Kultur
Viel beschworener Mythos: Woodstock war alles andere als wegweisend

Richie Havens nuschelt „Freedom“, Joe Cocker wird mit einem Beatles-Cover zum Star, Jimi Hendrix zersägt die US-Hymne. Dazu Tausende friedlicher Hippies, denen auch Regen und Schlamm die Laune nicht verhageln. Das Woodstock-Festival hat sich ins kollektive Gedächtnis gebrannt, aber was vor 50 Jahren vor allem verändert wurde, war das Musikgeschäft.
Max Yasgur, dem erfolgreichen Milchbauern aus Bethel im US-Bundesstaat New York, war es ein Bedürfnis, hier etwas zu sagen. Der Geschäftsmann hatte seine Rinderweide gegen einen angemessenen Pachtpreis zur Verfügung gestellt, nachdem zwei andere geplante Standorte, unter anderem im 70 Kilometer entfernten Woodstock, am Widerstand der Anwohner gescheitert waren. Jetzt hielt der Mann mit der dicken Hornbrille und dem sicheren Gefühl für die historische Bedeutung des Augenblicks eine kleine Rede. Die hier versammelten Kids hätten der Welt bewiesen, dass eine solch große Menschenmenge zusammenkommen und drei Tage lange Spaß und Musik haben könne und sonst nichts.
Drei Tage friedlich-freizügiges Musikhören
Damit brachte Mr. Yasgur auf den Punkt, was den Mythos Woodstock ausmachen sollte. Gut 400.000 junge Menschen mit überwiegend langen Haaren und sommerlicher knapper Bekleidung hatten sich Mitte August 1969 auf einer Wiese versammelt, um drei Tage friedlich Musik zu hören. So hatte es der Slogan des Festivals angekündigt und so war es gekommen, großzügiger Umgang mit Drogen und andere Freizügigkeiten eingeschlossen. Und all die Widrigkeiten dieser schlecht geplanten und dilettantisch organisierten Großveranstaltung konnten daran nichts ändern. Die Zufahrtswege waren verstopft, die Umzäunung des Festivalgeländes wurde nicht fertig, es gab keine Eingangskontrollen, zu wenig Toiletten, das Essen ging aus, und nach starken Regenfällen verwandelte sich die beschauliche Festivalwiese in ein sumpfiges Schlammareal. Aber all dies konnte genauso wenig am Mythos kratzen wie die Tatsache, dass wichtige Musiker und Bands wie Bob Dylan, Eric Clapton, Beatles, Rolling Stones und Led Zeppelin nicht teilnehmen konnten oder wollten.
Viele wichtige Musiker fehlten
Woodstock markierte auch keinen Aufbruch in ein neues Zeitalter, sondern eher einen Endpunkt. Die Hippiebewegung, die zwei Jahre zuvor mit dem „Summer of Love“ in Kalifornien ihren Höhepunkt erlebt hatte, war im Abflauen begriffen. Auch das Zeitalter der großen Open-Air-Festivals war längst eingeläutet, seit den späten 1950er Jahren gab es das New Port Festival, bei dem neben Jazz auch Folk und Blues zu hören war. Das Popfestival in Monterey hatte 1967 mit 200.000 Besuchern einen ersten Rekord aufgestellt. Und in Europa gab es ab 1968 das Isle of Wight Festival mit bis zu 600.000 Besuchern.
Politische Positionen waren eher nicht erwünscht
Auch gesellschaftspolitisch nahm Woodstock keine Vorreiterrolle ein. Der Vietnamkrieg war in seinem fünften Jahr und hatte den Widerstand von Veteranen, Pazifisten und und linken Studenten zu einer unübersehbaren Bewegung werden lassen. Die Ermordung des Bürgerrechtlers Martin Luther King und des demokratischen Präsidentschaftskandidaten Robert F. Kennedy im Jahr zuvor und der Wahlsieg Nixons hatten das politische Klima zusätzlich angeheizt. Aber Politik spielte im drogenumnebelten Woodstock nur eine Nebenrolle. Als Jimi Hendrix die US-Hymne mittels Gitarren-Rückkopplungen in ein Kriegsinferno verwandelte, war es schon Montagmorgen und kaum noch Publikum vor der Bühne. Und als der Politaktivist Abbie Hoffmann während des Auftritts der britischen Band The Who ein Statement abgeben wollte, wurde er von Pete Townshend kurzerhand von der Bühne geworfen.
Zunächst nur Schulden beschert
Von einem anderen, friedlichen Amerika erzählt der Mythos von Woodstock, von Sex, Drugs und Rock’n’Roll, mit deren Hilfe sich die Welt irgendwie besser machen ließe. Die protestierenden Studenten, die damals gegen Krieg und eine autoritäre, bigotte Gesellschaft auf die Straße gingen, setzten auf andere Formen der politischen Auseinandersetzung. Die Musikindustrie aber hielt an dem Mythos fest, der sich so schön vermarkten ließ. Die Musikproduzenten Michael Lang und Artie Kornfeld, die eigentlichen Erfinder des Woodstock-Festivals, standen am Ende mit einem 1,3-Millionen-Dollar-Defizit da. Ihre Partner und Geldgeber Joel Rosenman und John P. Roberts mussten jahrelang Schulden abtragen, waren an den Einnahmen aus der Vermarktung des Festivals aber beteiligt und kamen mit Verspätung dann doch noch in die Gewinnzone. Das große Geschäft aber machten Medienunternehmen wie Warner Bros. Allein Michael Wadleighs in cleverer Voraussicht produzierte und 1970 veröffentlichte Filmdoku „Woodstock“ spielte in den USA 50 Millionen Dollar ein. Die bei Atlantic Records erschienene Dreifach-LP mit den Konzerthöhepunkten stand in fast jedem Plattenschrank. Dass erstmals massenweise Filmbilder und Fotos vorhanden waren, machte Woodstock zum weltweiten Medienereignis und eine solche Vermarktung überhaupt erst möglich.
Das große Geld machten die Medienunternehmen
„Den Marketingleuten war klar, dass es hier etwas zu holen gibt. Sie konnten diese jungen Leute als Zielgruppe isolieren und als Konsumenten ansprechen. Von da an war Rock’n’Roll in der Werbung zu sehen“, so Neil Young, der mit seinen Kollegen Crosby, Stills und Nash in Woodstock auf der Bühne stand, aber nicht gefilmt werden wollte. Die drei Tage von Woodstock stellten so etwas wie einen utopischen Augenblick einer Gegenkultur dar, eine heile Welt aus Müsli, Rock und LSD. Das ließ sich als Lebensgefühl verwerten, Woodstock wurde zu einem, wie es Allen Ginsberg, Dichter der Beat Generation, formulierte, „planetarischen Ereignis“ und die Popmusik zum Megageschäft.
Mit dem unbeschwerten Hippie-Spaß war es spätestens vorbei, als vier Monate nach Woodstock beim Auftritt der Rolling Stones im kalifornischen Altamont ein 18-jähriger Fan von einem der Hells Angels erstochen wurde, die als Security vor der Bühne eingesetzt waren. Die harte Realität hatte die Utopie ausgelöscht. Und jeder, der heutzutage mit seinem 150 Euro-Ticket in der Tasche zu „Rock am Ring“ oder einem anderen Festival pilgert, der weiß eigentlich, dass der Mythos von Woodstock, der so unermüdlich beschworen wird, nur ein nostalgischer, aber offenbar unendlich ausbeutbarer Gedanke ist.