Karneval
Vor 200 Jahren wurde der Kölner Karneval neu begründet
Für den Fastnachtsmontag des folgenden Jahres, den 10. Februar 1823, wurde ein präzises Programm vorgegeben. Punkt 9 Uhr sollte sich eine Ehrenwache „vor der Wohnung des Helden Carneval“ aufstellen. Also am Jülichsplatz nahe dem Rathaus, vor der Wohnung des Eau-de-Cologne-Fabrikanten Emanuel Ciolina Zanoli, der den „Helden“ verkörperte. Um dieselbe Stunde hatten sich die Mitglieder des Comités „in vollständigem Masken-Aufzuge“ im Hofraum der Posthalterei an der Breiten Straße zu versammeln – Eintritt nur gegen „Vorzeigung einer Karte“.
Der Held des Karnevals
Unter Leitung eines „Festordners“ bewegten sie sich zum Neumarkt. Von dort aus wurde zum Jülichsplatz ein Spalier gebildet. Unter dem klingenden Spiel der „Funken“, die in die Rolle der ehemaligen Stadtsoldaten geschlüpft waren, mit allerlei Würdenträgern voran, zog der „Held“ dann auf den Neumarkt. Gekleidet war er in einen Ornat, der an die Kaiser des deutschen Mittelalters als Schutzherren der Freien Reichsstadt Köln erinnern sollte. Eine Narrenfigur hatte ihm eine goldene Krone aufs Haupt gesetzt und ihm ein Zepter in die Hand gegeben.
Die Fähnriche, die den Zug geleiteten, gemahnten als „Heilige Knechte und Mägde“ an die religiösen Ursprünge des mittelalterlichen Karnevals. Die „zugrundeliegende Idee“ sei „die Thronbesteigung Carnevals, gedacht als König des Volksfestes“, hieß es im Programm des Maskenzugs. Ursprünglich hatte das Komitee auch den Titel „König Carneval“ vorgesehen. Doch die Polizei erhob Einspruch. Man befürchtete eine Majestätsbeleidigung: Seit 1815 gehörten die Rheinlande zum Königreich Preußen, eine Neuerung, mit der sich die Kölner nur schwer abfinden wollten.
Der erste Kölner Rosenmontagszug
So oder so ähnlich, meinten die Brauchtumspfleger um den Priester und Kunstsammler Ferdinand Franz Wallraf, die ihn veranstalteten, müsste es wohl auch im späten Mittelalter zugegangen sein, als Köln noch Freie Reichsstadt war und eine der wichtigsten Metropolen Europas. Wenigstens symbolisch wollten sie diese glorreiche Vergangenheit neu beschwören.
Aber eben nur symbolisch – das Wort „festordnend“ im Namen des Komitees sollte der Regierung signalisieren, dass politische Unruhen keineswegs beabsichtigt waren. Um dem neuen Karneval auch überregional Geltung zu verschaffen, trat Zanoli im folgenden Jahr über einen befreundeten Professor für Botanik in Bonn, Nees von Esenbeck, auf Goethe zu. Einige Jahre zuvor war dessen „Italienische Reise“ herausgekommen, mit einer einfühlsamen Schilderung des römischen Karnevals. Zanoli bat darum, nun auch das Kölner Narrenfest mit ein paar Versen zu würdigen. Tatsächlich schrieb Goethe daraufhin sein Gedicht „Der Kölner Mummenschanz“: „Auch dem Weisen fügt behäglich sich die Torheit wohl zur Hand …“
Auch Goethe fand ihn gut
Gar so volkstümlich, wie Goethe es in Rom beobachtet hatte, darf man sich diesen ersten Rosenmontagszug der Neuzeit am Rhein allerdings nicht vorstellen. Die Kosten für Pferde, Wagen und Kostüme waren erheblich; so blieb der „neue“ Kölner Karneval zunächst Sache einer dünnen Schicht von Wohlhabenden. Um zusätzlich Gelder für die städtische Armenfürsorge erwirtschaften zu können, hatte der erste Präsident des Komitees, Heinrich von Wittgenstein, bei der Regierung erwirkt, dass eine „Lustbarkeitsabgabe“ erhoben wurde: Wer in der Öffentlichkeit eine Maske tragen wollte, musste zuvor eine Gebühr entrichten. So hatte es in den Jahrzehnten zuvor, als das linke Rheinufer noch zu Frankreich gehörte, auch die französische Verwaltung praktiziert.
Doch die Masse der Bevölkerung konnte sich auch diese Abgabe nicht leisten, sie musste also unmaskiert feiern. Die preußische Polizei wird das nicht ungern gesehen haben. In den folgenden Jahrzehnten wurde einige Male jede Maskierung zu Karneval verboten, manchmal auch der Rosenmontagszug selbst. 1830 löste sich das „Festordnende Comité“ aus Protest gegen die Repressalien auf, bot den Kölnern zum Abschied aber noch einen Ersatz: Der Hanswurst, der dem Helden Krone und Zepter hätte überreichen sollen, wurde in Ketten durch die Stadt geführt. Seine Begleiter verteilten Totenzettel.
Noch kein „Dreigestirn“
Das närrische „Dreigestirn“, das heutzutage von Anfang Januar bis zum Karnevalsdienstag über die Domstadt herrscht, gab es in dieser Form beim ersten modernen Rosenmontagszug 1823 allerdings noch nicht. 1824 wurde dem Helden eine „Prinzessin Venetia“ zur Seite gestellt. Der Name verweist auf die Einflüsse aus dem Süden Europas, die bei der Wiederbelebung des Karnevals am Rhein Pate standen. Mit der Zeit wurde die Prinzessin mit der Mauerkrone auf dem Haupt als „Jungfrau“zur Personifikation der ehemals freien Reichsstadt. Zum Befremden vieler Auswärtiger: Die kölsche Jungfrau wird seit jeher durch einen Mann dargestellt; nur die Nationalsozialisten konnten für einige Jahre die Besetzung durch Frauen erzwingen.
1825 komplettierte dann der „Bauer“, der „Kölsche Boor“, das heutige Dreigestirn. Mit seinem Dreschflegel symbolisierte er bereits im Mittelalter die Wehrhaftigkeit der Stadt – seit dem Anschluss zunächst an Frankreich, dann an Preußen aber nur noch als Erinnerung an vergangene Zeiten. Dagegen verschwand der Bellejeck im Laufe des 19. Jahrhunderts aus dem Gefolge des Prinzen. Immerhin lebt er bis heute in den zahllosen Büttenredner fort, denen im Kölner Karneval die Aufgabe zufällt, die schmutzige „Wäsche“ des Vorjahres zu waschen.
Seit einigen Jahren ist der Bellejeck als Karnevalsfigur wieder da: An „Wieverfastelovend“ darf er die Mitglieder des Dreigestirns aus den Betten holen, damit die „tollen Tage“ endlich losgehen können.