Mundartdichtung
Transgender auf Pfälzisch: Rudy Kupferschmitts preisgekröntes Gedicht über eine Verwandlung
Rudy Kupferschmitt redet wie er schreibt, das heißt, er pfälzert beinhart und mit eiserner Konsequenz. Oder oggersheimt vielmehr, ein Mutter- und Vatersprachler, wie er in einschlägigen Büchern steht. Er lacht viel. Er ist Ur-Adel der Ex-Heimat-Residenz von Ex-Bundeskanzler Helmut Kohl, nach Mundenheim ausgewandert, von einem Stadtteil Ludwigshafens in den anderen.
Jahrgang 1954. Eckige Brille, weißes Haar, schwarze Klamotten. Zum Gesprächstermin kommt Rudy Kupferschmitt „iwwer de Brigg“. Aus Mannheim, wo er noch ein paar Tage die Woche halbtags als Geschäftsführer des Kinderschutzbunds „schafft“. Wie vor seinem Ruhestand. Der studierte Volkswirt ist freier Handelsvertreter gewesen. Fachgebiet: das Bausparvertragswesen. Außerdem war er als Korrektor für die Fern-Uni Hagen tätig – im Verborgenen eher. Ein Mann, der viele Talente hat. Eine seiner Begabungen, die man kennen könnte, ist die Pfälzer Mundartdichtung, zu deren Hauptvertretern er seit Anfang der 1990er-Jahre zählt.
Mit 40 wurde alles anders
„Domols“, sagt er zu seiner Dichterbiografie, „um die 40, hat sich fer mich sowwisoo viel verännert“. Seither feilt er an Lyrik im Pfalzsprech. Auch als Stückeschreiber des Ludwigshafener Privattheaters Hemshofschachtel und für das Theater Alte Werkstatt in Frankenthal ist „Pälzisch“ die Sprache seiner Wahl. Er ist Aktivist der Mannheimer Gruppe „Räuber 77“. „Wonns wärmer soi soll, nemm ich Mundart“, sagt er. Längere Prosa schreibt er „nach der Schrift“. Sein Theater-Erstling „Keschdezeit“, 1999 entstanden, wurde sogar im Fernsehen ausgestrahlt.
Immer neue Preise häuft er an. Jetzt hat Kupferschmitt zusammen mit dem Speyerer Matthias Zech den Sickinger Mundartdichterwettstreit in Herschberg, Südwestpfalz, gewonnen. Sparte Lyrik. Mit dem Gedicht „Schää, dass’do bischt“, das eine Verwandlung bedichtet. Vom „Bu“, zum pubertierenden „Babbsagg“, zum „Mädel“. Transgender, der eingedeutschte englische Begriff für eine Geschlechtsangleichung – und Mundartdichtung? Eine ungewöhnliche Kombination. Findet Kupferschmitt nicht, „ned“ vielmehr. Zumindest er, wenn auch nicht die ganze Szene, die es seiner Meinung nach gar nicht gibt („mer sinn seit 30 Johr dieselbe Leit“), sei längst in eine Nach-„Worscht-unn-Woi“-Epoche eingetreten. Bedeutet: Der verzwängte Reim mit Schenkelklopferpotenzial, der gar nicht sein Ding darstellt, kommt schon auch noch vor. Er sagt, es käme halt drauf an.
Es muss sich nicht reimen
Die Sickinger Präliminarien sind eher für ihn gemacht, weil auf Basis der Texte entschieden wird. Andernorts zählt auch der Vortrag. Außerdem sind in Herschberg die Vorgaben abgeschafft, die anfangs galten, in den ersten beiden Jahren 1991/92. Dass jedes Gedicht sich reimen und entweder von „Grumbeere“ (Kartoffeln) oder Franz von Sickingen handeln musste.
Er jedenfalls habe schon früh ein Gedicht etwa über ein „Coming-out“ geschrieben. Das Bekenntnis also, lesbisch oder schwul zu sein. Und um keine Missverständnisse aufkommen zu lassen, erzählt Kupferschmitt, dass er verheiratet sei. Mit einer Frau, die im Alter von sechs Jahren mit ihren Eltern aus Vietnam geflüchtet ist und zwischendurch auch als Pfälzer Dichterin auftrat. Sowieso sei das Autobiografische nicht seine Sache, „ned moi Ding“.
Missbrauch als Thema der Mundartdichtung
„Missbrauch“, das Thema war bei ihm durch die Arbeit beim Kinderschutzbund virulent. Und ein Kind habe er auch nicht, auch wenn sich sein „Schää, dass’d do bischt“-Gedicht so liest, als sei es aus einer Vatererfahrung heraus geschrieben, warmherzig und in seiner Unmittelbarkeit berührend. Das Vorbild, erzählt er, sei vielmehr der Sohn einer Bekannten gewesen, der in der Phase bei ihm am Kaffeetisch „ete petete worre“ sei. Später dann habe er von der Geschlechtsangleichung erfahren. Er schrieb das Gedicht. Um ehrlich zu sein, wisse die Bekannte gar nicht, dass sie – im Prinzip – ein lyrisches Ich geworden ist. Kupferschmitt will es ihr aber unbedingt sagen – demnächst.
Das Gedicht
Schää, dass’d do bischt
Schää, dass’d do bischt , moin Bu.
Was hab isch misch g’fräät,
wie der Klää uff die Weld kumme is.
Mer is es Wasser in die Age g’schosse.
Wie er älder worre is,
is es dann a emol bassiert,
dass isch denn Babbsagg am liebschde
in de Luft verrisse hett.
Awwer rischdisch komisch war’s erscht,
wie der Rozzleffel ganz annerscht worre is,
ned mer der rifflisch, pigglisch Kerl.
Do habb isch nimmi gewißt,
wu isch dro bin.
Er hott sisch g’schmingt,
is ete petete worre
un isch hab gedengt,
aller dann, moin Bu is schwul.
Awwer donn wollt er kään Bu mer soi.
Er hott sisch voll uff Mädel hergerischt.
Is mid de Schdeggelschuh aus emm Haus gange
un hott sisch Silikon in die Bruscht schbrizze losse.
Donn is die groß OP kumme.
Er is hie gange als moin Bu.
Un wie er widder wach worre is,
do hab isch moi Kind in de Arm genumme
un isch hab g’heilt wie en Schlosshund.
Schää, dass’d do bischt, moi Mädel.
(Rudy Kupferschmitt)