Alltag
Viva Magenta: Was verheißt die Farbe des Jahres 2023?
Juckt’s wen? Viva Magenta, was sich anhört wie ein römischer Gruß an die Telekom, ist die Farbe des Jahres 2023. Farbcode 18-1750 des US-Unternehmens Pantone vielmehr. Sieht aus wie das Männlein im Wald, Zitronenquendel, ein Bischofsgewand und – beim Dreitagebart von Christian Lindner – der hochsymbolische Balken in Rotviolett auf den blaugelben Bildern von FDP-Plakaten. Viva Magenta ist die Komplementärfarbe zu Habeck-Grün, wie sinnig, da sich Komplementärfarben in der Wahrnehmung gegenseitig erhöhen.
Auch die Dose eines Schneckentod bringenden Mittels ziert die auffällige Farbe, für die, sagt Pantone, das von der Conchinellaschildplattlaus gewonnene Karmin Pate stand – schon die Azteken liebten es. Sie hätten Valentino getragen, hätte der Designer im Mittelalter am Golf von Mexiko gelebt.
Erfunden hat die Farbe im Übrigen der französische Chemiker Francois-Emmanuel Verguin 1859 – als Fuchsia. Aber zur Huldigung des militärischen Siegs der italienischen Truppen über Österreich, nannte Verguin sie kurzerhand nach der der Siegesstätte nahe gelegenen, lombardischen Gemeinde: Magenta.
Die Aura der Laus
Sie erforsche das Zusammenspiel zwischen der realen und der virtuellen Welt, heißt es jetzt – was auch immer das für die Farbe und den Wissenschaftsbetrieb bedeuten soll. Sie changiere „zwischen kalt und warm“, meint Pantone offiziell. Ist sicher nicht so gewollt, klingt allerdings nach lau. Eine etwas angstmachende Gemengelage aber ist das auf jeden Fall, die als rückseitige Aura von Viva Magenta so dringlich aufscheint: Bischöfe, Läuse, FDP und Schneckentod.
Der Ton, gesättigtes Rosa ohne Weiß, so dagegen die offizielle Lesart, würde Furchtlosigkeit, Optimismus und Freude ausstrahlen, alles bei Finanzminister Christian Lindner 2023 wahrscheinlich eher Schulden-gebremst. Und Eigenschaften wie Idealismus, Dankbarkeit und Mitgefühl sind so etwas von Viva Magenta.
Möglich auch, dass Pantone 18-1750 nächstes Jahr mehr hilft als ein Bischofssegen. Und es wie ein Impfstoff wirkt, Dopamin und kindsköpfige Wappnung – für andauernde Krisenzeiten und die von Inflation und Putin geplagte Modeindustrie, wenn man sich in Zukunft mit einem derart eingefärbten Schal umhängt, Shorts anzieht in einer Anmutung, die nur anders begabte Farbenseher für Pink halten können. Möglich auch, das der glimmende Farbton wegen seiner vielfältigen Assoziationen Furchtbares ankündigt, wie der Kritiker Gerhard Matzig meint. Ganz sicher aber ist, in diesem Winter haben viele ein Mäntelein vor lauter Purpur an.
Im Zeichen von Barbie
Denn dass die Farbe nicht nur bei Modeschauen dominieren wird, wie verheißen, ist ein Selbstläufer, wenn nicht gar eine sich selbst erfüllende Prophezeiung. Schließlich hat Pantone seine Weisheit über die Farbvirulenz von dem, was schon vorhanden ist. Und entfaltet durch seine Festlegung weitere Wucht.
Grundlage für die Farbbestimmung sind die Kunst, die Kultur, die Medien, Wirtschaft und Gesellschaft, mehr oder weniger alles, was der Fall ist. Und das war zum Beispiel in diesem Sommer ein Trend, der sich „Barbiecode“ nennt. Ja, genau: nach der Puppe, die als zwiespältiges Rollen-Modell und Dumm-Ding figuriert. Und nach dem „Barbie“-Film, der im anstehenden Jahr herauskommt. Entsprechend großflächig ist das Aufkommen der Siebensachen in der Viva-Magenta-Vorstufe Pink dieses Jahr gewesen, erinnert sei nur an hautengenge Buxe mit integrierten Schuhen von Kim Kardashian. Dazu hat die noch wenige Tage geltende Farbe 2022, Veri Peri, ein rötlich-violettes Blau, eine gewisse Verwandtschaft zu der ihr nachfolgenden Pigmentierung.
Pantone selbst ist ehemals ein Druckereibetrieb gewesen. Dann hat sich das Unternehmen zum Kreateur, geschützter firmeneigener Farben aufgeschwungen – wie dem von Pamela Anderson über den Strand gewippten „Baywatch-Red (185c) oder 1837 Blue für Tiffany. Sogar den Rotton „Period“, der an Menstruationsblut erinnert, hat Pantone erfunden, als Kennfarbe einer Firma, die in der Intimhygienebranche tätig ist.
Die größte Außenwirkung dürfte das US-Unternehmen allerdings mit der seit 1995 stattfindenden Farbwahl des Jahres entfalten. Und dass diese uns wohl oder übel doch juckt, erklärt eine in den interessierten Kreisen berühmte Belehrung aus der Modefilmgeschichte, vorgetragen von Meryl Streep in „Der Teufel trägt Prada“ von 2006.
Wie schön war himmelblau
Streep spielt darin Miranda Priestly, in Wahrheit „Vogue“-Chefin Anna Wintour. Der Film von 2006 basiert auf einem Buch von Lauren Weisberger, in dem sie ihre Zeit als Assistentin der wohl wichtigsten Modekritikerin der Nachkriegsgeschichte hollywoodisiert. Sie selbst wird von Anne Hathaway verkörpert, im Film heißt sie Andy Sachs. Weisberger/Sachs, trotzig mit irgendwas halt angezogen, ironisiert in der Szene, die Wichtigkeit eines Diskurses über zwei ähnlich türkisblaue Gürtel, die es für ein Fotoshooting auszuwählen gilt. Und Priestly/Wintour so zu ihr – mit Blick auf ihren blauen Pullover: „Sie gehen einfach an Ihren Schrank und nehmen sich diesen plumpen blauen Pullover, weil Sie der Welt damit sagen wollen, dass Ihnen Ihre Kleidung nicht so wichtig ist wie Ihre Persönlichkeit. Was Sie nicht wissen, ist, dass Ihr Pullover nicht einfach blau ist. Er ist nicht türkisblau, nicht lapis, sondern er ist azurblau.“ Was folgt ist eine Art Genealogie. Wie Oscar de la Renta Azur 2002 eingeführt habe, Yves Saint Laurent nachzog, bis hin zu dem Moment, in dem das Blau auf dem Pullover auf Wühltischen lag. Und nur das dazu: 2000 war Himmelblau die Pantone-Farbe des Jahres, „Cerulean Blue“, genauer. Gewählt, um die Farbe des Himmels zu spiegeln. Das Gefühl von innerem Frieden und spiritueller Erfüllung an einem kristallklaren Tag. Und was ist dann mit 2023? Regen und Schneckentod.