Schauspiel RHEINPFALZ Plus Artikel Stuttgart: Nahe Mannheim spielendes Stück „Im Ferienlager“ uraufgeführt

Chorleiterin Luise (Silvia Schwinger) und Journalistin Ruth (Celina Rongen) wollen den Mord an dem Jugendlichen aufklären.
Chorleiterin Luise (Silvia Schwinger) und Journalistin Ruth (Celina Rongen) wollen den Mord an dem Jugendlichen aufklären.

Die Autorin Olga Bach beschert dem Stuttgarter Schauspiel mit „Im Ferienlager“ ein Hybrid aus grob gezimmertem Krimi und esoterischem Dokudrama.

Das Ferienlager, um das es schon im Titel geht, soll es vor 100 Jahren gegeben haben. Das Stück spielt 1923 unter Jugendlichen in einer Zeit, in der Hitler in München putschte und eine Nazi-Diktatur installieren wollte. Olga Bachs „Im Ferienlager“ kann man sich als Fitnessstudio für die Seele vorstellen. Hier soll eine Gruppe Jugendlicher an der frischen Luft mit Gesangsübungen für das Leben geformt werden. Dann aber wird im nahegelegenen Wald eine Leiche gefunden, das lässt die neue Chorleiterin Luise nicht mehr ruhen. Sie weiß noch nicht so recht, wie sie mit diesen seltsam störrischen Jugendlichen umgehen soll. Es entwickelt sich eine Art Kimi, und irgendwann ist man unsicher: Ereignet sich das alles nicht doch gerade jetzt im Jahr 2025?

Olga Bach gelang vor knapp zehn Jahren ein viel beachtetes Debüt, in dem es auch um eine Gruppe von Menschen im emotionalen Ausnahmezustand ging. Nach zwei weiteren Theatertexten folgte dann ein Roman. Jetzt hat sie für das Stuttgarter Schauspiel dieses Auftragswerk geschrieben.

Aus dem Theaterstück wird ein Musicalkrimi

Die etwas andere Sommerfrische für junge Menschen soll nahe Mannheim liegen und nicht weit entfernt vom Rhein. Mit der Loreley können die Jugendlichen es nicht aufnehmen, dazu haben sie zu wenig Gefühl für die richtigen Töne. Aber das mit dem Singen soll die neue Chorleiterin ja nun richten, also wird viel geübt und aus dem Theaterstück so was wie ein Musicalkrimi.

Misstrauisch und zur Hobbydetektivin wird die neue Erzieherin vor allem, wenn sie was in Richtung Rock’n’Roll vorschlägt, die Heranwachsenden aber nur romantisch heimatverliebte Lieder singen wollen. Und dann ist da noch die Leiche eines jungen Franzosen. Luise und ihre neue Freundin Ruth, eine investigative Journalistin, wollen den Mord aufklären und die reformpädagogischen Untiefen eines Waldcamps ausleuchten, das von einem gewissen Herrn Heinrich geleitet wird.

Historische Querverweise und heutige Debatten

Womit wir flugs wieder im Stuttgart der 1920er-Jahre wären, in denen die Schwaben Rudolf Steiners Waldorfpädagogik entdeckten. Derart historische Querverweise gibt es viele, und irgendwann hat man den Eindruck, Olga Bach habe in einem Kessel Buntes ziemlich viel zusammen gekocht – passend zum dissonanten Gesang des Jugendchors. Bach will, dass die Jugendlichen so argumentieren, wie wir das von heutigen Wokeness-Debatten kennen. Irgendwann sagt einer der unwilligen jungen Leute zu Luise, sie verstehe nicht, was kulturelle Aneignung sei, und diese kann tatsächlich nicht verstehen, dass sie in eine der heute so häufig lauernden identitätspolitischen Fallen gestolpert ist.

Bachs Waldcamp will uns sagen, dass wir heute wie vor 100 Jahren in einer gefährlichen Zeit der Radikalisierung und ideologischen Atomisierung der Gesellschaft leben. Ist doch okay, könnte man sagen, schließlich spiegelt Olga Bach die zunehmend komplexere Unübersichtlichkeit unserer aktuellen Lebensumstände. Dagegen steht, dass all die erzählerischen Fäden, die sie baumeln lässt, in einem Theatertext zumindest gelegentlich verknüpft werden sollten, damit eine Regisseurin wie Jessica Klause aus dem Ganzen eine überzeugende Bühnenerzählung machen kann.

In der Stuttgarter Uraufführung gibt es immer wieder gelungene Passagen, etwa im Zusammenspiel von Luise mit Herrn Heinrich (Silvia Schwinger ist eine zurückhaltende, dezent überforderte Chorleiterin, Sebastian Röhrle ein jovial, gefährlicher Machtmann). Immer wieder hat man aber auch den Eindruck, dass die Stuttgarter Schauspieler und die 13 Laiendarsteller im Chor der Jugendlichen erst noch zusammenfinden müssten.

Termine

Weitere Vorstellungen am 19. Januar, 14. und 15. März.

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