Kultur Thriller "Die Spur": Ein dunkles Märchen aus Europa

Öko-Rachethriller? Feministisches Drama? Anarchistische schwarze Komödie? Agnieszka Hollands Film „Die Spur“ sprengt Genregrenze
Öko-Rachethriller? Feministisches Drama? Anarchistische schwarze Komödie? Agnieszka Hollands Film »Die Spur« sprengt Genregrenzen. Im Zentrum steht die pensionierte Ingenieurin und ehrenamtliche Lehrerin Janina Duszejko (Agnieszka Mandat).

Kino aktuell: Agnieszka Hollands Film erzählt von einer resoluten polnischen Tier- und Menschenfreundin

Nicht nur der deutsche Wald taugt für düstere Märchen: Agnieszka Hollands genresprengender Film „Die Spur“, der bei der Berlinale 2017 verdient mit dem Alfred-Bauer-Preis ausgezeichnet wurde, führt in eine scheinbar vom Fortschritt vergessene Ecke Europas, die einst seine Mitte war. Im Mittelpunkt steht eine starke Frau, die sich gegen patriarchalische Strukturen zur Wehr setzt. In einer Welt, in der sture bis gefährliche Männer das alleinige Sagen haben, spielt „Die Spur“ und mag damit auch wie ein Beitrag zur aktuellen „Me Too“-Debatte wirken. Polens große Regisseurin Agnieszka Holland („Hitlerjunge Salomon“) aber dürfte es vor allem um einen Kommentar zur aktuellen Lage in ihrer Heimat gegangen sein. Schließlich rückt das Land doch beständig nach rechts unter einer Regierung, die auf „Traditionen“ setzen möchte und damit althergebrachte Machtstrukturen wieder festigen will. Agnieszka Holland sieht sich als Kämpferin, die jenen eine Stimme geben möchte, die nun zurück an den Rand gedrängt werden sollen: Frauen, Umweltschützer, Homosexuelle, Juden. „Natürlich sind meine Filme politisch“, sagt die mittlerweile 69-Jährige. „In Polen hat ein politischer Wandel eingesetzt, den ich für sehr bedauerlich halte, weil er grundsätzliche Freiheiten, Frauenrechte, die Umwelt, verschiedene demokratische Werte und Institutionen angreift. Diese Politik wird von Angst, Spaltung und Ausgrenzung geleitet, und sie weckt Fremdenfeindlichkeit und nationalistische Gefühle.“ Schauplatz von „Die Spur“ (Originaltitel: „Pokot“) ist das idyllische, abgeschiedenen Klodzko-Tal, auch als Glatzer Kessel bekannt, gelegen zwischen Böhmen und Schlesien, einst deutsch oder tschechisch, polnisch erst seit der Jalta-Konferenz 1945. Harte, selbstgerechte Männer leben hier. Jäger, Wilderer, korrupte Amtsträger, auch Zuhälter. Die einen bestimmen in Kneipen-Herrenrunden, was gesellschaftlicher Konsens ist und behandeln Frauen als minderwertig, die anderen verbreiten gar Angst und Schrecken. Und sie beharren auf ihren Männlichkeitsritualen. Doch sie haben eine starke Gegnerin: Janina Duszejko (Agnieszka Mandat), die nur beim Nachnamen genannt werden will. Früher war die resolute Frau, die allein mit ihren Hunden auf einem traumhaft gelegenen Hof abseits vom Dorf lebt, Ingenieurin, die Brücken in Syrien baute. Nun ist sie Aushilfs-Englischlehrerin, Vegetarierin, Tierschützerin. Oft hat sie die Wilderer angezeigt, die durchs Dickicht streifen und sich nicht an Schonzeiten halten. Doch die Polizei lacht nur, und der Pfarrer predigt, dass der Mensch sich die Erde untertan machen solle. Dann erstickt ein besonders grausamer Nachbar an einem Wildknochen, und Duszejko fragt sich, ob sich jetzt etwa die Tiere des Waldes rächen. Oder steckt ein weiterer Nachbar dahinter, der ein dunkles Geheimnis zu hüten scheint? Weitere Jäger sterben dann alsbald in diesem genresprengenden Ökothriller, der auf einem alten deutschen Märchen aus der Gegend beruht und mit betörenden Bildern und grandiosen Figuren bezaubert. Denn da ist noch ein Informatiker, der William Blake übersetzt, ein sanftmütiger tschechischer Insektenforscher, der Duszejko endlich einmal aufblühen lässt, und eine junge Maid in Sorge. Sie bleibt namenlos, wird lediglich Dobra Nowina genannt oder Good News, was signalisiert, dass sie für die Zukunft stehen könnte: Eine Modeboutique in der Stadt eröffnet sie heimlich, wird jedoch von ihrem gewalttätigen Ex-Partner immer wieder ausgebremst. Duszejko nimmt sie unter ihre Fittiche und will ihr zeigen, dass sie sich nicht ständig unterordnen und wie ein Objekt oder gar einen Besitz behandeln lassen muss, sondern ihre Träume verwirklichen kann und ein Recht auf Freiheit und Selbstständigkeit hat. Der wunderbar stimmungsvolle Film entwickelt eine radikale Aufbruchsstimmung und wird begleitet von poetischen Botschaften, die sich auch als Aufruf lesen lassen, nicht einfach hinzunehmen, was die Obrigkeit verordnet. Die Aufgabe von Kunst sei, Fragen zu stellen und Grenzen zu erweitern, sagte Drehbuchautorin Olga Tokarczuk, auf deren Roman „Der Gesang der Fledermäuse“ der Film beruht, bei der Filmpremiere in Berlin. Die Tiere stehen in ihren Augen für „die Schwächsten, die keine Stimmen haben, wir sprechen für sie“. Als „anarchistisch feministischen Ökothriller mit Elementen einer schwarzen Komödie“ wiederum beschrieb Agnieszka Holland „Die Spur“ an gleicher Stelle. Und mag der Film zwar einerseits von brutaler Rache erzählen, hat er doch auch versöhnliche Momente. Nicht umsonst ist die Hauptfigur eine ehemalige Brückenbauerin. Und sie wird von der großartigen Agnieszka Mandat auch als sanfte, versonnene Frau gezeichnet, die ungeheuer warmherzig lächeln kann. Schön, dass einmal eine ältere Darstellerin die Chance auf eine so eigenwillige Hauptrolle bekommen hat. Dazu kann der dunkle polnische Wald auch verheißungsvoll leuchten, wenn sich darin zwei gleichgesinnte Herzen begegnen. „Der Film über diesen vergessenen Zipfel Polens, der mit seiner Historie eine Quintessenz Mitteleuropas ist, ist auch eine Metapher für den Sinn fürs Europäische“, sagte Agnieszka Holland denn auch in Berlin über die Gemeinschaftsproduktion Polens, Deutschlands, Tschechiens, Schwedens und der Slowakei. Leider hat es „Die Spur“ trotz Nominierung durch Polen nicht in die Endauswahl der Anwärter auf einen Auslandsoscar geschafft.

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