Konzert
Und … Action!: Hans Zimmer mit Orchester in Mannheim
Als Hans Zimmer vor vier Wochen für seine Musik zu „Dune“ mit einem Oscar ausgezeichnet wurde, ein Vierteljahrhundert nach seinem ersten für den Sound von „Der König der Löwen“, saß er statt im Smoking im Dolby Theatre in Los Angeles im weißen Udo-Jürgens-Gedächtnis-Frotteebademantel in einer Hotelbar in Amsterdam, für ihn war es mitten in der Nacht. Seit 11. März ist Zimmer in Europa unterwegs, zum Auftakt spielte er in Hamburg und dann auf dem ganzen Kontinent, zum Abschluss gibt er diese Woche noch drei Konzerte in Skandinavien.
Orchester aus Odessa
Lange war die Tour geplant, seit genau 858 Tagen, wie der 64-Jährige in Mannheim erzählte. Zuerst wurde das gigantische Bühnenspektakel wegen der Pandemie um ein Jahr verschoben, und im Februar spürte die Produktion den Ukraine-Krieg hautnah: Nur die Hälfte der Mitglieder des schon lange gebuchten Odessa Opera Orchestra schafften es, nach den ersten russischen Angriffen am 24. Februar aus ihrer Heimat zu fliehen und sich in Deutschland in Sicherheit zu bringen, mit Zimmer in Berlin zu proben und auf Tour zu gehen. Aus ganz Europa wurden Musikerinnen und Musiker verpflichtet, um die in der Ukraine verbliebenen Kolleginnen und Kollegen zu ersetzen.
Auf die Vorstellung der Orchestermitglieder aus Odessa folgte der Soundtrack zu „Wonder Woman“, unterlegt mit Bildern ukrainischer Soldatinnen auf der Videoleinwand. Wenn es in dem inklusive Pause fast dreieinhalbstündigen Konzert eine Stelle gab, an der die Inszenierung nicht ganz geschmackssicher gelang, dann war es diese. Aber auch die einzige. Ansonsten können für den Abend in der mit 10.000 Zuschauern ausverkauften Mannheimer SAP-Arena nur Superlative bemüht werden. Es war eine gigantische Show, bombastisch, monumental, spektakulär, die Stimmung phänomenal. Ein Feuerwerk. Und natürlich, diese Metapher muss einfach sein, war es: ganz großes Kino. Filmreif. Episch.
Und dabei zeigte Hans Zimmer nicht eine Filmszene, nicht mal Schnipsel aus den Werken, die er vertont hat. Er erzählte keine Anekdoten aus Hollywood, keine Geschichten über Regisseure, Schauspieler, Dreharbeiten. Sonst hätte der Abend auch nicht die Länge eines durchschnittlichen Blockbusters gehabt, sondern die einer Trilogie. Zimmer erzählte viel mit seinen und über seine Musikerinnen und Musiker, nahm sie jovial in den Arm, wurde auch mal amerikanisch-pathetisch. Als Jugendlicher hat Zimmer, der 1957 als Sohn eines Unternehmerpaares in Frankfurt geboren und im nahen Taunus aufgewachsen ist, seine deutsche Heimat verlassen. In seinem mit amerikanischem Akzent versehenen „Kinderdeutsch“, wie Zimmer selbst es nannte, begrüßte er sichtlich bewegt ehemalige Mitarbeiter seines Vaters im Publikum. In England machte er Abitur und startete ohne akademische Ausbildung seine Karriere, in den USA wurde er zum Weltstar, seit er 1989 den Soundtrack zu „Rain Man“ komponierte. Für unzählige Filme hat er, gemeinsam mit anderen, die Musiken geschaffen: „The Last Samurai“, „Interstellar“, „The Dark Knight“, „Inception“, „Gladiator“ – eine kleine Auswahl. Jahrzehntelang war Hans Zimmer nur ein Name im Abspann und die Person dahinter eher unbekannt. Seit einigen Jahren zieht es ihn selbst auf die Bühne – vielleicht wollte er sie einfach nicht länger nur den Shows überlassen, die mit seinem Namen im Titel, aber ohne ihn unterwegs sind.
Ein Fest der Opulenz
Wie ein spannender Film, der mitreißt und berührt, der fesselt und noch lange nachwirkt, war die Performance auf der Bühne. Ein perfektes Zusammenspiel von klassischen und elektronischen Instrumenten, von Licht- und Videochoreographien, es wurde getanzt und wild getrommelt, es glitzerte und glänzte und strahlte überall, ein Fest der Opulenz. Zimmer gab nicht nur den Conférencier, er spielte auch Gitarre, Banjo und Synthesizer. Immer wieder stand er aber auch einfach da und schaute gebannt auf seine Musiker, die vor allem Musikerinnen sind. Müsste man eine herausgreifen, wäre das Weltklasse-Cellistin Tina Guo mit einem unfassbaren „Fluch der Karibik“-Auftritt – den Soundtrack hatte Zimmer zwar nicht komponiert, aber produziert. Um Captain Jack Sparrow zu zitieren: „Falls du auf den richtigen Moment gewartet hast – das war er.“