Kultur "Tanz der Vampire" in Köln: Biss in den Freytag
Seit 1997 geistern die Vampire über die Musical-Bühne. Die Uraufführung von „Tanz der Vampire“, basierend auf dem Kultfilm von Roman Polanski aus dem Jahr 1967, war der Beginn einer Erfolgsgeschichte. Über acht Millionen Zuschauer sahen das Musical weltweit. Seit Februar ist es in einer Neuproduktion in der Musical Hall in Köln zu sehen. Ein Blick hinter die Kulissen.
Karl Valentin hatte Recht, wenn er meinte: „Kunst ist schön, macht aber viel Arbeit.“ In der Blackbox auf der Bühne der Kölner Musical Hall kann man es nach der Aufführung von „Tanz der Vampire“ regelrecht riechen. Es riecht nach harter Arbeit, nach Schweiß. Die Akteure ziehen sich hier während der Show auf der Bühne um. Der Gang in die Umkleidekabine würde zu viel Zeit in Anspruch nehmen. Also werden die Tänzer und Sänger in dieser Box zusammengepfercht, um sich in Windeseile neue Kostüme anzuziehen, um die Maske aufzufrischen, vielleicht auch, um einen Schnurrbart anzulegen. An einem Brett sind die Fake-Gesichtszierden alle fein säuberlich aufgereiht. Jeder Griff muss sitzen. Für Fehlgriffe ist keine Zeit. Nach der Show sieht es hier aus, wie im Zimmer eines pubertierenden Jugendlichen. Stiefel, Schuhe, Klamotten liegen auf dem Boden herum. Während die Künstler längst in den Kölner Abend entschwunden sind, muss eine Garderobenfrau Ordnung in das Chaos bringen. Am nächsten Tag steht die nächste Aufführung an. Acht Mal in der Woche wird das Musical, das 1997 in Wien seine Uraufführung in der Regie von Roman Polanski erlebte, in Köln gezeigt. Die Leute lieben es noch immer. Die Freitagabendshow ist ausverkauft. „Es ist die Routine, die einen frei werden lässt.“ Ohne Maske und Vampirumhang wirkt David Arnsperger gar nicht mehr unheimlich. Brezel und Apfelsaftschorle machen aus dem blutsaugenden Graf von Krolock einen durchaus sympathischen Typen, der quasi aus dem Nähkästchen plaudert. Aus dem Leben eines Musical-Vampirs erzählt. Davon etwa, wie schwierig es auch ist, Privatleben und Beruf miteinander zu verbinden, wenn man Teil einer „Long-Run-Produktion“ ist, die auch noch von Stadt zu Stadt weiterzieht; oder von der Sehnsucht, auch mal eine lustige Figur zu verkörpern, nachdem er Erfolge eben nicht nur als Vampir-Graf, sondern auch als Phantom in dem Musical „Phantom der Oper“ von Andrew Lloyd Webber gefeiert hat. „Ich bin da schon ein wenig festgelegt“, bedauert der in Freiburg geborene Arnsperger, der in Berlin und London ausgebildet wurde. Auf der Bühne sticht seine Stimme heraus. Da wäre – ebenso wie bei der jungen Niederländerin Maureen Mac Gillavry in der Rolle der Sarah – auch anderes möglich. Den Don Alfonso in Mozarts Oper „Così fan tutte“ hat er bereits gesungen, und damit, nebenbei, auch seine Sehnsucht nach einer lustigen Rolle stillen können. Regelmäßig ist er beim Kurt-Weill-Fest in Dessau zu Gast. Doch jetzt heißt es erst einmal Mund auf, nicht nur zum Singen, sondern auch zum kräftig Zubeißen. Die Show selbst folgt quasi noch streng dem Regiekonzept, wie es Roman Polanski bei der Uraufführung festgelegt hat. Von Neuinszenierung keine Spur. Das ist ein bisschen so, wie bei der „Parsifal“-Inszenierung am Mannheimer Nationaltheater, die – aus den 1950er Jahren stammend – sogar noch um einiges älter ist. Polanski hat seinen Film zum Teil eins zu eins bis in die Dialoge für die Musical-Bühne adaptiert. Das Buch dafür hat Michael Kunze geschrieben, die Musik stammt von Jim Steinmann und ist voller Zitate aus der Pop- und Rockgeschichte. So ist das leitmotivisch verwendete „Totale Finsternis“ mit der Melodie von Bonnie Tylers „Total Eclipse of the Heart“ aus dem Jahr 1983 identisch; in „Unstillbare Gier“ des Vampir-Grafen kehrt Meat Loafs „Objects in the Rear View Mirror“ wieder. Polanskis Bühnenregie setzte filmische Mittel ein, die Szenen werden zum Teil ran- und wieder weggezoomed. Daran hat sich seit 1997 nichts geändert. Vielleicht wurde die ein oder andere Requisite ausgetauscht. Den Eindruck könnte man zumindest gewinnen, wenn man sich nach der Vorstellung etwas neugierig auf der Bühne umschaut. Da liegt dann beispielsweise auch das Buch rum, das Alfred (Tom van der Ven) dem ebenso liebestollen wie blutgierigen Herbert (Christian Funk) zwischen die weit aufgerissenen Vampirhauer schiebt. Eigentlich sollte es eine Anleitung zum Erobern junger Mädchen sein. In Köln ist es Band sechs einer historischen Gesamtausgabe der Werke von Gustav Freytag. Das ist der Autor von „Soll und Haben“. Der hatte das Bild des braven, arbeitsamen, gehorsamen Deutschen gezeichnet. Blutsauger kommen in seinem Werk allenfalls als frühe Turbokapitalisten vor.