Kultur
Vom Heimatfilm zum Softporno: Schauspielerin Sonja Ziemann mit 94 Jahren gestorben
Der Heimatfilm ist die Antwort des Kinos auf unser aller Bedürfnis nach Heimeligkeit, wirklichkeitsfern und operettenhaft, gefühlig bis kitschig, sentimental und ewig gleich gestrickt. Die vermeintlich „seriöse“ Kritik hatte für die melodramatischen Herz/Schmerz-Geschichtchen inmitten von schwelgerischen Naturaufnahmen, bunten Trachten, Gämsen und Heidschnucken meist nur Ablehnung und Hohn übrig. Aber der Hochmut der Rezensenten übersieht das zutiefst menschliche Bedürfnis nach Entspannung und Ablenkung, nach einem Ruhepol in kriegs- und krisengeschüttelten Zeiten.
Später spielte sie in internationalen Produktionen
In späteren Jahren ließ sich Sonja Ziemann nur ungern auf diese frühen Erfolge ansprechen, deren programmatische Ausrichtung in Titeln wie „Nach Regen scheint Sonne“ (1949), „Am Brunnen vor dem Tore“ (1952), „Die Privatsekretärin“ (1953), „Opernball“ und „Kaiserball“ (beide 1956) anklingt. Die ausgebildete Tänzerin aus Berlin, die noch während des Krieges eine Handvoll Filme gedreht hatte, versuchte der Festlegung auf proper-adrette Jungmädchenrollen immer wieder zu entkommen. In „Der achte Wochentag“, der 1958 vom polnischen Regisseur Aleksander Ford nach einem Drehbuch ihres damaligen Mannes Marek Hlasko inszeniert wurde, spielte sie eine junge Alltagsheldin, die mit ihrem Freund nach einem Ort zum Schmusen sucht.
Sie drehte „Menschen im Hotel“ (1959), Schlager- und Revuefilme, Komödien und gehobene „Gesellschaftsstücke“, Krimis und Arztromane, Kriegsfilme gar wie „Nacht fiel über Gotenhafen“, „Strafbataillon 999“ (beide 1959), „Hunde, wollt ihr ewig leben?“ (1958) oder die internationale Produktion „Die Brücke von Remagen“ aus dem Jahr 1969. Es folgten dann auch ein paar Schlüpfrigkeiten wie „Zweimal zwei im Himmelbett“ (1964) und „Das ausschweifende Leben des Marquis de Sade“ (1969).
Der Mythos Sonja Ziemann
Da waren Papas Kino und der Heimatfilm endgültig eingemottet, aber der Mythos Sonja Ziemann blieb. Weitaus mehr als ihren Genre-Kolleginnen – allen voran Johanna Matz, Marianne Hold, Anita Gutwell und Hansi Knoteck – kommt ihr in der Geschichte der deutschen Lichtspielkunst ein Stellenwert zu, für den heutzutage ein Begriff wie Super- oder Megastar angewendet würde.
Wer ihren Namen nennt, denkt auch an ihren mehrfachen Filmpartner Rudolf Prack, mit dem sie ein erfolgssicheres „Traumpaar“ bildete. Hohe Gagen und zwei Bambis belegen ihre beträchtliche Popularität, ein Bundesfilmpreis für ihr Lebenswerk die späte, auch nostalgische Anerkennung einer viel geschmähten und viel geliebten Spielart der Populärkultur, deren handwerkliche Qualität und Versiertheit über alle Schmähungen erhaben sind.
Sonja Ziemann jedenfalls hat sich – ähnlich wie ihre nicht minder gefeierten Zeitgenossinnen Maria Schell, Ruth Leuwerik, Liselotte Pulver und Marianne Koch – stets zu einem Werk bekannt, das im internationalen Film einzigartig dasteht.