Film
Vier Oscars für Deutschland
„Wir haben schon alles gewonnen wegen der vielen Nominierungen“, sagte Albrecht Schuch, einer der Schauspieler von „Im Westen nichts Neues“, als er in Los Angeles ankam – zusammen mit den Kollegen Felix Kammerer und Daniel Brühl, Regisseur Edward Berger und der ganzen Crew, inklusive der filmaffinen Kulturstaatsministerin Claudia Roth, die auch eine Saalkarte ergattert hatte für die Verleihung der 95. Academy Awards im Dolby Theatre in Los Angeles. Neun Nominierungen, darunter die für den besten Film, nicht nur für den besten internationalen Film – das gab es noch nie für einen deutschen Film. Es machte die Verleihung – so spannend wie noch nie.
Der vierte Auslands-Oscar
Dazu kam die Nominierung für Florian Hoffmeister, dem deutschen Kameramann von „Tár“ – der leer ausging, weil der Oscar an den (britischen) Kameramann Daniel Friend für „Im Westen nichts Neues“ ging. Keine Frage, die Oscars können deutsch. In der langen Geschichte des Auszeichnung ist es der vierte deutsche Film, der als bester nicht-englischsprachiger (heute: internationaler) Film gewann – nach „Die Blechtrommel“ (1980), „Nirgendwo in Afrika“ (2003) und „Das Leben der Anderen“ (2007).
Die deutschen Gewinner stammelten nicht herum: Regisseur Edward Berger (52) der beim Preis für den besten internationalen Film auf der Bühne mit seinen Darstellern auf die Bühne kam, lobte Hauptdarsteller Felix Kammerer: „Das war dein erster Film, und du trugst uns alle auf deinen Schultern, als wäre es nichts. Ohne dich wäre niemand von uns hier.“ Und er erinnerte daran, dass er vor 30 Jahren begonnen hatte, als Assistent von Florian Hoffmeister, dem er ebenso dankte wie Netflix, denn in der Neuverfilmung des Romans von Eric Maria Remarque aus ungewohnter Perspektive, steckt kein Cent deutsche Filmförderung. Der Film bekam auch den Oscar fürs Production Design, worüber sich Christian M. Goldbeck und Set Decorator Ernestine Hipper freuten, die ihre Crew in Prag lobten, wo der Film entstand.
Mit drei Tönen zum Oscar
Vielleicht noch wichtiger war der Preis für die beste Filmmusik, denn Volker Bertelmann (57, er war schon mal nominiert für „Lion“ 2016) schaffte es, eine Drei-Töne-Sequenz zu komponieren, die durch den ganzen Film läuft und ihn trägt. Dafür setzte er auf das Harmonium seiner Urgroßmutter, das er selbst restauriert hatte. Mit nur vier Tönen auf einer Mundharmonika für „Spiel mir das Lied vom Tod“ startete einst Enno Morricone seine Weltkarriere.
Natürlich wurde die Euphorie der Deutschen noch übertroffen von der Freunde der Beteiligten an dem Film, der noch mehr Preise gewann: die irrwitzige US-Komödie „Everything Everywhere All at Once“, die in Deutschland zum Kultfilm mutierte und in Großstädten wie Berlin seit dem Start Ende April ununterbrochen in den Kinos läuft. Es ist eine US-Produktion, in der es um das Verhältnis der Amerikaner zu den Asiaten geht, auf drei Ebenen spielt und noch Fantasy-Sequenzen enthält.
USA und Asien
Elf Mal nominiert, nahm „Everything“ sieben Preise mit nach Hause: bester Film, Schnitt, Drehbuch, Regie. Die letzten beiden Preise gingen an Daniel Kwan und Daniel Scheinert, Nachkommen chinesischer und deutscher Einwanderer. Scheinert dankte seinen Lehrern in der Schule, die ihn stark geprägt hätten. Oscars gab es für drei Darsteller: Hauptdarstellerin Michelle Yeoh ist eine frühere Hong-Kong-Martial-Arts-Ikone aus Malaysia und ist die erste Asiatin, die in dieser Kategorie gewann: Sie dankte allen, die sich an ihre Vergangenheit im Genre-Kino erinnern – ebenso wie Nebendarstellerin Jamie Lee Curtis, bekannt aus den „Halloween“-Horrorfilmen, Nebendarsteller Ke Huy Quan erzählte, dass er einst als politischer Flüchtling aus Vietnam in die USA kam, schon in „Indiana Jones“ 1984 mitspielte und mahnte: „haltet an euren Träumen fest“.
„Everything Everywhere All at Once“ hatte das, was man ein Momentum nennt: zum richtigen Zeitpunkt, dem der Stimmabgabe der 9500 Mitglieder der Filmakademie, in aller Munde zu sein. In gewisser Weise traf das auch auf „Im Westen nichts Neues“ zu, der wohl davon profitierte, dass ihn auf Netflix wohl viel mehr Leute sahen als im Kino – die Filme überhaupt gesehen zu haben, ist wichtig für die Abstimmung.
Spielberg geht leer aus
Auch die beiden Preise für „The Whale“ (Kinostart: 27. April) über einen adipösen Mann für Hauptdarsteller Brandon Fraser und das Make-up, das ihn so dick machte, gehen in Ordnung. Dass Hits wie Steven Spielbergs autobiografischer Film „Die Fabelmans“ (sieben Nominierungen) und „Elvis“ (acht Nominierungen), beide auch im Rennen um den besten Film, gar keinen Preis bekamen, war eine der Überraschungen des Abends. Dass die Blockbuster „Top Gun: Maverick“ und „Avatar: The Way of Water“ nur je einen Technikpreis bekamen, ebenso.
Durch die Gala führte Jimmy Kimmel, mit wenig Witz – ohne Ohrfeigen, vertauschte Umschläge und größere Peinlichkeiten – für die grauenhaften Kleider mancher Präsentatorinnen kann er schließlich nichts) – in dreieinhalb Stunden.
Deutschland wird mehr beachtet
Dass der Einfluss der Deutschen in Amerika inzwischen recht groß ist (im Vorjahr gewannen Komponist Hans Zimmer und Spezial-Effekte-Mann Gerd Nefzer) zeigt sich am Gedenken der Verstorbenen: Nicht nur Wolfgang Petersen, der viel in Amerika drehte, wurde gewürdigt, sondern auch die Casterin Simon Bär, die für Spielberg, Tarantino und Wes Anderson für Drehs in Deutschland Darsteller fand. Mehr Deutschland geht kaum, vor allem wenn man bedenkt, dass andere europäische Länder bei den Spielfilmen keine Oscars bekamen. Auch das gab es noch nie.
Die Preisträger der 95. Oscar-Verleihung
- Bester Film: „Everything Everywhere All at Once“
- Internationaler Film: „Im Westen nichts Neues“
- Hauptdarstellerin: Michelle Yeoh „Everything …“
- Hauptdarsteller: Brandon Fraser „The Whale“
- Nebendarstellerin: Jamie Lee Curtis „Everything …“
- Nebendarsteller: Ke Huy Quan „Everything …“
- Regie: Daniel Kwan, Daniel Scheinert „Everything …“
- Drehbuch, original: Daniel Kwan, Daniel Scheinert „Everything …“
- Drehbuch, adaptiert: Sarah Polley „Die Aussprache““
- Musik: Volker Bertelmann „Im Westen nichts Neues“
- Song: „Naatu Naatu“ „RRR“
- Ton: „Top Gun Maverick“
- Kostüme: „Black Panther: Wakanda Forever“
- Kamera: Daniel Friend „Im Westen nichts Neues“
- Schnitt: Paul Rogers „Everything …“
- Szenenbild: Christian M. Goldbeck, Ernestine Hipper „Im Westen nichts Neues“
- Visuelle Effekte: „Avatar: The Way of the Water“
- Make-Up und Haare: „The Whale“
- Animation: „Guillermo Del Toros Pinocchio“
- Animation, kurz: „The Boy, the Mole, the Foy and the Horse“
- Dokumentarfilm: „Navalny“
- Dokumentarfilm, kurz: „The Elephant Whisperers“
- Kurzfilm: „An Irish Goodbye“