Literatur
Thilo Wydras leidenschaftliches Buch „Alma & Alfred Hitchcock. Eine Liebe fürs Leben“
Das Buch erscheint passend zum 125. Geburtstag von Alma (1899-1982) am 14. August und von Alfred Hitchcock (1899-1980) am Tag davor. Autor Thilo Wydra sollte damit die Film-Geschichtsschreibung in mindestens einem entscheidenden Punkt beeinflussen: In Zukunft dürfte nicht mehr von den Filmen Alfred Hitchcocks die Rede sein, sondern von denen des Ehepaars Hitchcock.
Wydras sachkundige und mit spürbarer Leidenschaft geschriebene Texte verlangen das. Denn seine kenntnisreichen Betrachtungen zur Arbeit und zum Privatleben der beiden lassen keinen Zweifel zu: Ohne Alma hätte Hitch, wie ihn seine Freundinnen und Freunde gern nannten, nie den Ruhm erlangt, der ihn zumindest für Filmenthusiasten unsterblich gemacht hat.
„Sie waren eins“
53 Jahre haben die beiden zusammengelebt, 53 Kinofilme sind in dieser langen Zeit entstanden. Vor allem sie interessieren den Autor. Gestützt auf Aussagen von Zeitzeuginnen und -zeugen wie beispielsweise „Psycho“-Star Janet Leigh spürt er dem Wirken Alma Hitchcocks nach. Sorgfältig ausgewählte Bilder in Schwarzweiß und in Farbe, oft wahre Schätze, verlocken zum Schwelgen. In Los Angeles, in der Oscar Academy, konnte Thilo Wydra zudem bisher unbeachtete Quellen erschließen. In Kalifornien traf er zwei der Enkelinnen der Hitchcocks, die ihm viel Persönliches berichteten. Eine von ihnen bringt auf den Punkt, was das Buch ausführlich belegt: „They were one“, „Sie waren eins“.
Viele Passagen lesen sich wie Drehbücher zu kleinen Krimis. Gleich am Anfang etwa zieht die Anekdote in den Bann, wieso Alma ihrem Gatten nach der entscheidenden Vorführung vor Produzenten und anderen einflussreichen Hollywood-Größen sagen musste, dass er den Thriller „Psycho“ (1960) so, wie grad gesehen, nicht in die Kinos bringen dürfe. Verblüffend auch, welchen Einfluss Alma auf die noch heute bestens unterhaltende Thriller-Romanze „Über den Dächern von Nizza“ (1955) hatte. Sie war es, die den Rhythmus einer für die Story wesentlichen Verfolgungsjagd entwickelt hat.
Eingebettet ins Zeitgeschehen
Auch andere Klassiker wie „Das Fenster zum Hof“ (1954) und „Der unsichtbare Dritte“ (1959) verdanken der so scharfsichtigen wie scharfsinnigen Frau entscheidende Momente. Kenner von Hitchcocks Œuvre werden in dem Buch manch Bekanntes wiederfinden. Aber selbst sie werden Neues zu Entwicklungen und Entstehungsprozessen einzelner Stories und Gestaltungselemente entdecken. Nicht-Kenner dürften nach dem Lesen äußerst neugierig auf viele Filme sein.
Zahlreiche Bücher zur Filmhistorie kranken am Ehrgeiz der Autorin oder des Autors, möglichst viel Fachwissen auszubreiten, deutlich auszustellen, wie genau sie oder er sich auskennt. Das hat Thilo Wydra nicht nötig. In feiner Sprache schlendert er gleichsam durch die Jahrzehnte, macht Lust darauf, diesen oder jenen Film nochmals oder zum vielleicht ersten Mal anzuschauen, bindet die Arbeit der Filmschaffenden mit oft wenigen Stichpunkten in eine kluge Reflexion des Zeitgeschehens ein.
Mehr als eine Muse
Vor allem ehrt er fern von agitatorischem Eifer die Arbeit einer Frau, die viel mehr als Drehbuchautorin, Schnittmeisterin und Gattin eines gefeierten Filmregisseurs war, mehr als dessen Muse. Alma Hitchcock, geborene Reville, war der Mensch, der es Alfred Hitchcock ermöglicht hat, zur Legende zu werden.
Privat hat sie ihm als Kameradin und Mutter der gemeinsamen Kinder schlichtweg das Dasein lebenswert gemacht, hat ihm bei Ängsten und Neurosen beigestanden. Beruflich war sie, wenn nicht ohnehin stark in die Entstehung eines Films eingebunden, die erste und wichtigste Kritikerin. Mehrfach hat sie mit ihren Einwänden und Anmerkungen bei schon fast fertigen Thrillern dafür gesorgt, dass diese durch von ihr vorgeschlagene Änderungen besser wurden.
„Sie hat so einiges mit mir auszuhalten“
Ohne je eine voyeuristische Perspektive einzunehmen, schildert das Buch auch das private Miteinander des Paares. Ihr Hingabe an die Töchter zum Beispiel wird voller Zuneigung beschrieben. Thematisiert wird auch Almas schwere Krebserkrankung, die sie zum Glück besiegen konnte. Und deutlich wird, dass Alfred Hitchcock sehr genau wusste, was er seiner Partnerin zu verdanken hatte. Dabei war er gelegentlich ein wenig kokett, etwa wenn er notierte: „Sie hat so einiges mit mir auszuhalten.“ Er hat sich dafür aufs Schönste bedankt: Charakterzüge von Alma - emanzipiert, klug, mutig – sind offenkundig in viele der Hitchcock-Heroinen eingeflossen. Eine schönere Liebeserklärung kann ein Filmregisseur seiner Frau vermutlich kaum machen.
Lesezeichen
Thilo Wydra: „Alma & Alfred Hitchcock. Eine Liebe fürs Leben“; Heyne; 496 Seiten; 24 Euro.