „Born in the USA“ ist damit das einzige Stück der „Nebraska“-Zeit, das in zwei Versionen vorliegt: roh und ungeschliffen, von Springsteen allein eingespielt, und in der Version mit der E-Street-Band.
Der „Heilige Gral“
Demo-Versionen hin, E-Street-Band her: Zum 40. Jubiläum der Platte, die erstmals am 30. September 1982 erschien, hofften viele Fans auf eine Veröffentlichung einer „Electric Nebraska“-Version, also eines Albums, auf dem sich die mit der E-Street-Band eingespielten Versionen der Lieder befinden – der Heilige Gral. Die gibt es nämlich tatsächlich, zumindest äußern sich Bandmitglieder wie Schlagzeuger Max Weinberg und Produzent Chuck Plotkin dahingehend. Nach den Proben und Aufnahmen entschied sich Springsteen jedoch gegen eine Veröffentlichung und blieb bei den Versionen auf der Ursprungskassette. Die mussten zuvor recht aufwendig technisch soweit in Form gebracht werden, damit sie auch auf Schallplatte gepresst werden konnten. Das Tascam 144 hatte bei allen Vorzügen auch seine Grenzen.
Zum Jubiläum ist stattdessen eine Neuauflage von „Nebraska“ erschienen, als „Black Smoke Vinyl“ mit einem Kunstdruck, erhältlich nur als Teil eines Abo-Pakets beim US-Schallplattenhersteller Vinyl Me, Please.
Termin
Bruce Springsteen geht 2023 auf Tour und gastiert am 21. Juli auf dem Hockenheimring.