Kultur
„Tausend Zeilen Lüge“: Juan Morenos Analyse der Relotius-Affäre
Vom tiefen Fall eines einstigen Branchen-Primus’: Der „Spiegel“-Journalist Juan Moreno sucht in seinem spannenden Buch „Tausend Zeilen Lüge“ nach Erklärungen für das Fälschersystem seines ehemaligen Kollegen Claas Relotius.
Ist es legitim, wenn der Reporter Juan Moreno ein Buch über seinen Ex-Kollegen Claas Relotius, den wohl größten Fälscher im deutschen Journalismus, veröffentlicht, der sich wie ein Thriller liest oder ein Drehbuch fürs Kino? Darf publizistischer Stoff mit persönlichen E-Mails des Fälschers, der Korrespondenz zwischen Kollegen und internen Details über ein Systemversagen beim renommiertesten Nachrichtmagazin Deutschlands garniert werden? Und kann man die Psyche eines notorischen Lügners überhaupt seriös erklären?
Fälschungsaffären gab es im Journalismus schon oft, man denke an Hitlers angebliche Tagebücher oder Tom Kummers Interview-Fakes mit Hollywoodstars. So konsequent und so prestigeträchtig jedoch wie Relotius hat kein Fälscher zuvor im Deckmantel eines Reporters agiert. Weshalb Relotius im Grunde nie ein Reporter war. Selten wurden die Grenzen zwischen Tatsachen, Meinungen und Fiktion so fließend interpretiert, nie zuvor die journalistischen Prinzipien so auf den Kopf gestellt.
Morenos Protokoll „Tausend Zeilen Lüge“ über den tiefen Fall eines Branchen-Primus’ ist nicht nur gut recherchiert, authentisch und spannend zu lesen, sondern vor allem ein lobenswerter Versuch, die beschädigte Glaubwürdigkeit des Journalismus’ wiederherzustellen. Und deshalb ist es nicht nur legitim, sondern gut, dass Moreno als Insider es geschrieben hat.
Brillante Lügen
Welch journalistische Ironie, dass Relotius mit seinen über 60 „Spiegel“-Reportagen mit größtenteils frei erfundenen Zitaten, Personen, Szenen und Schicksalen ausgerechnet die Journalisten-Prominenz und den Fakten-Check der weltweit größten Dokumentationsabteilung hinters Licht führen konnte. Mit über 40 Journalistenpreisen galt er als Galionsfigur und Hoffnungsträger seiner Zunft. Ausgerechnet auf dem Zenit seines Schaffens – Relotius sollte wenige Wochen später Gesellschafts-Ressortleiter werden – stürzte der 47-jährige Moreno, vierfacher Vater und seit zwölf Jahren freier Autor beim „Spiegel“, als Enthüller der Lügen den damals 33-jährigen Shootingstar vom Thron.
In 16 Kapiteln, mit teilweise plakativen Überschriften wie „Showtime“, „Endgame“ oder „Dopamin“, beschreibt Moreno auf 288 Seiten das System Relotius und versucht, etwas über den aktuellen Zustand des deutschen Journalismus zu sagen. Als Ausgangspunkt dient die Reportage „Jaegers Grenze“, die Moreno gemeinsam mit dem federführend agierenden Relotius schreiben sollte. Moreno begleitete einen Flüchtlingstreck, der sich durch Süd- und Mittelamerika in Richtung USA vorarbeitete. An der US-amerikanischen Grenze zu Mexiko sollte Relotius über eine Bürgermiliz aus rechten Trump-Fans berichten, die illegale Migranten daran hindern wollten, über die Grenze zu gelangen. Moreno merkte schnell, dass bei Relotius’ Texten etwas faul war. Auf eigene Faust recherchierte er gegen den mit dem Nimbus des Unantastbaren umgebenen Star-Reporter.
Moreno fand heraus, dass Protagonisten auf den Fotos, über die Relotius schrieb, in Wirklichkeit andere Namen, andere Berufe und andere Lebensgeschichten hatten. Wie nur konnte Relotius in wenigen Tagen eine Bürgerwehr infiltrieren, wozu renommierte Undercover-Reporter meist Monate brauchten? Moreno informierte per E-Mail den Ressortleiter Matthias Geyer, um ihn explizit und mit Indizien auf die Widersprüche in Relotius’ Recherchen hinzuweisen. Das Feedback überraschte: Geyer informierte den designierten Chefredakteur Ullrich Fichtner und bat Relotius, schriftlich zu Morenos Vorwürfen Stellung zu nehmen. Dieser reagierte mit brillanten Lügen und Scheinargumenten, er drehte den Spieß einfach um. Moreno formuliert es so: „Spätestens mit seiner schriftlichen Erwiderung hatte sich die Sache in eine Art Kriminalfall verwandelt. Es gab Verdachtsmomente, Behauptungen, Indizien. Er und ich hatten jetzt – wie Anwälte – unsere Pro- und Contra-Argumente vor den Richtern dargelegt – unseren Chefs.“ Plötzlich war Relotius das Unschuldslamm und Moreno der Angeklagte, der um seinen Job fürchten musste.
Das Zögern der Vorgesetzten
Obwohl große Teile des Falls Relotius im Kommissionsbericht des „Spiegel“ bereits diesen Mai veröffentlicht wurden, gelingt Moreno eine glänzende, schlüssige Reflexion über den eigenen Berufsstand. Zusammenhänge werden transparent, logische Schlussfolgerungen gestellt. „Das Problem war, dass meine Chefs zu diesem Zeitpunkt keine Richter mehr waren – ,Jaegers Grenze’ war nicht nur mein und Relotius’ Text, seit Drucklegung war es auch ihr Text. Geyer und Fichtner waren Partei, und zwar eine, die vor allem Angst davor hatte, einem Betrüger aufgesessen zu haben. Es ist leicht, eine solche Partei zu überzeugen.“ Schließlich opferte man eine Cashcow wie Relotius, in Zeiten von Online-Gratisartikeln und rückläufigen Umsatzzahlen, auch beim „Spiegel“ nur ungern und zögerlich.
Allerdings schießt Moreno bisweilen übers Ziel hinaus, denn im Rückblick lässt sich leicht darüber spekulieren, ob sich Relotius’ Texte wie Grimms Märchen lesen und er mit Google Fakten gecheckt haben soll. Dennoch bleibt es Morenos Verdienst, dem Journalismus vor noch größerem Schaden bewahrt zu haben. Undenkbar, was passiert wäre, wenn ein Fälscher als Ressortleiter oder gar Chefredakteur publizistische Maßstäbe repräsentiert hätte. Nach wie vor verwundert jedoch, warum Vollblutjournalisten Videoaufnahmen ignorierten, bei denen zwei Protagonisten vor laufender Kamera aussagten, Relotius nie im Leben gesehen zu haben, obwohl dieser über sie berichtet haben wollte.
Moreno liefert selbst hierfür eine – vielleicht zu simple – Antwort: Relotius behielt auch unter massivem Druck die Nerven. Indem er nie widersprach und stets eine Erklärung parat hatte – etwa, eine technische Panne oder ein menschlicher Fehler stecke hinter Ungereimtheiten – inszenierte er sich perfekt in der Opferrolle. Ob Relotius in seinen Texten wirklich Erwartungen widerspiegelte und nur wiedergab, was man ohnehin zu wissen glaubte? Ob seine Verklärungen deshalb so ins Schwarze trafen, weil sie so schön ins eigene Weltbild passten? Das kann und will auch Morenos Momentaufnahme nicht beantworten.
Der Journalismus hat durch diese Affäre großen Schaden genommen, dennoch fällt Morenos Resümee positiv aus: „Der Journalismus ist ein anderer geworden nach Relotius. Wenn aber ein Magazin, das keine Fehler duldete, gelernt haben sollte, dass jeder Fehler macht und man solche Fehler am besten offen einräumt, wenn also Relotius zur Herausbildung einer Eigenschaft geführt hat, die dem ,Spiegel’ eher wesensfremd war, Demut, dann glaube ich, dass der 19. Dezember 2018 (an diesem Tag räumte der ,Spiegel’ die Fälschungen des Claas Relotius ein, Anm. des Verfassers) kein Tiefpunkt bleiben muss. Vielleicht ist er ein Wendepunkt.“
Lesezeichen
- Juan Moreno: „Tausend Zeilen Lüge. Das System Relotius und der deutsche Journalismus“; Rowohlt Berlin; 288 Seiten; 18 Euro.