Kommentar RHEINPFALZ Plus Artikel Verfolgte Autoren: Die Wucht der Worte

Der deutsch-türkische Journaliste Deniz Yücel leitet den deutschen Ableger des P.E.N.-Zentrums. Er saß selbst im Gefängnis.
Der deutsch-türkische Journaliste Deniz Yücel leitet den deutschen Ableger des P.E.N.-Zentrums. Er saß selbst im Gefängnis.

Die Autorenvereinigung P.E.N. erinnert am Tag des inhaftierten Schriftstellers an die Menschen, die wegen dem, was sie gesagt oder geschrieben haben, verfolgt, verhaftet, verurteilt werden.

Zum Beispiel Rahile Dawut, seit 2017 vermisst. Eine uigurische Wissenschaftlerin. Mutmaßlich wird sie in einem chinesischen Internierungslager festgehalten. Genaueres wissen selbst ihre Angehörigen nicht. Ihr Vergehen: Studien über die volkstümlichen Traditionen der uigurischen Minderheit. Oder Mohammed Al-Rokon, ein bekannter Menschenrechtsanwalt und Autor in den Vereinigten Emiraten, er sitzt seit 2012 im Gefängnis. Fadenscheiniger Vorwurf: Gründung einer geheimen Organisation.

Kubanischer Rapper im Hungerstreik

Der kubanische Rapper Maykel Osorbo trat am 26. Oktober in Hungerstreik. Im Mai dieses Jahr war er wegen „Öffentlicher Unruhe“ inhaftiert worden. Sein Song „Patria y Vida“ (Heimat und Leben) ist zur Hymne der Protestbewegung in Kuba avanciert. Und immer so weiter. Selbst, dass der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte schon vor drei Jahren seine Freilassung „anordnete“, nützte dem türkischen Politiker, Rechtsanwalt und Schriftsteller Selahattin Demirtaş nichts. Er bleibt Häftling in einer Hochsicherheitsstrafvollzugsanstalt – wegen „Terrorpropaganda“. Demirtas ist inzwischen Ehrenmitglied des deutschen P.E.N., der gemeinsam mit den 140 P.E.N.-Zentren weltweit zum „Tag des inhaftierten Schriftstellers“ am 15. November an ihn erinnert.

Ein Jahr im Untersuchungsgefängnis

Die 1921 in England gegründete Autorenorganisation (das Kürzel steht für Poets, Essayists, Novellists) setzt sich für die Meinungsfreiheit ein und kümmert sich um politisch verfolgte Autorinnen und Autoren, Verlegerinnen und Verleger, Journalistinnen und Journalisten, Bloggerinnen und Blogger. Präsident des deutschen Ablegers ist der Journalist und Autor Deniz Yücel, der von 2017 an selbst – wegen der „Verbreitung von Terrorpropaganda“ – ein Jahr in einem Istanbuler Untersuchungsgefängnis verbracht hat. Er wird am besten wissen, was das weltweite Memento des Tags der inhaftierten Schriftsteller abseits des Symbolpolitischen für die Betroffenen bedeutet. Minimum, die dürre Hoffnung unvergessen zu sein.

220 Literaturschaffende, benennt der P.E.N., die im vergangenen Jahr bedroht, angeklagt, vor Gericht gezerrt, verurteilt oder inhaftiert worden sind. Die meisten in Südostasien (93) sowie in Zentralasien und Europa (50). Es sind die bekanntgewordenen Fälle. Und nur zur Erinnerung: Ein Menschenrecht ist ihr Schicksal. Ihr Kampf, eine demokratische Urkraft. Die Wucht des freien Worts ist so groß, dass Diktatoren es fürchten und verbieten – wie immer schon. Jahrelange Haft für ein Essay, Folter wegen eines Gedichts. Der nigerianische Umweltaktivist, Bürgerrechtler und Schriftsteller Ken Saro-Wiwa wurde 1995 hingerichtet, weil er seine Meinung gesagt und geschrieben hat.

In Uganda ist der Autor Kakwenza Rukirabashaija vor einiger Zeit verhaftet worden, wegen Verbreitung von Covid-19. Im Prozess ging es dann doch nur um den Inhalt seines Romans „Gierige Barbaren“, eine zutreffende Charakterisierung der ugandischen Regierung. Bei uns aber schreien Querdenker und -innen „Diktatur“, weil ihnen widersprochen wird, Schauspieler beklagen sich in Talkshows, sie seien in Meinungskorridore eingesperrt, die AfD moniert angebliche Sprechverbote, die sie nur imaginiert. Das alles ist im Angesicht der vom P.E.N. geschilderten Dramen dumm, zynisch, verabscheuungswürdig lächerlich. Nicht der Rede wert. In Eritrea indes fehlt seit 2001 jede Spur von zwölf Autorinnen und Autoren. Ihre Namen lauten: Idris Said Aba’Are, Said Abdelkadir, Yosuif Mohammed Ali, Amanuel Asrat, Medhanie Haile, Temesgen Ghebreyesus, Matheos Habteab, Dawit Habtemichael, Dawit Issak, Sahle Tsegezab, Seyoum Tsehaye und Fissehaye Yohannes.

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