Corona-Soforthilfe Verdienstausfälle von Künstlern: Baden-Württemberg hilft effektiver
„Soloselbstständige können in Baden-Württemberg weiterhin auch pauschalierte Kosten des privaten Lebensunterhalts in Höhe von 1.180 Euro pro Monat geltend machen“, hat das Stuttgarter Kunstministerium am 8. April nochmals untermauert. In den meisten anderen Bundesländern – auch in Rheinland-Pfalz – wird das Soforthilfe-Bundespaket, das für Soloselbstständige und Kleinstbetriebe bis fünf Mitarbeiter 9000 Euro vorsieht, nicht so umgesetzt, dass es Verdienstausfälle einschließt. Damit nützt dieses Paket Freischaffenden ohne Betriebskosten wie Miete nichts. Baden-Württemberg dagegen nimmt zusätzlich eigenes Geld in die Hand für seine Version des Bundespaketes, als „Anerkennung für die Vielzahl an Einzelkämpfern, die unser wirtschaftliches, soziales und kulturelles Leben wesentlich prägen“, so Kunststaatssekretärin Petra Olschowski.
„Das ist, was wir bundesweit wollen“, kommentiert dies Noam Zur. Der 38-jährige Deutsch-Israeli ist Dirigent, war 2005 bis 2007 Erster Kapellmeister und Stellvertretender Generalmusikdirektor am Theater und Orchester Heidelberg und lebt heute in Mülheim an der Ruhr. Ihm sind jetzt durch die Absage gebuchter Auftritte als Gastdirigent mit zwei Orchestern in Jerusalem und Haifa rund 8500 Euro Honorar entgangen, wie er erzählt: eine für ihn stattliche Summe, verweist er auf sein Jahreseinkommen, das 2018 bei rund 20.000 Euro gelegen habe. „Bei mir ist die Lage ernst, aber nicht aussichtslos“, sagt Noam Zur dennoch, da seine Ehefrau mit Festanstellung am Opernhaus in Essen zunächst noch ihr Gehalt bekomme. Dennoch fühlt er sich und andere Freischaffende von der Politik vergessen.
„Wollen uns nichts erschleichen“
„Wir wollen uns nichts erschleichen“, betont der Dirigent und ausgebildete Posaunist. Aber da für Angestellte ja die Kurzarbeitslösung staatlich gefördert wird, hält er es für angemessen, dass auch freien Künstlern und anderen Soloselbstständigen im Sinne einer Gleichbehandlung ähnlich geholfen werde. Die baden-württembergische Lösung findet er hierbei vorbildlich.
Dass in anderen Bundesländern Künstlern geraten werde, Grundsicherung zu beantragen, also Arbeitslosengeld II – landläufig Hartz IV genannt – sei dagegen der falsche Weg. „Ich bin im Moment nicht arbeitslos, ich habe lediglich ein Auftrittsverbot. Ich arbeite am Schreibtisch wie gewohnt weiter, studiere, komponiere, damit ich fit bin, wenn ich in einigen Monaten wieder auftreten darf. Darum sollte ich mir aus der Soforthilfe ein Gehalt auszahlen dürfen, und nicht auf Arbeitslosengeld für meinen Lebensunterhalt angewiesen sein“, hat er seinen Standpunkt auch in einem Appell und Offenen Brief an Politiker bundesweit formuliert. Zumal er, der seit über zehn Jahren freiwillig in die ALG-1-Versicherung einzahle, befürchtet, diese Ansprüche sonst zu verlieren.
Baden-Württemberg empfiehlt sein Modell weiter
„Durch die Einbeziehung des privaten Lebensunterhalts in die Soforthilfe wird es vielen erspart bleiben, einen Antrag auf Grundsicherung zu stellen“, erklärt denn auch passend die baden-württembergische Kunststaatssekretärin Petra Olschowski, die andere Bundesländer auffordert, ebenfalls eine 1.180-Euro-Pauschale für den Lebensunterhalt anzuerkennen: „Es ist zu hoffen, dass die Entscheidung Baden-Württembergs doch noch vom Bund aufgenommen wird und unter den Ländern Nachahmer findet.“
Die rheinland-pfälzische Ministerpräsidentin Malu Dreyer hatte Kulturschaffenden dagegen geraten, Grundsicherung zu beantragen. „Die coronabedingten Leistungen gehen deutlich über die normalerweise ... gewährten Leistungen hinaus und sind deshalb nicht mit der üblichen Grundsicherung gleichzusetzen“, verspricht sie in einer Presseerklärung. Man müsse seine wirtschaftlichen Verhältnisse nicht offenlegen, insofern „kein erhebliches Vermögen vorliege“. Auch werde die Miete unabhängig von der Größe der Wohnung ausgezahlt. Die Grundsicherung decke „den akuten Notbedarf für alle, die kein Kurzarbeitergeld beziehen ... auf unbürokratische Weise ab“. In der Praxis sieht das aber offenbar anders aus, da wird allerlei abgefragt und nachgeprüft.
„Praktisch ein Berufsverbot“
Als einen „Tritt vors Schienbein“ sieht der Bildhauer Wolf Münninghoff aus Zellertal-Harxheim den Verweis auf Grundsicherung. Zuerst habe die Landespolitik betont, wie sehr man auch Künstler wertschätze und passende Hilfen versprochen, nun würde man auf Grundsicherung verwiesen. „Das ist alles andere als eine Wertschätzung.“ Die Politiker unterschätzten wohl, was dieser Weg psychologisch gerade für Freischaffende, die sich mühevoll ihre Nische aufgebaut haben, bedeute: „Niemand möchte auf Hartz-IV gehen.“
Auch er fühlt sich nicht arbeitslos, sondern sieht sich „praktisch einem Berufsverbot“ ausgesetzt. Und es treibt ihn um, dass der Bund und das Land anders als etwa Baden-Württemberg gerade die wegbrechenden Einkünfte von Freiberuflern, die zudem noch gar nicht genau zu beziffern seien, im Hilfspaket nicht berücksichtigten. „Diese Art von Sparsamkeit ist typisch für die rheinland-pfälzische Kulturpolitik“, sagt er und meint damit die immer weiter ausgedünnte Förderung gerade in der Breite. Als Bildhauer, der auf seinem eigenen Hof im Donnersbergkreis wirkt, lebt er vom Verkauf von Skulpturen an Privatleute, der Teilnahme an Symposien sowie von Kursen, etwa im Bearbeiten von Sandstein. Diese fallen nun wohl aus, zudem muss er Vorauszahlungen zurückzahlen.
Im Soforthilfe-Formular des Landes hat er nun diese Kosten plus Versicherungen, Telefon- und Stromgebühren angegeben. Ob das anerkannt wird, sei aber unklar. Der zugezogene Steuerberater fühlte sich ebenfalls überfordert, berichtet Münninghoff. Und betont zugleich: „Ich will gar nicht persönlich wehklagen.“ Denn seine Frau sei verbeamtet. Doch sei es ihm immer wichtig gewesen, selbst für seinen Lebensunterhalt sorgen zu können, sagt der gebürtige Rheinländer, der seit 1991 in der Pfalz lebt. Nun aber sei wohl die ganze Saison im Eimer.
Aussicht auf Auftritt hebt Stimmung
Mit Vorschüssen auf Gema-Einnahmen, einer Gage der Stadt Kaiserslautern für ein gestreamtes Konzert in der leeren Fruchthalle sowie Zuwendungen von Freunden und Fans bestreitet wiederum nun das Kaiserslauterer Musikerpaar Mon Mari Et Moi einen Teil seines Lebensunterhaltes. Die Karriere von Shakti und Mathias Paqué, die vor allem selbst geschriebene deutschsprachige Chansons spielen, blühte gerade auf, auch dank Auftritten im SWR-Fernsehen. Viele Konzerte standen an, bundesweit, berichtet Shakti Paqué. Nun fällt alles weg. „Wir waren in einem Schockzustand“, erinnert sich die stets so fröhlich wirkende Sängerin an die ersten Krisentage. „Die Arbeit von einem halben Jahr war kaputt.“
Lichtblicke aber gibt es. Das erste Streaming-Konzert hob die Stimmung. Der Antrag auf die Gema-Zahlungen war unkompliziert, das Geld kam schnell. Und Mathias Paqués Gitarrenschüler zahlen einige Wochen weiter für die in die Sommerferien verlegten Stunden. Was natürlich nur kurzfristig hilft. Hartz-IV zu beantragen aber widerstrebt den Musikern. „In mir weckt das so ein ungutes Gefühl“, sagt Shakti Paqué. Und sich beklagen wollen sie auch nicht. Als Selbstständige seien sie das Gefühl von Unsicherheit gewohnt. Zumal sie gerade doch eine willkommene Aufgabe haben: Morgen steht ein nächster Auftritt an, im Kaiserslauterer Musiklokal Benderhof, ohne Publikum, aber online mitzuerleben. Neue Lieder soll es zu hören geben, entstanden in der jetzt vielen freien Zeit, die sie für solche kleine Chancen, doch in irgendeiner Form spielen zu dürfen, gern mit Komponieren, Üben und Proben füllen.
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