Kino
Vor 100 Jahren geboren: Simone Signoret, starke Frau, große Schauspielerin
„Ich war schön, erinnerst Du Dich?“, fragt die Frau. Den Mann lässt diese Frage gleichgültig. Das einzige Wesen, für das er noch Gefühle aufbringt, ist „die Katze“. So hieß der Film, in dem Simone Signoret 1971, neben Jean Gabin, eine ehemalige Zirkusartistin spielt, die nach einem Unfall hinkt und mit allen Mitteln seine Aufmerksamkeit zurück erlangen will. Es entwickelt sich ein Duell der gegenseitigen Verletzungen: Es ist das Psychogramm einer inhaltslos gewordenen Beziehung, vor allem aber sind es Paraderollen für zwei große Schauspieler. Simone Signoret, damals 50 Jahre alt, erhielt dafür den Silbernen Berlinale-Bären als beste Darstellerin.
Die Sache mit Marilyn
Dass sie einmal schön war? Der Bewunderung, die der doch sichtbar Gealterten für ihre Filmrollen in den 1970ern und 1980ern entgegengebracht wurde, tat dies keinen Abbruch. Zumal sie selbst ihrem Älterwerden eher lakonisch begegnete: „Ich hätte mich besser halten können“, bemerkte sie einmal. Andererseits: Dann hätte es ja nie diese vielen interessanten Rollenangebote gegeben. Der Hang zum Spott hat ihr – neben dem Zuviel an Alkohol – wohl manchmal geholfen, die Realität des eigenen Lebens zu bewältigen. Wie ein anderes Zitat nahelegt: „Er hat erlebt, wie ich neben ihm altere. Ich habe erlebt, wie er neben mir reifte: So nennt man das bei Männern.“
Er, das war Yves Montand, die Liebe ihres Lebens, die sie 1949 an der Côte d’Azur traf, als sie beide, der von Edith Piaf entdeckte angehende Chanson-Star mit ersten Kino-Erfahrungen und die junge Schauspielerin, 28 Jahre alt waren. Sie hat diesen Mann nie verlassen, trotz dessen Affären, von denen die wohl berühmteste Marylin Monroe hieß. „Zwei einsame Seelen, die sich getröstet haben“, hat Simone Signoret diese von der Presse damals begierig aufgenommene und ausgebreitete Geschichte des Sexsymbols Monroe und ihres „French Lover“ kommentiert und verziehen: „Das ist etwas, das nur uns vier angeht“ (Monroes Ehemann Arthur Miller war der Vierte). Resignation? Oder vielmehr Solidarität mit einer Frau, die sie immer als Freundin bezeichnete. Eine, die, wäre sie nicht den Zwängen der Traumfabrik Hollywood ausgeliefert gewesen, vielleicht sogar eine Schwester im Geist geworden wäre.
Jugend im Krieg
Dass Schönheit in einer von Männern dominierten Welt ausgenutzt wird und vor Einsamkeit und Verzweiflung nicht schützt: Das wusste auch Simone Signoret. Wer sich dagegen auflehnt, kann, wie die Monroe, zerbrechen. Auch Simone Signoret hat einen Preis bezahlt, aber sie ist in Erinnerung geblieben als freie, als selbstbewusste Frau. Obwohl sie ganz gewiss auch schön war. Sehr schön sogar, blond, mit grünen Katzenaugen, sehr weiblich, verführerisch – und am Anfang ihrer Filmkarriere gewissermaßen abonniert auf Dirnen, Kurtisanen oder wie man käufliche Damen sonst noch gerne bezeichnet.
Dabei hätte Simone Henriette Charlotte Kaminker, die am 25. März 1925 in Wiesbaden geborene Tochter eines Dolmetschers und Angehörigen der französischen Besatzungsmacht, gerne Jura studiert. Aber als sie ihr Abitur ablegt, ist der Vater André Kaminker, Jude mit polnischen Vorfahren, gerade vor Hitlers Armee aus Frankreich geflohen und hat sich in London den Anhängern von General de Gaulle angeschlossen. Die Mutter, Gabrielle Signoret, hat mit Simone und ihren beiden jüngeren Brüdern zunächst Zuflucht in der Bretagne gefunden.
Schicksalhafte Begegnung
Zurückgekehrt in das besetzte Paris, ist es an Simone, die Familie durchzubringen. Sie arbeitet als Sekretärin bei einer Zeitung, gehört zum Publikum des legendären Café de Flore, ergattert dort Statistenrollen beim Film, zum Beispiel in Marcel Carnés „Die Nacht mit dem Teufel“ („Les visiteurs du soir“) nach einem Drehbuch von Jacques Prévert mit Arletty und Alain Cuny. Simone ist dort ein Schlossfräulein, und sie nimmt jetzt den Mädchennamen ihrer Mutter an. Im besetzten Paris gibt es neben Nazis ja auch genügend Kollaborateure. Die „Halbjüdin“ Simone Signoret knüpft Verbindungen zur Résistance. Und sie trifft 1943 den Regisseur Yves Allégret, Vater ihrer 1946 geborenen Tochter Catherine.
Bürgerlichen Moralvorstellungen der Zeit folgend – Allégret ist verheiratet – wäre sie nun eines der gefallenen Mädchen, die sie in ihren Filmen wie „Dédée d’Anvers“ („Schenke zum Vollmond“, 1946) häufig spielen und mit denen sie zunehmend erfolgreicher wird. Allerdings nicht in der Regie von Allégret, von 1948 bis zur schicksalhaften Begegnung mit Montand und der darauffolgenden Scheidung nur kurze Zeit ihr Ehemann. „La Ronde“ („Der Reigen“ nach Arthur Schnitzler, Regie: Max Ophüls, 1950), „Casque d’or“ („Goldhelm“, Regie: Jacques Becker, 1951) und „Thérèse Raquin – Du sollst nicht ehebrechen“ (nach dem Roman von Émile Zola, Regie: Marcel Carné, 1953) sind die Filme, die zeigen, dass die junge Simone Signoret nicht nur zu den schönsten, sondern auch zu den besten Schauspielerinnen ihrer Generation gehörte.
Die Reise nach Moskau
Zum Sex-Symbol hat sie trotzdem nicht getaugt. Schön sein und schweigen war ihre Sache nicht. Sie erhob ihre Stimme gegen Atomwaffen ebenso wie gegen den Krieg Frankreichs in Algerien. Und wie Yves Montand, der Sohn einer italienischen Arbeiterfamilie, gehörte auch die linksintellektuelle Signoret zu den Sympathisanten der PCF, der kommunistischen Partei Frankreichs. Legendär ist die Tournee des Chanson-Stars Montand in den Ostblock, auf der sie ihn begleitet, der umjubelte Auftritt des Paares in Moskau 1957. Da hat, angesichts der in Budapest einrollenden Panzer, bei beiden allerdings schon ein Umdenken eingesetzt. Angesichts der Realität im real existierenden Sozialismus distanzieren sie sich von der Partei, nicht aber von ihrem politischen Engagement.
1960 ist das Jahr, in dem Simone Signoret als erste Französin in Los Angeles einen Oscar entgegennimmt: als beste Schauspielerin in Jack Claytons „Room at the Top“ („Der Weg nach oben“). In dem britischen Filmdrama spielt sie eine unglücklich verheiratete Frau, die von ihrem jungen Liebhaber des sozialen Aufstiegs wegen verlassen wird, und ihr Auto am Ende betrunken gegen einen Felsen steuert. Ein wegen seines schonungslosen Realismus damals höchst umstrittener Streifen, dem bei so mancher Kopie einige Minuten fehlten. Im Oscar-Jahr 1960 unterschreibt sie mit anderen Intellektuellen und Künstlern auch das Manifest der 121, die „Deklaration über das Recht zur Dienstpflichtverweigerung im Algerienkrieg“.
Mut zur Hässlichkeit
Sie ist so frei, sie braucht keinen Glamour mehr. Die Filme, die sie in den 1970ern dreht, manche mit Montand, werden politischer – und bleiben engagiert für jene, die im Schatten der Gesellschaft stehen. Mit ungeheuer viel Mut zu Hässlichkeit, grell geschminkt und vom Leben gezeichnet, sieht man Signoret 1977 als alternde Prostituierte und Auschwitz-Überlebende „Madame Rosa“ („La vie devant soi“ von Moshé Mizrahi). „Stern des Nordens“ („Etoile du Nord“, 1982) ist ihr letzter Film. Sie lebt, vom Krebs gezeichnet, in der 1954 mit Montand zusammen erworbenen Villa in Atheuil-Authuillet bei Paris – und macht kurz vor ihrem Tod noch mit dem Roman „Adieu Volodia“ darauf aufmerksam, dass sie auch als Schriftstellerin begabt war. Sie starb am 30. September 1985, sechs Jahre später folgte ihr Yves Montand in das Grab auf dem Père Lachaise-Friedhof. Alles, was danach an Skandalen, Skandälchen um sie, ihre Tochter und ihren „Lebensmenschen“ folgte, hat ihr nichts mehr anhaben können. Sie ist noch immer frei.