Rockenhausen / Heidelberg
„Super super Kunst“: Wie in Heidelberg Werke der Sammlung Pachen versteigert wurden
Der Autor dieser Zeilen war ausdrücklich unerwünscht bei der Versteigerung der Sammlung Pachen in Heidelberg am vergangenen Freitag. Ausgeladen von Dr. Thomas Nörling – wegen, dessen Meinung nach, erwiesener „Ahnungslosigkeit“. „Sie brauchen gar nicht erst kommen“, ein Satz mit Unterton, un-gelassen ausgesprochen. Weitere Texte, wenn es nach ihm, Nörling, gehe (was es nicht tut), ausgeschlossen. Der Chef von K&K–Auktionen in Heidelberg – das K&K steht für „Kunst und Kuriosa“ – war milde ausgedrückt unzufrieden mit der Vorberichterstattung über den nach einem jahrelangen Erbschaftsstreit notwendigen Ausverkauf des ehemaligen Rockenhausener Museumsbestands.
Zu schlecht sei sein Haus dargestellt worden, um das es in dem Bericht indes nicht so sehr ging, nicht gerade vorrangig jedenfalls. Dafür um die Sammlung Pachen, in die einst 1,4 Millionen Mark Steuergeld gesteckt worden sind. Und die jetzt zugunsten von vier Erben und zu einem Fünftel der Stadt Rockenhausen vertickt werden muss. Und es ging um Künstler wie Otfried H. Culmann und Martin Schöneich, die dem Sammlerehepaar Heinz und Hella Pachen, ihre Sachen günstiger verkauft haben, mit der Aussicht, dass ihre Arbeiten dauerhaft im Museum hängen, statt wie jetzt in einem Heidelberger Auktionshaus.
Was heißt hier 20 Euro?
Zu sehr sagt dessen Primus Nörling indes, sei vorab absurd auf dem einheitlichen Minimalgebot von 20 Euro herumgeritten worden. Das werde, wie alle wüssten, nur pro forma angegeben, gleichwohl erfahrene Sammler wie Uli Giloi aus Winnweiler, den wir dazu befragt haben, auch versichern, es sei das Zeichen dafür, dass bei einer Versteigerung alles raus muss. Auf seine Expertise, meinte dagegen Nörling – und auf die seiner Sammler – sei nun mal Verlass.
Er, so Nörling weiter, sei 40 Jahre im Auktionsgeschäft. Aber nur bei Lempertz, eine der ersten Adressen der Branche im Übrigen, habe in der Zeitung das Attribut „renommiert“ gestanden. Bei dem Kölner Kunsthaus war im Dezember 2020 eine erste Charge mit Hauptwerken der Pachens auktioniert worden, unter anderem mit zwei Werken von Otto Dix. Kann auch sein, dass Nörling sich sehr an dem im Vorabtext zitierten Urteil seines Kollegen Karl-Heinz Knupfer von Venator & Hanstein in Köln störte – dem zweiten Auktionshaus, das der öffentlichen Hand abhanden gekommene Pachen-Sachen versteigerte.
Lorbeerkranz für die Römerin
Seine, Knupfers Experten, hätten 100 Positionen aus der Abertausende Werke umfassenden Sammlung Pachen mitgenommen – zur Prüfung. Die verbliebenen Arbeiten – aberhunderte, sagt Knupfer – seien eher von „regionaler Bedeutung“. Für die „Preisregion“ ab 400 Euro, die sein Unternehmen bediene, nicht mehr interessant. Allerdings stimmt das mit der Preisregion tatsächlich nicht, wie schon ein kursorischer Vorabblick auf den Online-Auktionskatalog des dritten Versteigerers K&K zeigte.
Als Schätzwert für den sanft patinierten „Großen stehenden Akt mit Lorbeerzweig“ von Karl-Heinz Krause etwa sind dort 10.000 bis 12.000 Euro aufgerufen. Eine Bronze des 2019 in Mainz verstorbenen Künstlers, von dem einst Bundespräsident Carl Carstens der niederländischen Königin Beatrix eine Arbeit als Gastgeschenk überreichte. Im Museum Pachen präsidierte sie ehemals den Hof. Verkauft worden ist sie am Freitag dann aber für 7000 Euro, günstiger. Dafür wurde der Schätzpreis für Krauses Werk „Tedesca Romana“ – 3500 bis 4500 Euro – bei weitem überboten. 10.000 Euro wurden gezahlt. Zusammen mit Herbert Kitzels Ölgemälde zweier gelangweilter Harlekine „Vor dem Auftritt“ aus dem Jahr 1953 der Höchstpreis des Pachen-Konvoluts.
Arme Pachens
Pech und Glück, aber das Auktionswesen ist nun einmal so organisiert, dass man selbst als Persona non grata daran teilnehmen kann. Live, etwa auf der Internetplattform lot-tissimo.com, auf der internationale und Heidelberger Auktionen übertragen werden. Alle Positionen sind übersichtlich aufgelistet, Informationen und Bildmaterial lassen sich aufziehen, über einen Button kann mitbieten, wer sich vorher registriert. Corona hat das Online-Geschäft maßgeblich forciert, preislich nicht immer zum Vorteil für die Anbieter, wie der Winnweilerer Sammler Giloi das einschätzt.
Auf lot-tissimo senden manche Auktionshäuser mit Bild. Von der K&K-Auktion war unter anderem der Chef selbst in Aktion nur zu hören, Thomas Nörling, wie er die Sammlung Pachen pries: „Alles super super Kunst.“ Das Auktionsergebnis solle eine Art Reminiszenz an das Ehepaar Pachen werden, meinte er. Wobei aus Rockenhausener und Steuerzahler-Perspektive gesagt werden muss, dass es die aus Ostdeutchland stammenden Sammler vor ihrem Tod leider versäumt haben, ihre Museumssammlung in eine Stiftung einzubringen. Weshalb sie jetzt posthum erleiden müssen, dass ihrer beider Terrakotta-Porträtköpfe, gestaltet von dem rheinland-pfälzischen Kunstprofessor Eberhard Linke, Schätzpreis: 1200 bis 1500 Euro, für 240 Euro zugeschlagen werden.
Alle 177 Lose verkauft
Mit den Geboten, hört man Auktionator Nörling öfter sagen, solle doch bitteschön die Wertschätzung für die Künstlerinnen und Künstler ausgedrückt werden. Er kämpfe für jede und jeden von ihnen. Tatsächlich werden auch alle 177 Lose verkauft. Einmal aber mahnte der Auktionator sarkastisch an, als Brennholzmaterial seien die Gemälde einer Künstlerin bei dem gebotenen Preis nicht überbezahlt. Und auch für die Pfälzer Kunst lief es eher mittelokay als sehr gut. Die große Aluminiumplastik „Figuration“ (1972) des Jockgrimer Karl-Heinz Deutsch etwa brachte 440 Euro ein, Schätzpreis: 2800 bis 3000 Euro. Derselbe Preis wie für zwei Gouachen des Speyerers Bernd Kastenholz aus den Jahren 1995/96, die auf 1000 bis 1200 Euro taxiert waren. Vier Zeichnungen des in Speyer geborenen, na ja, Bildhauerstars Thomas Duttenhoefer wurden für nicht mal die Hälfte der vorab geschätzten 500 Euro versteigert. Die Mischtechniken „Jetzt ist schon vorbei“ und „nature morte“ von Klaus-Heinrich Keller (1938-2018) erzielten 330 statt der erhofften 900 bis 1000 Euro.
Als „Pfälzer Dali“ führte Auktionator Nörling den Rodalber Klassiker Keller ein. Das Werk „L’isola infinite“ aus dem Jahr 1988 des Billigheim-Ingenheimer Künstlers Otfried H. Culmann, auf dem sich zwei Grazien in einer Strand- und Meereskulisse fläzen, lobte er später dann als „Dali vom Feinsten“. 600 Euro bot jemand für das Werk, das im Museum Pachen quasi in der ersten Reihe hing, bei 550 Euro fiel – „zum Dritten“ – der Hammer bei Culmanns „Römischem Gastmahl“, das der Phantastische Realist nach Motiven von Filmer Federico Fellini („La dolce vita“) gestaltet hat. Beide Arbeiten hatten einen Schätzpreis von 750 bis 800 Euro. Der Künstler selbst, der seine Arbeiten den Pachens damals absichtsvoll günstig abgegeben hatte, hält, so seine Auskunft, eigentlich das Doppelte für angemessen. Im Auktionswesen indes, sagt auch Nörling, spricht der Markt.
Wertvolle Unschuld
Heißt: Das „Unschuldsbildnis“ des 1890 in der Sächsischen Schweiz geborenen Johannes Beutner und Mitglied der Künstlergruppe „Die aufrechten Sieben“ geht für 2800 Euro weg, 1000 bis 1200 Euro waren der Schätzpreis. Heißt aber auch: 200 Euro für zwei Ölgemälde der 1947 geborenen Kaiserslautererin Charlotte Litzenburger, die Nörling „richtig gute Frauenkunst“ nennt. 70 Euro für die „Liegende“, eine Terrakotta-Skulptur der Ludwigshafenerin Inge Blum (1924 bis 2011), 70 Euro für das plastische Objekt „Mandala“ von Irmgard Wachendorff (1923-1994), dessen Schätzwert 2000 bis 2500 Euro gelegen hatte.
Besonders hart allerdings traf es den zu seligen Rockenhausener Pachen-Museumszeiten noch musealen, kompletten Künstlernachlass des zugegebenermaßen unbekannten Werner Schädlich aus Celle, Jahrgang 1953. 160 signierte Gemälde, der Schätzpreis 18.000 bis 20.000, sie finden für 700 Euro einen „Liebhaber“, der umgerechnet 4,42 Euro pro Gemälde investiert. Auktionator und K&K-Mit-Geschäftsinhaber Jürgen Hecht-Doerzbacher meinte dazu leise resigniert: „Wir bieten es ja so an.“ Am 18./19. November soll dann Teil zwei der Pachen-Versteigerung bei K&K folgen. Wir berichten weiter.