Pop RHEINPFALZ Plus Artikel Von Liebe und Hass: Am Freitag erscheint das neue Tocotronic-Album

Sänger Dirk von Lowtzow (vorne r.), Bassist Jan Müller (hinten l.), Gitarrist Rick McPhail (hinten r.) und Schlagzeuger Arne Zan
Sänger Dirk von Lowtzow (vorne r.), Bassist Jan Müller (hinten l.), Gitarrist Rick McPhail (hinten r.) und Schlagzeuger Arne Zank (vorne l.) sind Tocotronic.

Tocotronic aus Hamburg und Berlin wurde einerseits als Sprachrohr einer intellektuellen Verweigerer-Generation bezeichnet, andererseits als verkünstelt geschmäht. Olaf Neumann traf sich mit Sänger Dirk von Lowtzow und Gitarrist Rick McPhail in Berlin.

Dem Pressetext zum neuen Album „Nie wieder Krieg“ ist das Zitat „Music is the healing force of the universe“ von Albert Ayler vorangestellt, dem Wegbereiter des Free Jazz. Haben Sie sich von Jazzern etwas abgeschaut?
von Lowtzow: Wir sind alle große Fans von ihm. Das Stück „Music is the healing force of the universe“ covern wir bei Konzerten immer am Ende unseres Songs „Freiburg“, in dem es um Hass geht. Aber sonst ist die Musik von Albert Ayler doch sehr weit von unserer entfernt. Wobei seine Sachen fast schon eine punkige Energie haben.

Ihr Wegbegleiter Moses Schneider habe sich als Ihr Produzent neu erfunden und selbst übertroffen. Auf welche Weise?
von Lowtzow: Wir haben jetzt sieben Alben in 15 Jahren mit ihm zusammen gemacht. Moses möchte sich selber nicht wiederholen und hat für jede dieser Platten einen neuen Weg gesucht. Bei „Nie wieder Krieg“ kam uns die Corona-Pandemie dazwischen, weshalb wir Zeit gewannen und Moses sich außergewöhnlich sorgfältig mit den Liedern auseinandersetzen konnte. Manchmal verändert sich trotzdem etwas Entscheidendes, obwohl das Material Staub züchtet. Insofern hat Moses sich da selbst übertroffen.

Das erste Mal seit Jahren haben Sie sechs der Songs wieder live eingespielt, diesmal sogar mit Live-Vocals – und zwar in den Berliner Hansa Studios, wo Klassiker von David Bowie entstanden sind. Macht es einen Unterschied, wo man eine Platte aufnimmt?
McPhail: Es war einfach cool, dort zu sein mit dem Mixer Michael Ilbert. Auch die für mich wichtigen Platten „Black Celebration“ und „Some Great Reward“ sind in den Hansa Studios entstanden, zu denen Depeche Mode sich unter aanderem durch die Einstürzenden Neubauten inspirieren ließen. Dadurch hatte ich richtig Lust, einmal dort aufzunehmen. In den Hansa Studios hat sich seitdem wenig verändert. Wenn du weißt, dass deine Gitarre durch dieses legendäre Mischpult geht, ist das einfach schön.

Ausgangspunkte der Lieder waren eigenes Erleben und eigene Beobachtungen und die dadurch aufgeworfen Fragen und Zweifel. Wie wird aus einer Beobachtung ein Song?
von Lowtzow: Ich habe nach der Tour von 2018 zu Hause angefangen, neue Stücke zu schreiben und relativ schnell gemerkt, dass es ein erzählerisches und persönliches Album werden wird. Mit Geschichten von Menschen, die am Nullpunkt ihrer Existenz oder von einer inneren Zerrissenheit getrieben sind. Also quasi im Krieg mit sich selber stehen. So kam auch der Albumtitel zustande. Es ist ein Anknüpfungspunkt an unser Album „Kapitulation“ – weil die Songtitel „Kapitulation“, „Nie wieder Krieg“ und „Jugend ohne Gott gegen Faschismus“ eine schöne Reihe ergeben. In jedem einzelnen Lied der Platte steckt viel von mir und diesen sehr widersprüchlichen und teilweise quälenden Gefühlen und Erlebnissen drin. Dadurch, dass das Album so lange gelegen hat und zwischenzeitlich so viel passiert ist, habe ich das Gefühl, dass es vom Persönlichen weggeht hin zu etwas Gesamtgesellschaftlichem. Viele gegenwärtige Stimmungen sind darin konserviert. Auch dabei hat die Zeit geholfen, in der wir Staub gezüchtet haben. Die Kunst arbeitet, auch wenn man nichts damit macht.

Ihr Song „Jugend ohne Gott gegen Faschismus“ enthält klare Aussagen. Haben Sie das Gefühl, dass man auf ewig daran erinnern muss, wie wichtig Statements gegen Rechts sind?
von Lowtzow: Diese Pflicht kann einem niemand nehmen. Das Stück ist auch ein Stimmungsbild von jugendlichen Driftern, die in Berlin in den Tag hinein leben und nichts tun. Ich liebe Songs, die die Atmosphäre des Sommers in der Großstadt einfangen. Ich dachte mir, das muss dann aber im Refrain in die größtmögliche Attitüde münden. Also habe ich „Jugend ohne Gott“ von Ödön von Horvárth und Sonic Youths „Youth against Facism“ mittels eines surrealistischen Verfahrens zusammengelegt. Dadurch wird die Bedeutung verschoben. Ursprünglich bedeutet Jugend ohne Gott einen Mangel, hier ist es aber ein Mehrwert. Es ist also einerseits eine antifaschistische Aussage, andererseits ein Rock’n'Roll-Song mit Attitude. Ich wollte eine Jugend feiern, die nicht an patriarchale Strukturen und ein höheres Wesen glaubt. Eigentlich ist es Anarchismus.

Das Album klingt aus mit einem Lied über die Liebe. Was kann die Liebe in dieser Zeit?
von Lowtzow: In dem Stück ist die Liebe etwas, was rein mechanisch funktioniert. Fast wie ein Perpetuum mobile, das einen mitnimmt. Andererseits hat sie durchaus auch abgründige und gefährliche Tendenzen, denn in dem Song dreht sie jemanden um. Eine Technik, wie man sie aus Spionagefilmen kennt, fast wie eine Gehirnwäsche. Aber wenn Liebe nicht gefährlich ist, ist sie auch ein bisschen langweilig.

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